Hässliche Schönheit

Athen: Eine Art Reisebericht

Athen ist alt, anarchisch und laut. Wer nicht ständig aufpasst, wird vom Bus überfahren – oder von genervten Katzen zerfleischt. Eilige Streifzüge durch die griechische Hauptstadt.

Landung in ATH. Am Flughafen wartet jemand mit einem Pappschild auf uns – das erste Mal in meinem Leben. Auf der Pappe steht mein Name, am Ausgang stehen viele. Kaum zu entziffern, eine echte Sauklaue. Der Fahrer wirkt nervös. Hastig läuft er vor uns her, nachdem wir uns zu erkennen gegeben haben. Hastet durch die Ankunftshalle, als wolle er uns entkommen. Auf dem Parkplatz zündet er sich eine Zigarette an und saugt gierig am Filter. Sein Auto ist verdächtig unscheinbar. Wir steigen trotzdem ein, wollen endlich ankommen.

Der nachfolgende Text ist eine Art Reisebericht. Er basiert auf meinen Erinnerungen und Notizen, basiert auf der Wahrheit. Die Fotos entstanden nebenbei. — Daniel Berger, September 2020

Sorry,

murmelt der Fahrer halbherzig. Beinahe hätte er eben einen Poller am Straßenrand gerammt – erst in letzter Sekunde war er auf die andere Fahrbahn ausgewichen. Sein leichtsinniges Manöver löste ein kurzes Gehupe aus. Mehr aber auch nicht. Sorry, wiederholt er sicherheitshalber und beschleunigt das Fahrzeug. Auf seinem Schoß leuchtet ein Smartphone, das ihm den Weg weist, während in der Armatur aufgeregt eine Warnleuchte blinkt, wahrscheinlich schon seit geraumer Zeit. Wir sitzen in keinem Taxi, sondern in einem Fluchtfahrzeug. Am Steuer sitzt Dimitrios, der laut mitsingt, als irgendeine Folklore im Radio läuft.

Gegen 23 Uhr erreichen wir das Ziel im Herzen der Stadt – immerhin lebend, aber mein Kopf dröhnt. Wir stehen vor einem Mehrfamilienhaus und warten. Es ist niemand da, keiner macht auf, keiner lässt uns rein. Während die Zeit in zäher Langsamkeit vergeht, schleichen Katzen durch die Dunkelheit. Völlig unklar, was sie im Schilde führen. Ob sie uns ausrauben wollen? Bevor noch etwas passiert, steigt endlich ein Mann aus einem verbeulten Kleinwagen: Es ist unser «Gastgeber», der uns fröhlich begrüßt. Breites Lächeln, dichter Vollbart, schöne Zähne. Mein Kopf dröhnt immer lauter.

Wir stellen uns vor: ein Liebespaar aus Deutschland – meine Verlobte und ich zu Besuch in Athen.

Wie die Fahrt war, will Panos wissen. Fast and furios, beschreibe ich und sehne mich nach friedlicher Stille. Panos geht vor und schließt auf. Gemeinsam steigen wir in den Fahrstuhl und betreten einige Meter höher die Wohnung.

«Welcome to your new home!», trällert Panos und erklärt die vielen Schalter und kleinen Eigenheiten. Zum Abschied gibt er uns seine Handynummer. Ach, am Samstag sei eine Party bei ihm, ruft er noch, wir können gern vorbeischauen. Plötzlich herrscht unverhofft: Stille. Jedoch nur kurz – dann hupt unten einer und ein Motor jault und die Katzen jammern.

Donnerstag, 26. September

Die Kopfschmerzen sind über Nacht geblieben. Keine Ahnung, wie ich diesen Tag überstehen soll. Mühsam ist jeder Schritt, jede Bewegung, jeder Gedanke. Weil der Kühlschrank einen leeren Magen hat, müssen wir das Haus verlassen und folgen hoffnungsvoll der vollen Hauptstraße. Normalerweise würde ich alle Eindrücke gierig aufsaugen, doch ich bin nur ein schlaffer Körper, der irgendwie existiert.

An einer Kreuzung betreten wir endlich ein gemütliches Café, es heißt Rechter Winkel. Zwei alte Herren sitzen dort an einem winzigen Tisch, rauchen und spielen Backgammon. Ein anderer Mann betrachtet eine Zeitung und schielt regelmäßig rüber zu den Spielern, allzeit bereit, spontan als Ersatzmann einzuspringen.

Sie müssen ihn nur fragen!

Mit letzter Kraft flüstere ich der Café-Betreiberin meine Wünsche ins Ohr. Sie sagt, ich solle das lassen und lieber notieren, was ich will.

Wenig später steht vor mir ein großer Becher, an dem ich vorsichtig nippe. Der Kaffee ist stark, unbesiegbar. Nach einigen Minuten geschehen wunderbare Dinge in meinem Kopf: Der Zaubertrank entfaltet seine Wirkung und ich merke, wie die Schmerzen allmählich leiser werden und schließlich schweigen. Mein Schädel hat wieder Platz für neue Eindrücke und ich fühle mich frei und gestärkt.

