Corona-Alltag: Die Wände wackeln

Zu Hause sind immer nur wir. Zu Hause sitzen wir am Schreibtisch, sitzen, schreiben und verschieben Ebenen in Photoshop. Die Schulter tut weh, manchmal der Rücken. Zwischendurch eine längere Runde durch den Stadtwald. Am Abend dann in den Supermarkt, zu dm, zum Kaffeehändler, zum Feinkosthändler. Alltag und Routine. Weiterhin kein Besuch im Café zur Auflockerung, kein Kopfrechnen (wegen Trinkgeld), kein spontaner Bummel durch die City, kein Besuch im Buchladen.

Neulich bestellte ich online ein Buch1, das in die Buchhandlung geliefert wurde. Eigentlich Blödsinn, die Post hätte es mir ja auch nach Hause gebracht, bis zur Haustür, bis ans Bett. («Lesen Sie mir noch was vor, lieber Herr DHL?» – «Aber klar doch.») Ich fand es jedoch schön, zum Laden zu latschen und einen Hauch Buchluft zu schnuppern. Rein durfte ich natürlich nicht, ich musste wie ein Hund vor der Tür warten, während der Buchhändler irgendwo hinten nach meinem Buch suchte (und es fand).

  1. Meine Lektüre passt gut zur Zeit, das Buch heißt Ein Haus auf dem Land / Eine Wohnung in der Stadt von Jan Brandt (siehe Amazon). Auch ich sehne mich in diesen Zeiten in ein großzügiges Haus, das irgendwo auf dem Land (oder mitten im Wald) steht und von einem schönen Garten umgeben ist. In diesem Garten würde ich manchmal verschwinden, würde ich japanische Ahorn-Bäumchen züchten. Die Stadt ist derzeit nur eine graue Kulisse: Was bringen die schönen Läden, die vielen Cafés und Bars, wenn sie verschlossen bleiben müssen? Eben: nix.

Der Karton als Laden

Die Transporter von DHL, Hermes, DPD, Amazon und UPS sind allgegenwärtig und jeden Tag klingeln die Boten an unserer Tür. Wir wohnen im Erdgeschoss, viele Pakete landen hier. Die Läden befinden sich in Kartons; die Kartons sind die Geschäfte. Und das Wohnzimmer ist die Welt: Urlaub auf dem Sofa, Kino auf dem Fernseher, Disko vor den Sonos-Boxen. Die Küche ist Restaurant-Küche; doch zum Esstisch kommt leider kein Kellner.

Der Nachbar aus dem Nebenhaus hat das Rad für sich entdeckt. Nur, dass er nicht durch die echte Welt radelt, sondern sich auf einem Heimtrainer abstrampelt, wie ein Verrückter, Stunde und Stunde. Das eiernde Surren dröhnt dann durch die Mehrfamilienhäuser, bohrt sich tief in meinen Gehörgang und ins Stammhirn. Die ältere Nachbarin ist schlaflos, weil sie ihr Geschäft nicht öffnen darf. Also guckt sie viel Fernsehen, bis tief in die Nacht. Hört sich Klassikkonzerte an: Schlafzimmer statt Philharmonie. Wir liegen im Bett und hören unfreiwillig mit, die Wand ist das Orchester.

Leugnen hilft nicht

Wahrscheinlich werden die Maßnahmen bald strenger, weil die Leute hartnäckig unvernünftig bleiben und zum Beispiel weiterhin große Kindergeburtstage feiern. Die Sehnsucht ist zwar nachvollziehbar, wenngleich auch unsolidarisch. Viel schlimmer sind aber die Besserwisser ohne Wissen, die schnappatmend jeden Konsens verleugnen und keinerlei sinnvolle Argumente beisteuern. Es ist nur frustriertes Gesülze von Gescheiterten, die Schuldige suchen, sie aber nie in sich selbst finden. Und während es sich Corona-Leugner und -Verharmloser einfach machen, opfern sich Pfleger und Pflegerinnen weiterhin auf, ebenso das Personal in den Krankenhäusern.

Ich sitze am Schreibtisch und schreibe. Der Himmel ist eine graue Platte, die wie ein Deckel über der Stadt liegt. Der Nachbar läuft vor dem Fenster vorbei, gleich schwingt er sich wieder auf sein Rad. Nie wird er ein Ziel erreichen.

Die Corona-Chroniken