Corona-Alltag: Autokorso der Verdammten

Als wir an einem Samstag an der Haltestelle stehen und auf die Stadtbahn warten, sehen wir in der Ferne aufgeregte Blaulichter flackern: ein Autokorso in Polizeibegleitung, Cops auf Bikes! Gebannt schauen wir, wer dort angefahren kommt: Es sind Impf-Skeptiker und Corona-Leugner, die in grauen Kombis und Kleinwagen hocken. Diejenigen, die sich hartnäckig weigern, einen breiten Konsens hinzunehmen; Leute, die der Wissenschaft misstrauen; Männer und Frauen, die alles besser wissen und keine Impfung wollen und das Corona-Virus lieber verharmlosen oder beiläufig ablehnen. Interessiert das Virus natürlich nicht, es kriecht unbeirrt in Lungen und randaliert in Körpern, egal ob deren Pächter an die Heilkräfte von hübschen Steinen glauben.

Das Virus randaliert in Körpern, egal ob deren Pächter an die Heilkräfte von hübschen Steinen glauben

Die Autos sind beklebt mit selbst gebastelten Bildern, durchgestrichene Masken und der Forderung, alle Einschränkungen sofort zu beenden. Gegen die «Corona-Diktatur»! Gegen jeden Impfzwang! Pure Vernunft darf niemals siegen, oder wie war das? Dumpf bollert ein Bass, denn ein Hugo hat seine Party-Boxen aus dem Keller geschleppt und auf die Rückbank seines Opels geworfen.

Sollten mich diese sonderbaren Leute interessieren? Oder sollte ich sie schlicht ignorieren? Vielleicht, aber ich kann nicht anders: Sofort lodert es in mir, als ich erkenne, wer da im Schneckentempo in einem Autokorso an der Haltestelle vorbeifährt. Meinungsfreiheit ist super, aber diese «Meinungen» sind mir schlicht zu dämlich, als dass ich sie tolerieren oder ignorieren könnte1.

  1. Eventuell habe ich den Autofahrern zwischendurch den Mittelfinger gezeigt, aber das weiß ich nicht mehr, kann es weder bestätigen noch abstreiten. Mein ausgedachter Anwalt meint, ich solle jetzt lieber schweigen. Es wäre ja auch ein alberner Reflex, völlig überflüssig und kindisch. Doch mir passiert das manchmal: Wenn mir zum Beispiel jemand die Vorfahrt nimmt und dadurch mein Leben gefährdet, ist mein Mittelfinger schnell erigiert. Oder wenn ich einen dummen Fascho sehe, wie er ein NPD-Plakat an einen Laternenmast bindet. Oder einen AfD-Creep, dem braune Soße aus der Gusche tropft. Es ist eine hilflose Geste, die aber immerhin meinen Standpunkt rasch verdeutlicht.

Eine Frau schaut mich fröhlich aus ihrem Passat an, lächelt euphorisch-debil, sie feiert sich und ihre Mitstreiter – was für eine fantastische Parade das doch wieder ist! Sie ruft mir etwas zu, das ich nicht verstehe; sie schreit, aber ihre Botschaft will nicht ankommen. Der Bass vom Party-Opel blockiert mein Gehör.

Die Welt kämpft gegen diese verdammte Pandemie, die nie enden will. Ärztinnen und Pfleger schieben Überstunden und halten das irgendwie aus. Und diese Trollos juckeln durch die Stadt und verbreiten wirre Ansichten, die niemanden weiterbringen. Brauche ich nicht weiter ausführen, ist uns allen klar. Die Frage: Wie damit umgehen? Es muss wohl einen gesellschaftlichen Widerstand geben (der natürlich über Mittelfinger hinaus geht). Gerade, wenn sich diese Gruppen radikalisieren und sich Hass rasanter als Viren verbreitet.

«Ach, keine Ahnung!», schließe ich meine lückenhaften Überlegungen ab. Die Menschen in der Stadtbahn, in der wir inzwischen sitzen, schauen irritiert in die Luft. Das ist immer so, wenn ich leicht aufgebracht über gesellschaftliche Missstände monologisiere. «Kalt heute, brrr», sage ich schnell, um die Stimmung zu heben. Alle freuen sich dann auf Weihnachten.