Ob ich mitspielen will, fragen mich die Herren. Kann nicht, muss die Stadt erkunden! (Der dritte Mann pfeffert seine Zeitung auf den Boden und verlässt beleidigt das Café.)

12:04 Uhr, 27 °C

Der Tod lauert an jeder Kreuzung. Lümmelt hinterm Steuer von Schrottkarren, oft rauchend und telefonierend. Der Tod ist immer männlich und hat es immer eilig. Jede rote Ampel ist ein Ärgernis für ihn – und eine Unverbindlichkeit, die sich leicht ignorieren lässt. Auf den Straßen herrscht eine gefährliche Gleichgültigkeit.

Jetzt aber muss der Tod scharf bremsen: Ich habe es gewagt, bei Grün über die Straße zu laufen. Das üble Ampelmännchen lacht über meine lächerliche Naivität und der Fahrer schimpft und ich schnauze, dass er sich ins Knie ficken soll. Schnell geht der lärmende Irrsinn weiter. Athen ist wahrlich nicht fürs Flanieren gebaut: Träumer, die in den Himmel schauen, werden sterben.

Athen verlangt stets nach Aufmerksamkeit, schreit nach ihr, brüllt und zetert. Motoren jaulen, wenn Männer ihre Kisten zwischen zwei Autos zwängen wollen. Das Einparken klappt nie beim ersten Versuch, selten beim zweiten. Dicker Qualm steigt auf und es stinkt nach verbrannter Eitelkeit. Der Seitenspiegel ist vor langer Zeit gesprungen und die Schale drumherum mehrfach gebrochen. Seitdem halten ein paar Bahnen verdrehtes Klebeband die Konstruktion zusammen.

Eine genervte Ehefrau steigt aus dem Wagen, um ihren Mann in die absurd kleine Lücke zu dirigieren. Das Vorhaben ist zum Scheitern verurteilt; jeder zufällig anwesende Passant sieht das sofort. Den Fahrer aber interessiert das nicht, weil Übermut seine Einschätzung vernebelt. Er zündet sich eine frische Zigarette an und legt los und den Rückwärtsgang ein. Der Motor schnarrt und schluchzt, weil dem Kerl jedes Gefühl fehlt.

«So bumst der auch», lästert seine Ehefrau, zupft eine Zigarre aus ihrem Ausschnitt und steckt sie sich zwischen die Lippen. Ob ich mal Feuer habe, fragt sie mich energisch und auf Englisch: «Do you have a lighter?»

Sorry, aber ich rauche nicht, wissen Sie?

«How unfortunate», murmelt sie – und brüllt unvermittelt ihren Mann an, der daraufhin zum wiederholten Mal den Rückwärtsgang einlegt und den hilflos schnarrenden Kleinwagen gegen einen anderen rumsen lässt. Nach zwei weiteren missglückten Versuchen wird er aufgeben. Die Parklücke ist tatsächlich: zu klein. Die Ehefrau wird wieder einsteigen und sie werden in eine andere Einbahnstraße fahren. Natürlich entgegen der Fahrtrichtung. Dort könnte es klappen mit dem Parken.

Oder auch nicht.

Hinter grauen Fassaden

Athen also, die Metropole in der Region Attika. Bereits am frühen Morgen ist die Stadt eine akustische Zumutung, weil sie unnötig viel Krach macht. Zum Beispiel umrundet ein klappriger Tieflader unseren Häuserblock und eine Stimme plärrt ohne Unterlass aus einem Lautsprecher, der am Fahrzeug angebracht ist. Weil ich kein Griechisch verstehe, weiß ich nicht, was die scheppernde Stimme von der Welt verlangt. Weiß nur, dass ich eigentlich ausschlafen wollte.

Stattdessen rutschte ich aus dem Bett und die Rollläden ratterten nach oben und helles Licht flutete das Wohnzimmer. Ich schleppte mich auf die Balkonterrasse, wo ich seit einer Weile an der Brüstung verweile und langsam erwache. Es ist helllichter Tag, das Leben ist im vollen Gange. Auf der Straße beschimpft ein Opa einen anderen, der sich lautstark verteidigt. Das Ehepaar nebenan schreit auch, weil es lustvoll streitet. Auf dem Balkon gegenüber bellen zwei Hunde, als würden sie das Geschehen wütend kommentieren. (Den kleinen Havaneser lässt das Keifen kalt: Hoch konzentriert schnuppert er den Bordstein zentimeterweise ab. Einer muss es schließlich tun, während andere Hunde nur faul auf den kühlenden Fliesen liegen.)

