Corona Alltag: Freie Fahrt für den Wahnsinn

An diesem Samstag fährt wieder ein auffälliger Autokorso durch die Stadt. Sie demonstrieren gegen die Corona-Maßnahmen, gegen die Masken, gegen die Impfpflicht, gegen die Vernunft. Wieder einmal1. Die Polizei sperrt die Kreuzung großzügig ab und stellt sich dem eigentlich fließenden Verkehr in den Weg – der Konvoi hat nun Vorrang, der Konvoi der Verdammten, er darf abbiegen, Auto für Auto. Freie Fahrt für den Wahnsinn!

  1. Siehe Notiz vom 22. Dezember 2021, in der ich bereits einen Autokorso beschreibe.

Ich warte an der Fußgängerampel, die abwechselnd rot und grün wird, und betrachte das traurige Schauspiel. Ein Mann neben mir ist entsetzt: «Es sind so viele!», ruft er. Und es stimmt, vor einigen Wochen war der Korso wesentlich kürzer. Heute will die Parade nicht enden, immer wieder noch ein Auto, das abbiegt, viele mit städtischem H-Kennzeichen, was mich echt enttäuscht. Ich habe Hannover immer als Stadt der Vernünftigen angesehen. Und jetzt das.

Ein junger Mann, der auf der anderen Straßenseite an der Ampel steht und warten muss, regt sich sichtlich auf. «Das sind doch Deppen!», ruft er. Dann hält er sich die Hände vors Gesicht. Diese Geste kommentiert wiederum ein Autofahrer über seine Soundanlage: «Ja, ja, macht nur alle die Augen zu!» Diese Leute wittern immer noch eine Corona-Diktatur, nichts dürfe man mehr und dann noch der Impfzwang. Es ist wahrlich ermüdend.

Es sind so viele

Ein Polizist, der mit seinem Motorrad gewissermaßen die Fußgängerampel absperrt, redet auf den motzenden Mann an der Ampel ein. Ich kann nicht hören, was die Exekutive sagt, aber es wirkt so, als bitte der Polizist den Mann, seine Gesten zu unterlassen. Ich überlege: Darf ich diesen Autofahrern hier eigentlich meine Meinung kundtun, indem ich – zum Beispiel – meinen Mittelfinger präsentiere? Oder wenigstens einen Daumen-nach-unten? Wo würde eine Beleidigung anfangen und was wäre von der Kunstfreiheit gedeckt? Der Polizist schaut jetzt auch zu uns rüber, schaut streng. Ich höre ihn denken: Der Mittelfinger bleibt schön in deiner Tasche, Junge! Wahrscheinlich fürchtet er eine Eskalation, ich weiß es nicht, wir stehen hier nur und warten ab, denn der Konvoi hat Vorrang und wird gut beschützt. Wie das in einer Corona-Diktatur eben so üblich ist. (Hm?)

Die Autos sind beklebt mit hässlichen Plakaten, auf denen wirres Zeug gekritzelt steht. Als hätte die kleine Julia für Mama und Papa die Buntstifte über die Pappe gleiten lassen. Der Mann neben mir schüttelt wieder den Kopf, er kann es weiterhin nicht fassen: «Es sind so viele!»

Die Kolonne hat Vorrang

Wir warten die Kolonne ab, stehen weiterhin an der Ampel, als endlich das letzte Auto dieser peinlichen Parade um die Ecke biegt. Dahinter noch ein Polizeifahrzeug mit Blaulicht. Die Fußgängerampel wird grün, ich schreite reflexartig über die Straße, will nach Hause gehen. Der Polizist auf dem Bike, der da noch steht, dreht sich zu mir um und brüllt: «Halt, halt.» Ich rufe: «Aber es ist grün!», und deute auf das speiüble Ampelmännchen. Der Polizist schreit aufgebracht: «Der Konvoi hat Vorrang!» Ich schreie: «Aber der Konvoi ist zu Ende.» Der Polizist ruft: «Das geht nicht, der Konvoi hat Vorrang.» Da habe ich schon die andere Straßenseite erreicht und rufe abschließend: «Aber der Konvoi ist zu Ende gewesen.» Ich breite die Arme seltsam aus, will damit sagen: Ja was?!

Plötzlich rechne ich damit, dass der Polizist mir sein Knie tief ins Genick drückt

Plötzlich rechne ich damit, dass der Polizist mich jetzt verhaftet2, brutal zu Boden wirft und mir grob Handschellen anlegt, mir sein Knie tief ins Genick drückt, mich anzündet – in dieser Corona-Diktatur ist schließlich alles möglich. (Hm?) Doch der Polizist schwingt sich enttäuscht auf sein Bike, denn er weiß: Er muss den Konvoi der Verdammten beschützen, um jeden Preis, es ist sein Job. Also hinterher.

  1. Einen Konvoi zu «behindern», ist sicherlich auch so ein Verbrechen, das kaum jemand auf seinem Zettel hat. Kann ja auch schnell passieren, ich bin doch nur über eine grüne Ampel gelaufen, habe also alles richtig gemacht – und hätte versehentlich fast einen Demonstrationszug behindert. Ups. Aber, wie gesagt: Der Konvoi war zu Ende. Ein Polizeifahrzeug mit Blaulicht hat eindeutig den Schluss dieser Parade gebildet. – Mein ausgedachter Anwalt nickt jedenfalls energisch: Sein Mandant soll jetzt aber lieber schweigen und den Vorfall keineswegs ins Internet schreiben.

Noch nie habe ich eine verbale Auseinandersetzung mit der Polizei gehabt3. Aber ich war im Recht, finde ich, der Konvoi war zu Ende. Zum Glück war er nicht endlos. Schließlich sind nicht alle verwirrt, aber vielleicht werden es immer mehr.

  1. Die Polizei war und ist für mich stets Freund und Helfer. (Sie hat mich halt noch nie dabei erwischt, wie ich – zum Beispiel – ohne Katzenaugen auf dem Rad unterwegs bin, wenn ich defätistische Gedanken denke oder wenn ich mit dem Hackebeil den [unleserlich]. Hehe, Spaß.) Und klar: Der Polizist war wahrscheinlich höllisch genervt. An jeder Fußgängerampel das gleiche Spiel, irgendein Typ, der dümmlich in den Konvoi stapft, immer jemand, der rummeckert – alle meckern, alle sind angespannt, keiner will mehr, Corona soll verschwinden, endlich verschwinden, wir alle wollen unsere Freiheit zurück usw.