The Smell Is Real

CHICAGO, 10. September, 11:07 Uhr. Van Buren Street, neben der stillgelegten Post. Vernagelte Fenster, weil niemand mehr Briefe schreibt.

Abfahrt mit dem Megabus nach Indianapolis. Es ist eng wie im Linienbus – von wegen also mega.

Am Heck des Busses verlud einer die Koffer, der aussieht wie Jamie Foxx. Mit mir schimpfte Jamie: «Zu viele Taschen für zwei!»

Wir durften trotzdem mit – und ich musste ihn nicht mal bestechen. Könnte ich auch gar nicht: den Dollarschein diskret in der Handfläche halten, ihn händeschüttelnd überreichen, wie im Mafiafilm.

Nun sagt ein anderer Mitarbeiter die Regeln durch, die im Megabus herrschen. Nur Verbote. Am besten bleibt man einfach still sitzen, atmet leise, schaut aus dem Fenster.

Jamie Foxx setzt sich zu einer dicken Frau, die eine Perücke trägt. Und ein lila Kleid. Und lila Socken. Ihre Tasche ist auch: lila. Wie ihre Fingernägel. Sie liebt die Farbe, die Farbe Lila. Sie versteht sich blendet mit Jamie, beide lachen viel.

Mir gegenüber sitzt ein dürrer Junge, der es sich richtig gemütlich gemacht hat. Die Schuhe hat er ausgezogen, die Socken auch. Es stinkt unter dem Tisch, der sich zwischen uns befindet. Es stinkt nach Füßen, nach Schweiß und Tod.

Kann man hier die Fenster öffnen? Ist das erlaubt, Jamie?

Er schüttelt den Kopf. Sorry.

Die lila-liebende Frau telefoniert derweil mit ihrer besten Freundin und spielt auf einem zweiten iPhone Candy Crush. Draußen zieht die Landschaft vorbei: geplatzte Reifen am Straßenrand, überfahrene Tiere, braunes Gestrüpp. Ein riesiges Schild verkündet «Hell Is Real, Jesus Is Real». Ein anderes verspricht: «Free Breakfast».

Die junge Frau, die neben dem Stinkefuß sitzen muss, liest die gleiche Zeitschrift wie ich: Psychology Today. Titelthema: Wicked Thoughts. Die habe ich auch, wenn ich den dürren Jungen angucke. Wie er da gelangweilt auf seinem Laptop herumtippt. Wie er seine stinkenden Füße streckt, wie er die Gelenke knacken lässt. Ich hasse ihn. Aber ich bin zu höflich und zu feige, ihm ins Gesicht zu brüllen: «The Smell Is Real!»

Würde ihm so gern seine Füße abhacken und aus dem Fenster werfen. Aber Jamie schüttelt wieder den Kopf. Sorry.

Endlich Ruhe

In Berlin gibt es neuerdings eine Friedhof für Lesben, wo Frauen, die Frauen lieben, ihre letzte Ruhe finden. Da sind sie dann ganz unter sich: keine verblödeten Macho-Spackos, denen nur dumme Sprüche einfallen, keine intoleranten Idioten, die lieber hassen, als zu leben. Für die und alle anderen Randgruppen kann es ja eigene Friedhöfe geben – für jede Minderheit ein exklusiver Ort für die lange Zeit nach dem Sterben. Neben einem Friedhof der Kuscheltiere gibt es einen muffigen Raucherfriedhof, wo es ständig qualmt. Porschefahrer finden ihre letzte Unruhe auf dem Autofriedhof, auf dem geschnitten und geschimpft wird: über rote Ampeln, Radfahrer und Schlaglöcher. Und auch die Behinderten, Nazis und Dinkelbrot-Ökos haben ihre eigenen Ruhestätte – so kommen sie einander nicht mehr in die Quere und es herrscht himmlische Ruh.

Eine solche Friedhof-Fragmentierung hat allerdings einen Nachteil: Wer sich nicht so recht entscheiden kann, wo er hingehört und liegen soll, müsste seine sterblichen Überreste zerteilen lassen – immerhin tut das nicht mehr weh. Das Herz kommt dann auf den Lesbenfriedhof, die Lunge zu den Rauchern und die Hände zu den Taschendieben.

Viele fühlen sich zwar am wohlsten unter Leuten, die so ticken wie sie selbst. Wenn aber die Sargnachbarn allzu ähnlich sind, wird’s schnell öde. Zu viel Gleichheit nervt auf Dauer – und der Tod dauert lange, verdammt lange. Interessanter, das sind vielleicht doch die anderen. Die Raucher, die Ökos, die Briefmarkensammler …

Nur die Nazis, die können bitte unter sich bleiben.

Diese kleine Glosse entstand für ein Seminar an der Akademie für Publizistik in Hamburg: «Kommentare und Glossen» mit Cord Aschenbrenner.

