Corona-Alltag: Alter schützt vor Dummheit nicht

Meine Hausärztin hat 2022 erst mal keinen Termin für mich. Ich soll es im Januar noch einmal versuchen, dann wisse sie mehr, erklärt die Sprechstundenhilfe. Im Februar wird meine zweite Corona-Impfung sechs Monate her sein1. Vielleicht gibt es bis dahin wieder ein Impfzentrum. Im Sommer fuhr ich zweimal dorthin und bekam einmal ein Kinderpflaster. Und einmal hatte ich ordentliche Nebenwirkungen – von der zweiten Impfung, aber das war nicht schlimm, denn ich konnte ohne schlechtes Gewissen Lego bauen, und zwar das Seinfeld-Set. Habe auf dem Sofa gesessen und gebaut, wie früher, als Kind, als ich eine ganze Lego-Stadt in meinem Zimmer stehen hatte, mit Feuerwehrstation und Polizeistation und ohne Krankenhaus, das gab es von Lego nicht.

  1. Den Booster bekam ich schließlich am 14. Dezember im Krankenhaus. Dort hatte ein Impfteam jeden und jede geimpft, der und die wollte. Ich hatte allerdings mein Portemonnaie zu Hause liegen gelassen, was glücklicherweise kein Problem war – ich bekam den Schuss dennoch. Immerhin hatte ich meinen Impfpass dabei. (Dass ich zuvor schwarzfuhr, verschaffte mir einen nachträglichen Kick; ich fühlte mich lebendig und wollte sogleich eine Straftat begehen.)

Der Idiot

Vor dem ersten Schnelltestzentrum hat sich eine lange Schlange gebildet, vor dem zweiten eine längere. Die längste Schlange aber befindet sich vor dem dritten Testzentrum – dort habe ich meinen Termin gebucht. Ich brauche den Test, um später ins Kino zu dürfen, dort gilt 2G+, und wir möchten den Gucci-Film mit Lady Gaga anschauen. Es nieselt. Es ist kalt. Der junge Mann vor mir dreht sich viel zu oft um, als würde ihn jemand beschatten. Aber da bin nur ich. Und warte. Wir warten. Ich überlege, dem Mann spaßeshalber später zu folgen; verwerfe den Plan jedoch rasch.

Regelmäßig kommt eine Frau aus dem Gebäude und fragt ab, ob auch alle einen Termin hätten. Ja, ja – nein. Wer keinen hat, den schickt sie weg. Die Schlange wird deshalb etwas kürzer. Ein Mann ohne Termin schimpft: «Das ist doch scheiße!» Stimmt schon. Nach fünfzehn Minuten, die sich wie eine Stunde angefühlt haben, stehe ich vor der Treppe. Ich sehe den Eingang! Noch zehn Leute vor mir. Da weiß ich noch nicht, dass das Warten im Inneren natürlich weitergeht. Das Testzentrum ist eigentlich ein Friseur.

Oben geht die Tür auf, ein sehr alter Mann kommt raus. Er murmelt etwas, wie alte Leute das eben manchmal tun. Er redet mit allen, mit niemandem, mit sich selbst. Dann ist er unten angekommen und ruft plötzlich laut und deutlich: «Die Formulare für Auschwitz liegen drinnen auch bereit!» – «Was?», frage ich ihn. «Auschwitz? Was soll das denn?» – «Na ja, ist doch so!», ruft der alte Mann in seinem beigen Trenchcoat, den sonst nur Triebtäter tragen. Der alte Mann grinst. Fieses Gesicht. «Das ist wirklich Bullshit», resümiere ich und sage noch ein paar andere Dinge. Der alte Sack humpelt davon. Menschen in der Schlange schütteln den Kopf, dann vertiefen sie sich wieder in die Smartphones, um diese langweilige Zeit im Nieselregen und in der Kälte irgendwie durchzustehen. Mein Test ist negativ, ich darf ins Kino.

Polizei!

Ich laufe die Lister Meile entlang, eine Fußgängerzone in Hannover. Polizisten fragen die Passanten irgendwas, ich kann es aber nicht hören. Bin in Eile, will nach Hause. Plötzlich stellt sich mir eine Polizistin in den Weg: Halt, halt! Will sie jetzt meinen Impfstatus prüfen, denke ich wirr, aber was geht sie das eigentlich an, ich laufe hier doch nur lang, bin in Eile, will nach Hause. Und ich trage eine OP-Maske – aber genau das ist das Problem. Es gilt nämlich eine verschärfte Maskenpflicht: FFP2! Seit wann denn das, frage ich, seit heute, erwidert die Polizistin. Ich befinde mich zwar in der Fußgängerzone, aber eben auch auf einem Weihnachtsmarkt – links und rechts stehen Buden – und deshalb muss ich eine FFP2-Maske tragen. Dass es diese Pflicht gibt, habe ich ehrlich nicht gewusst. Schilder habe ich keine gesehen. Ausreden spare ich mir, die Polizistin lässt mich gehen und ich verspreche, die Parallelstraße zu nehmen, da herrscht keine Weihnachtsstimmung. Gute Idee, sagt sie, aber es klingt ein bisschen sarkastisch und genervt. Keine Ahnung. Ich sage: Ja, cool, tschüss. Irgendwie verrückt, dieser Winter. Ganz schön gaga.