Super Value Country

Ein Mann, der allein durch die USA reist. In einem bedeutungslosen Ort im Nirgendwo trifft er Michelle. Eine Kurzgeschichte.

Gestern Nacht lag ich hellwach im Bett, als weißes Licht über den Himmel flackerte und durch die Wolken zuckte. Das trockene Krachen klang wie Krieg und erst morgens gegen vier schlossen Warm- und Kaltfront den ersehnten Frieden.

Jetzt muss ich schon wieder gähnen und halte etwas verspätet die Hand vor den Mund. Ich sitze auf einem weichen Sofa, dessen Muster das Polster in vertikalen Bahnen umschlingt. Visuelles Thema: «Urwald mit Papageien und Palmenblättern».

Das Sofa ist sehr grün und ein bisschen gelb. Es hat die Form einer Banane.

«Die Klimaanlage geht nicht richtig, es ist bei uns viel zu kalt», sagt eine Frau. Sie klingt leicht verschnupft und komplettiert ein Liebespaar, das am Empfangstresen steht. Vier Füße in vier Flipflops. Die rechte Hand der Frau steckt in der linken Gesäßtasche ihres Partners.

Die Rezeptionistin nickt verständnisvoll. Ihre Arbeit muss entsetzlich langweilig sein: Den ganzen Tag muss sie sich Beschwerden anhören und dabei immer, immer freundlich bleiben. Den ganzen Tag muss sie jemand anders sein. Eine Maske tragen und ihre wahren Gefühle unterdrücken, bis sie komplett abstumpft und Worte nur noch Worte sind und nichts mehr bewirken.

«Den meisten Gästen ist es eher zu warm», erklärt sie.

Draußen ist es heiß und alles sollte in Flammen stehen, so brutal scheint heute die Sonne. Erbarmungslos, als wollte sie der Menschheit endlich ein Ende bereiten. Doch in der Lobby und in den Hotelzimmern ist es lausig kalt. Leises Surren, es zieht. Die Intention ist gut und das technische Konzept stimmt. Doch es hapert an der praktischen Ausführung, es fehlt die gesunde Balance: Statt das eine Extrem elegant auszugleichen, schaffen die brummenden Geräte ein zweites.

«Mir ist das echt zu kalt, besonders nachts, ich friere richtig.»

Neben dem Sofa stehen rechts und links zwei Sessel im selben Muster. Noch mehr Bananen und Palmenblätter. Noch mehr Papageien, noch mehr Grün und Gelb. Hinter mir stehen dürre Pflanzen, deren Blätter aneinander schaben. Ich sitze mitten im Dschungel.

Ansonsten ist die Lobby ein deprimierender Ort. Sehr ordentlich und steril. Ihr fehlt jeglicher Charme, ihr fehlen Patina und Geschichte.

In der einen Ecke steht ein ATM, ein Geldautomat, und lädt zum Geldverschwenden ein. In der anderen Ecke steht ein Plastikgestell und bietet bunte Prospekte an. Ein Mann mittleren Alters interessiert sich ausgiebig und voller Hingabe für die Sehenswürdigkeiten der Gegend. Er nickt beim Lesen der Prospekte und verschwindet schließlich mit den Händen voller Hochglanzpapier im Fahrstuhl. Männer, die sich Staudämme angucken.

«Frauen haben ja auch weniger Muskeln», erklärt der Freund.

Er mag es wohl etwas kühler, will aber seiner Freundin bei den schwierigen Verhandlungen nicht in den Rücken fallen.

«Ich schicke euch mal einen Techniker hoch», verspricht die Rezeptionistin und klackert ein paar Buchstaben in den Computer. «Der kann sich das morgen mal angucken.»

«Morgen?! Das finde ich inakzeptabel», umreißt die Frau die Situation.

Die Worte treffen gegen die glatten Wände, prallen ab und verhallen. Ihr Freund gähnt und steckt mich an – jetzt gähnen wir gemeinsam. Wir alle sind heute sehr müde und warten auf die gemütliche Dunkelheit, die einhergeht mit einer Abkühlung der Luft.

Der Fahrstuhl erreicht die Lobby, ein leises Ping! ertönt und die Türen öffnen sich. Das Paar steigt ein und ist weg. Es ist kurz ruhig. Nur das Rauschen der Klimaanlage.

Und plötzlich stehen zwei Beine vor mir, sie gehören zu Michelle, sie ist der Grund für mein Warten. Ihretwegen sitze ich im Dschungel, in der grünen Hölle, die nach nichts riecht.

«Hey!», sagt sie.

«Hey», sage ich.

