Corona-Alltag: Einsames Röhren in der Stille

Sonnig, aber kalt. Draußen ist nichts mehr los: Kaum Leute unterwegs, kein Auto weit und breit. Dann röhrt plötzlich ein Motor auf, heult und jault. Aus der Nebenstraße geschossen kommt ein Mercedes und rast mit quietschenden Reifen um die Kurve. Ohne zu blinken, ohne zu bremsen. Am Steuer thront ein weißer Mann, der wie bei einer Verfolgungsjagd die Straße runterbrettert. Eigentlich ist das hier eine Tempo-30-Zone – egal. Auf dem Beifahrersitz ruht eine Frau, die sich von dem Stunt kaum noch beeindrucken lässt.

Am Abend tragen wir unsere Beute nach Hause, es gibt weiterhin kein Klopapier, aber immerhin diesen geilen Aufstrich, den besten der Welt; den gab es monatelang nicht. Eine Frau taucht auf, vielleicht aus dem Gebüsch. Sie trägt weiße Handschuhe und einen komplizierten Mundschutz. Sie deutet mit beiden Zeigefingern energisch auf den Fußweg, der an dieser Stelle sehr breit ist. Aber eben nicht breit genug: «Bitte hintereinander gehen und Abstand halten!», ruft sie aufgeregt und fordert Solidarität ein. Die Frau wirkt hysterisch und völlig wahnsinnig – wie will sie die nächsten Wochen durchstehen? Wie will sie im Supermarkt bestehen?

Die Ampel ist rot, ein Radfahrer hält. Er redet offenbar mit sich selbst, nuschelt und murmelt. Dann zieht er im Rachen alle Spucke und jeden Schleim zusammen, der sich dort angesammelt hat, und rotzt genüsslich und schwungvoll auf die Straße. Irgendwie ein völlig unpassendes Verhalten, gerade in diesen Zeiten. Dieser Mann aber, der fühlt sich gut. Erleichtert.