Wissensdurstige Zombies

Es ist unklar, welche Umstände mich herführten – Zufall, Schicksal oder doch nur ein kräftiger Windstoß: Alles ist möglich. Klar ist nur, dass ich mich zwischen den Bücherregalen befinde und so tue, als würde ich mich für all das hier interessieren, für Chemie, für Biologie, für Quantenphysik. Und wenn mich auch sonst eine Begierde nach Informationen treibt, gilt mein Interesse einzig einem Gesicht und braunen Haaren, die an einem eleganten Rücken herabfallen. Der Rücken gehört zum Körper der Buchverkäuferin, die gerade irgendwas in den Computer tippt.

Ich bin nur ein Kunde, ich bin nur irgendjemand. Doch ich will nicht nur einer von hunderten sein, ich will, dass ihr Lächeln nur mir gilt.

Ich muss sie ansprechen, jetzt sofort.

Oder doch lieber morgen?

«Nein, jetzt!», brüllt mir Charles Darwin von einem der Buchcover entgegen. Und in diesem Augenblick taucht am Regalende plötzlich diese bezaubernde Person auf. Ich erschrecke, mit dieser plötzlichen Nähe hatte ich nicht gerechnet. Wie viel Zeit war nur vergangen, wie lange hatte ich vor den Büchern verbracht?

Mein Kopf ist leer, denn mein Gehirn hat sich prompt aus dem Staub gemacht. Ich bin auf mich alleine gestellt.

«Kann ich Ihnen helfen?», fragt sie mich.

«Ich suche nur was zu lesen», sage ich. Und das ist schon eine äußerst originelle Erklärung, wenn man bedenkt, dass ich mich in einem Buchladen befinde. «Eins habe ich schon», ergänze ich stolz und halte tatsächlich ein Buch hoch – kann mich mal bitte jemand stoppen?

«Okay», sagt sie, vielleicht aber auch etwas anderes, vielleicht gar nichts. Sie kehrt zu ihrem Computer zurück. Das hier ist eben keine Bar, in der sie dauerhaft angebaggert wird, das ist die verdammte Fachbuchabteilung, wo man sich höchstens der intellektuellen Lust nach Wissen hingibt.

So sollte das nicht laufen, so kann ich das nicht enden lassen. Zaghaft folge ich ihr und gebe meine Deckung auf. In diesem Moment taucht von rechts ein dürrer Zombie auf, er trägt Halbglatze, sein Resthaar ist blutgetränkt. Er will ebenfalls zu ihr, er ist ein echter Kunde, der sich wirklich für die dicken Wälzer interessiert, ganz besonders für Täterbiografien.

«Sagen Sie mal, haben Sie auch die Himmler-Biografie von Peter Longerich?», fragt er röchelnd und schiebt sich die eckige Brille auf der zerfetzten Nase zurecht. «Die Biografie über Heinrich Himmler – haben Sie die?»

Ein zweiter Zombie kommt rein, auch er hat eine Frage und schon einen Zettel in der Hand. Es passiert alles sehr schnell, ein dritter Greis rempelt mich an, ein vierter niest, ein fünfter justiert seine linke Gesichtshälfte. Und sie alle haben mindestens zwei Fragen, sie alle wollen zu ihr, sie alle wollen ihre Aufmerksamkeit. Der Zustrom an stöhnenden Zombies reißt nicht ab, sie kommen von allen Seiten, hustend und übelriechend. Es ist eine Horde, eine stöhnende Unendlichkeit an Glatzen und Brillen, so viel Fleisch und so viele graue Jacken …

Und ich komme einfach morgen wieder.

In einem verrückten Flugzeug

Boeing 737-800, Sitz 22, Mittelplatz. Drei Stunden Flugzeit. Über unseren Köpfen flimmern kleine Bildschirme, draußen nur die Schwärze und die Sterne bei minus einundfünfzig Grad Celsius. Neben mir sitzt eine Frau, die da nicht hingehört. Der Fensterplatz ist eigentlich meiner, aber sie sitzt da trotzdem und tut so, als verstehe sie kein Englisch. Sie ist nervös, dann zieht sie sich ihre Jeansjacke über den Kopf. Sie hat sich ein Schloss errichtet und sie ist die Prinzessin, die auf einen edlen Ritter wartet.

Schnell wird es langweilig, ich will Musik hören. Es muss ein evolutionärer Instinkt im Kampf ums Überleben sein, der meine Sitznachbarin jetzt überkommt; eine schiere Angst, die schnelles Handeln erfordert. Plötzlich reißt sie mir meinen MP3-Player aus der Hand, um ihn auszuschalten. Sie weiß nicht, dass man elektronische Geräte heutzutage gar nicht mehr ausschalten kann und sie weiß auch nichts von dem Handy im Offline-Modus, das sich in meiner Hosentasche befindet. Die Regeln sind eindeutig. Das Sicherheitsvideo am Anfang des Fluges hat deutlich darauf hingewiesen, dass dieser Modus nicht zählen würde – das Handy muss ganz aus, weil wir sonst alle sterben werden, weil sonst das Flugzeug samt Insassen eins wird mit der harten Erdkruste.