Ich stehe vom Sofa auf und lächle. Michelle lächelt auch, aber nur ein bisschen, sie sieht geschafft aus und müde. Sie arbeitet in einem kleinen Laden, in dem ich mir heute Vormittag eine dicke Flasche Pepsi geholt habe.

An der Decke bewachte eine kleine Kamera das Geschehen und ich fragte mich, ob sie echt war. An der holzvertäfelten Wand hingen eine Uhr und ein Thermometer: Halb elf / dreiundachtzig °F. Das Surren der Klimaanlage ließ erahnen, dass der Filter lange nicht mehr ausgetauscht worden war. Das Gerät klang wie das Husten eines älteren Herrn (der sich gern Staudämme anschaut).

Ich stand noch eine Weile vor einem Gemälde, das Tannen zeigte, hohe Tannen an einem See. Dann entschied ich mich für eine Tüte Lay’s – mein Mittagessen. Michelle tippte die Preise in die Kasse, ein paar $ irgendwas. Sie gefiel mir sofort und ich hatte seit Tagen keine längere Unterhaltung mehr geführt.

«Wann hast du Feierabend?», fragte ich die Kassiererin.

Es war kein anderer Kunde da – sonst hätte ich mich nicht getraut, sie einfach anzusprechen. Ich fragte, ob sie mit mir was trinken gehen würde. Mein Gesicht wurde heiß.

Nein, das ginge nicht, behauptete sie und lehnte meine Einladung dankend ab.

«Komm schon», versuchte ich frech, «nur einen Kaffee, nur eine Unterhaltung.»

«Nein – aber danke.»

Ich bezahlte mit Kreditkarte. Das war hier überall möglich, ich hatte gar kein Bargeld mehr bei mir. Der ATM in der Lobby tat mir deshalb ein bisschen leid.

Zweimal musste ich noch vorbeikommen und Schokoriegel kaufen, bis Michelle beim vierten Besuch doch noch einwilligte; sie hatte offenbar Mitleid mit mir.


«Lass uns mal gehen», sagt sie.

Wir verlassen den Urwald.

Draußen transpiriert mir sofort ein Oberlippenbart aus meiner Haut, den ich in den Ärmel wische. Die Sonne steht tief und färbt den hellgrauen Beton gelblich ein. Eine rote Linie am Bordstein mahnt vor dem Falschparken. Das Schaufenster verspricht «Air Conditioning» und neben kalter Coke auch heißen Kaffee. Draußen wünsche ich mir was Kühles, drinnen trinke ich lieber Kaffee, immer mit einer großzügigen Portion Milch (und ohne Zucker).

Michelle trinkt ihren schwarz und sehr schnell. Dazu essen wir Donuts mit Schokoglasur.

«…»

«…»

Wir sitzen in einem Diner nicht weit vom Hotel entfernt. Die meisten Tische sind leer. Ich versuche, zu lächeln, aber meine Geichtsmuskeln spielen nicht mit. Ich sollte endlich etwas sagen und eine angeregte Unterhaltung beginnen. Doch ich fühle mich wie ein leeres Zimmer mit weißen Wänden, fensterlos und mit einer nackten Glühbirne an der Decke. Geistige Leere und Müdigkeit blockieren mich. Irgendwo in meinem Rachen hängen die Worte fest und kratzen im Hals, nur banaler Small-Talk rutscht problemlos über meine Zunge. Männer, die übers Wetter reden.

«…»

«…»

Ich kann Michelle jetzt unmöglich erzählen, wie warm es draußen ist – das weiß sie doch selbst. Die unangenehme Stille dauert an, weitet sich aus und ich erwische mich dabei, wie ich tagträumend zum Fenster schaue. Ich fantasiere, wie Zombies die Scheiben einschlagen und die Apokalypse ausbricht. Hinterm Tresen liegt die Shotgun bereit; ein gekonnter Griff, kraftvoll durchladen und immer auf die Köpfe zielen!

Zwischendurch fragt die Bedienung, ob sie noch Kaffee nachfüllen könne. Ja, bitte! Alltag hier draußen.

«Jetzt erzähl doch mal: Was hat dich hierher verschlagen?», unterbricht Michelle endlich die Ruhe und spielt mit.

Ich bin froh, dass wir miteinander sprechen und ich fühle, wie sich allmählich die Brocken in meinem Hals lösen.

«Ich erkunde das Land und fahre umher», höre ich mich sagen. «Vor vier Wochen bin ich in L.A. gestartet und seitdem bin ich unterwegs.»

«Der klassische Roadtrip.»

«Genau. Ist nicht unbedingt originell, ich weiß», sage ich und halte inne.

«Und gefällt dir die Reise?», fragt Michelle nach einem Moment der Stille.

