Corona-Alltag: Das Leben im Hof

Das Leben und der Alltag sind an diesem Samstag auf den Hinterhof beschränkt. Der Balkon: kein Ort der Ruhe, kein Ort der Entspannung – die Idylle ist woanders. Eine Kreissäge kreist wie Gedanken und ein Bass bollert wie ein erregtes Herz. Stimmen hallen durch den Hinterhof und weisen zurecht. Eine gute Hausfrau, die Heike heißt, saugt den Balkon mit ihrem Industriestaubsauger ab und die Käferleichen ein. Ein Fernseher erzählt derweil Wiederholungen, wie der demente Opa, der schon wieder von alten Schlachten berichtet. Und alle wissen, wann die Köpfe platzen. Zwischendurch Stille, ganz plötzlich, aber auch nur ganz kurz. Die Ohren tun dann weh.

Lebendige Anarchie

Die Sonne kitzelt die Lebensgeister wach, wie im Rausch lärmt das Leben. Jeder macht, was er will; jede macht, was sie will. Lebendige Anarchie. Ein langer Schrei zieht bis ins Mark und schlägt mit voller Wucht gegen das Trommelfell, das damals noch ein «Feld» war, damals, als der Staubsauger ein «Stocksauger» war, damals, als sich die ganze Welt auf einer bunten Wolldecke erstreckte, die auf dem Rasen lag. Dort kämpften Indianer und Cowboys aus Plastik gegeneinander. Und keiner hat mit dem T-Rex gerechnet, der plötzlich auftaucht und brüllend alle Köpfe abbeißt und abreißt und verspeist. Damals auf der Wolldecke im Garten sitzen und stundenlang spielen. Ein Paradies ohne Schuld und ohne Verantwortung.

Im Hier und Jetzt kreischen zwei Mädchen freudig, als ihr Trampolin endlich steht – es ist das zweite hier im Hinterhof. Die Mädchen hüpfen auf und fallen hinab und üben dann eine Tanz-Choreografie ein. Das Lied wiederholt sich, wiederholt sich, wiederholt sich, wiederholt sich, bis die Choreo sitzt. Das Publikum: Mama, Papa und Hund. Der bellt am Ende, ihm hat’s rein gar nicht gefallen. Anschließend Mittagessen, Teller klappern und die Gläser füllen sich mit Fanta. Justin Biebers Stimme hallt durch den Hinterhof. In Sim City würde ich jetzt eine Atombombe drauf werfen.