Musikhören ist aber erlaubt, aber das will die hysterische Kuh neben mir natürlich gar nicht hören. Ich nehme ihr meinen Sony Walkman (sic) wieder aus der Hand und versichere der nervösen Pute, dass ich ihn abschalten werde – und höre weiter Musik. Sie verschwindet wieder unter ihre Jacke und beruhigt sich.

Pinkelpause. Ich traue der Spülung direkt zu, dass sie Menschen töten könnte. Und wie soll man in dieser kleinen Kabine eigentlich Sex haben?

Es ist warm und es riecht nach nichts; vielleicht ein bisschen nach etwas, das ich nicht definieren kann. Ein Geruch, den meine Sitznachbarin verströmt. Es könnten ihre Haare sein, im besten Fall ist es ein billiges Parfüm.

Eine Borddurchsage, die Pilotenstimme blechert durch die Stahlröhre, ich verstehe kein Wort. Wie hoch ist unser Startgewicht? Wie hoch sind wir? Und wie hoch ist die Temperatur? Nichts, keine Informationen, nur ein Spielfilm mit Füchsen.

Abendessen: «Chicken or noodles.» Die Spucktüte muss vor der Benutzung umständlich geöffnet werden. Die kleine Infografik empfiehlt die Benutzung einer Schere. Wie blöd, dass sie die einem vorhin abgenommen haben. So muss ich im Notfall wohl auf meine Sitznachbarin kotzen.

Ich werde also Nudeln nehmen.

Jesus war kein Kinogänger

Neulich war ich mit meiner Begleitung im Kino. Wir verzichteten auf modernen 3D-Schnickschnack und sahen ein altbewährtes Lichtspiel, welches immerhin von einem digitalen Projektor an die Leinwand geworfen wurde. Meine Begleitung bemerkte den Bildunterschied gar nicht, während ich voller Begeisterung ob der herrlichen Farben und Kontraste glatt die Leinwand ablecken wollte. Ich tat dies aber nicht, weil ich ganz nach vorne hätte gehen müssen und der Boden so dermaßen klebte, dass nur ein zähes Schleichen möglich war. Der Abspann wäre längst gelaufen, ehe ich unten angekommen wäre. Also blieb ich sitzen und machte meine Sitznachbarin auf das hervorragende Bild aufmerksam.

«Keine Fussel, keine Flusen und keine Flecken – siehst du das denn nicht?»

«Ne.»

Zuvor hatten wir in der langen Schlange gestanden, um reservierte Karten abzuholen. Während ich meine Begleitung mit meinen Überlegungen langweilte, stand plötzlich die Kinokartenverkäuferin (KKV) auf, lugte über die Scheibe – sicherlich Panzerglas – und richtete das Wort an uns, die wartenden Kinogänger (KG).

Ob denn jemand die Güte besäße, einem kleinen Mädchen hier vorne fünfzig Cent zu geben, sie würde sich sonst die Kinokarte nicht leisten können, erläuterte die KKV in indirekter Rede. Mir kamen die Tränen.

Ihr selbst sei es in der Rolle als KKV nicht gestattet, während der Arbeit Bargeld mitzuführen, weswegen sie sich nun voller Hoffnung an uns, die guten KGs in der Schlange, wendete. (Hat sie denn keine Münzen in der Kasse, fragte sich eine adipöse Frau hinter mir und schüttelte den Kopf so stark, dass ich ihr Gesichtsfett schlabbern hören konnte.)

Ich weinte noch mehr, meine Tränen waren jetzt so dick, dass mir der Tränenkanal schmerzte. Vorne stand das liebenswürdige Mädchen und wartete geduldig auf die Spende. Sie war ein bisschen pummelig und Brillenträgerin. Sie war ganz alleine hier, was ich bewunderte. Meine heimliche Fantasie, alleine ins Kino zu gehen, gewann fast schon an erotischer Spannung, als mein Dozent in seiner Vorlesungen über das Buch Bowling Alone (2000) spottete: Nur ein Kinobesuch ohne Begleitung ist ähnlich traurig wie alleine bowlen zu gehen. Welch verbotenes Vergnügen das wäre, gesellschaftlich geächtet wie früher die Homosexualität vielleicht.

Meine Begleitung schaute mich irritiert an, sie las schon wieder in meinen Gedanken. Schnell kramte ich lieber mein Portemonnaie hervor und wir alle taten so, als suchten wir nach 50 Cent. Ich fand die passende Münze auch, wartete aber darauf, dass der Mann vor mir Geld aus seinem Bestand zur Verfügung stellte. Und endlich verlor er die Nerven, wahrscheinlich fing sein Film gleich an. Er hielt eine brandneue Münze in die Luft – sie glänzte und funkelte – und schritt nach vorne.

«Ich bin Christ und tue dies gerne, denn Jesus würde es auch tun», erklärte der Mann uns Gaunern, die auf den Boden schauten (auf der Suche nach noch mehr Geld).

«Jesus war gar kein Kinogänger», wusste ich und wischte mir die Tränen aus den Augen. Der edle Spender war der Held des Abends und wir alle ihm äußerst dankbar. Viele von uns dachten darüber nach, ihm ein Denkmal aus Popcorn zu errichten.

Das war uns dann aber doch zu teuer.