Corona-Alltag: Herbst in «Merkel-Deutschland»

In den Supermarkt dürfen eigentlich nur Kunden mit Einkaufswagen. (Siehe dazu: Maskiert im Aldi.) Die Regel ist wahrscheinlich nicht neu, wurde bislang aber nicht streng durchgesetzt. Das änderte sich jüngst, der zweite Lockdown verlangt danach. Neu sind deshalb die Hinweise am Eingang (die man seltsamerweise doch eher übersieht). Ein älterer Herr, der sich verzweifelt seine paar Haare über die Glatze gekämmt hat, steht vor dem Hinweis und liest: Einlass nur mit Wagen. Wütend stampft er rüber zu den Einkaufswagen und ruft: «Dieses scheiß Merkel-Deutschland!» Ich schlage vor, dass er das Land verlassen könne, schließlich gibt es wunderschöne Orte auf diesem Planeten. Der ältere Wutbürger schreit: «Wenn ich jünger wäre, würde ich das auch machen! Scheiß Merkel-Deutschland.» Immerhin trägt dieser wütende Mann eine Maske.

Ironisch Maske tragen

Die Wagenpflicht dient dazu, die Anzahl der Kunden im Supermarkt zu kontrollieren. Das hat im Sommer aber niemanden interessiert. Zunächst bin auch ich (wie immer) ohne Wagen hinein, aber sogleich schrie mich eine Verkäuferin an: «Hier gilt Wagenpflicht, steht auch draußen dran!» Ich schleich mich wie ein Lurch, geknickt und gedemütigt. Kehre mit Einkaufswagen zurück und kaufe viel zu viel, denn plötzlich habe ich so viel Platz, den ich mit Produkten füllen kann.

Deutschland im Herbst, Merkel-Deutschland, Corona-Deutschland. In der Fußgängerzone verzichten nur vereinzelt Leute auf die vorgeschriebenen Masken. Im Öko-Supermarkt schaut sich eine junge Frau die Hülsenfrüchte an. Sie trägt keinen Mund-Nasen-Schutz, keinen Schal, nicht einmal ein Seidentuch. (Auch keine ironische Maske aus Tampons oder so.) Sie kauft ein, wie es im Januar noch ganz normal war. Lange her. Diese unmaskierte Frau ist entweder eine Corona-Leugnerin, eine Rebellin, eine Wutbürgerin – oder sie hat ein Attest und ist ärztlich von der Maskenpflicht befreit. Es ist nicht zu erfahren. Immer wieder gucken Kunden leicht schockiert die Frau an; viele werden überlegen: Muss ich die jetzt zur Rede stellen? (Ist diese Frau eine überforderte Öko-Akademikerin, die ihre Kinder auch daheim erzieht, weil sie befürchtet, Laura-Marie und der ungeimpfte Maximilian würden unter der Maske ersticken?)

Die Blätter fallen von den Bäumen. Wütend brüllen die Laubbläser, sogar im Stadtwald. Als würden sie die Viren wegblasen, die vergifteten Aerosole. Durch meinen Kopf weht der kalte Wind.