«Ja, schon», sage ich. Korrekterweise hätte ich antworten müssen, dass ich nicht zum Vergnügen reise. Aber eine Erklärung wäre zu kompliziert gewesen.

«Das würde ich auch gern mal machen – einfach unterwegs sein und das Land sehen.»

«Es ist nie zu spät», sage ich. Es klingt so banal.

«Was hält dich auf?», frage ich.

«Die Kosten», sagt sie. «Das wäre doch schon ein teurer Spaß. Das Benzin und die Hotels – all das. Ich würde auch niemals alleine aufbrechen.»

Ich nicke beim Trinken.

«Ist das nicht schrecklich einsam?», fragt sie.

«Na ja, ich bin gern allein, ehrlich gesagt. Was nicht heißt, dass ich einer guten Unterhaltung aus dem Weg gehe», sage ich.

Michelle schaut mich an und legt ihren Kopf leicht schräg, in Richtung rechter Schulter. Das soll wohl Interesse ausdrücken.

«Ich treffe ja auch immer wieder interessante Menschen», ergänze ich.

Michelle überlegt einen Augenblick.

«Ich halte es nicht lange ohne Familie aus», sagt sie. «Ich brauche meine Leute um mich herum. Und natürlich meinen Freund –»

Ihren Freund?

«– mit dem ich alles bequatschen kann. Vermisst du deine Freunde nicht? Deine Freundin?»

«Ach … nein. Ein bisschen vielleicht. Aber es geht. Die vier Wochen sind erstaunlich schnell vergangen», sage ich und schiebe mir den letzten Donut-Brocken in den Mund.

Keiner meiner Freunde wollte mit. Sie haben zu viel zu tun und zu viel Stress mit der Arbeit, den Frauen und was nicht alles. Und so ein Roadtrip ist ja auch ein teurer Spaß.

«Wie bist du dann in unserer kleinen Stadt gelandet?»

«Purer Zufall», sage ich, «mein Navi hat mich–»

«Navi?»

«Das Navigationsgerät im Auto.»

«Oh», macht sie und nickt. «Hat mein Freund auch.»

Ihr Freund.

«Jedenfalls hat das Ding plötzlich nur noch Schwärze angezeigt und ich hab mich völlig verfahren. Dann wurde es immer dunkler und am Ende bin ich irgendwie hier gelandet. Das ist jetzt zwei Tage her.»

«Hm.»

Erneutes Nicken. Michelle schlürft ihren Kaffee in großen Schlucken. Ihre Lippen sind sehr schön, sehr rot und sicherlich sehr weich.

Ein Mann kommt zur Tür rein, definitiv kein Zombie. Er setzt sich an den Tresen und begrüßt die Bedienung: «Hey, Marge.»

Marge hat keine blauen Haare, aber gelbliche Haut, vielleicht liegt das am Sonnenlicht, das durch die Scheibe fällt.

«Na, wie geht’s, Harold?»

«Gut, gut. Ich nehme das Übliche», sagt Harold.

Er wird einen Kaffee bekommen und ein Sandwich mit Chicken und Bacon.

«Klar doch, Harold.»

Wie sie sich beim Namen nennen. Zu Hause weiß ich nicht, wie die Typen bei Starbucks heißen.

«Bist du tätowiert?», fragt Michelle. Ihre Stimme ist plötzlich erschreckend laut. Schrei doch nicht so, will ich ihr sagen, aber ich tue lieber so, als denke ich über ihre Frage nach.

«Nein», sage ich schließlich und füge noch rechtzeitig hinzu: «Und du?»

Darauf hat sie gewartet.

«Das habe ich mir letzte Woche stechen lassen», sagt sie und zieht ihr Shirt zurück und zeigt mir ihr entblößtes Schulterblatt, auf dem zwei asiatische Schriftzeichen zu sehen sind: 自由.

«Das ist Japanisch», erklärt sie.

«Und was steht da?»

Bestimmt so was wie Courage oder Freiheit.

«Freiheit», sagt sie stolz.

Eine Freiheit, die sie nicht nutzt.

«Kannst du denn Japanisch?»

«Nee», sagt sie und lacht.

Ich trinke meinen Kaffee aus.

«Wer weiß, vielleicht steht da eigentlich ‹Dosenhühnchensuppe› auf deinem Schulterblatt», sage ich und lache ein bisschen, was Michelle ignoriert.

«Dann habe ich noch eine Rose auf dem Arm», sie schiebt den Ärmel ihres Shirts hoch, «und noch ein drittes Tattoo, das ich dir aber nicht zeigen kann.»

«Ach, schön», sage ich.

«Finde ich auch», sagt sie.

Die Wettervorhersage hat für heute Nacht sogar etwas Regen versprochen.