Unsere Wohnung befindet sich im vierten Stock. Das Mittelmeer kann ich aber nicht erspähen, obwohl es nur fünf Kilometer entfernt sein soll. Stattdessen sind zu sehen: Fassaden, herabgelassene Markisen, verbogene Fernsehantennen und ein Baum, der neben dem Gebäude steht und regelmäßig ein paar Flugblätter abwirft. Die Gegend, in der wir wohnen, ist geprägt von Normalität. Die Athener leben ihren Alltag, gehen zwischendurch arbeiten oder einkaufen. Manchmal passiert ein Autounfall, manchmal nur fast. Eine Besonderheit gibt es: Am Ende unserer Straße steht das nationale Museum für zeitgenössische Kunst, abgekürzt EMST. Der Kasten aus Beton und Gestein war Hauptausstellungsort für die Documenta 14, aber das ist inzwischen egal.

An der Straßenecke schrauben ein paar Männer verzweifelt an einem Mini-Cooper herum, debattieren aufgeregt und weiden das Auto schließlich aus, weil es keine Hoffnung mehr gibt. Die Männer gehören zu einer winzigen Werkstatt, in der ausschließlich Minis – «the British Auto Legends» – wiederbelebt oder geschlachtet werden. Der Chef ist ein rundlicher Mann, der in diesem Moment aus dem Halbschatten ins Garagentor tritt. Er stemmt die Arme in die Hüften und sondiert die Gegend. Sein Blick wandert langsam von links nach rechts, als wäre er eine Überwachungskamera. Als sein Kopf die 180-Grad-Drehung vollendet hat, schaut er erst in den blauen Himmel und dann in ein Schlagloch, das zu seinen Füßen im Asphalt klafft. Alles ist soweit in Ordnung. Erleichtert zündet sich der Mann eine Zigarette an und bläst den Rauch ruhig in die Luft. Dann kommt ein Schrotthändler um die Ecke gebogen und beschallt mit seinem Lautsprecher die ganze Welt.


Am frühen Abend habe ich etwas Zeit und stehe wieder an der Brüstung, um die graue Hausfassade gegenüber zu betrachten. Das Wohnhaus ist wahrlich keine Schönheit: Lange Risse durchziehen den Putz, den die Witterung ordentlich geschunden hat. Die Balkone hingegen sind grüne Oasen. Überall strecken sich die Blätter der üppigen Monstera-Pflanzen dem Licht entgegen. Eine Frau biblischen Alters streichelt liebevoll ihre Pflanzen und zupft sorgfältig die braunen Blätter ab, während unten ein Nachbar vom Einkauf zurückkehrt. Er geht mitten auf der Straße, schlingert von links nach rechts, weil seine prallvollen Plastiktüten ungleich gepackt sind. Er entdeckt und grüßt die Alte im dritten Stock, die bereits oder noch immer ihr langes Nachthemd trägt.

Schon seit Jahren wohnt sie allein in der winzigen Wohnung. Ihr Mann ist tot, Hirnschlag, seitdem verlässt sie ihr Zuhause nur noch selten. Sie ist zu zittrig auf den Beinen und einen Rollator will sie nicht haben – was soll der auch bringen, auf dem zerfetzten Beton? Einmal in der Woche kommt die Enkelin vorbei und bringt frisches Obst und Gemüse. Sie bleibt eine Dreiviertelstunde, danach herrscht wieder Einsamkeit und Langeweile. Immerhin ist auf der Straße immer was los, also schaut die Alte gern hinab und betrachtet den Alltag der anderen. Schräg über ihr wohnen die beiden bellenden Hunde1, die auf den Balkon scheißen, weil niemand Gassi mit ihnen geht. Sie bellen jeden Hund an, der unten die Straße entlang trottet. Brüllen und beleidigen, weil sie keinem Haustier die Freiheit gönnen, selbst dann nicht, wenn sie nur bis zum Ende der Leine reicht. Die Hunde und die alte Frau sind Gefangene in diesem Wohnhaus, dessen Haupt gekrönt ist von unzähligen Fernsehantennen. Sie verbinden die einsamen Geister mit der Welt.

  1. Die beiden Hunde – offenbar ein Liebespaar – sind Labrador Retriever von normaler Größe, also keine putzigen Schoßhündchen. Die Hündin ist entweder hochschwanger oder arg fett. Mehrmals täglich scheißen und pissen die Tiere auf den Balkon. Abends schlurft ihr Frauchen gähnend herbei und spritzt die Hundepisse mit dem Gartenschlauch in den Abfluss. Die stattlichen Häufchen stapelt sie auf einer Schippe und schmeißt sie über die Brüstung, in den Müllcontainer, der an der Straße steht. Dass die beiden Hunde offenbar nie Gassi geführt werden, ist natürlich endlos traurig. Eines Tages werden sie sich rächen und das faule Frauchen übel zerfleischen. Doch vielleicht sind sie in ihrer winzigen Welt sogar: glücklich.

Metro Athen: Heiliger Automat

Die Bürgersteige in Athen sind oft schmal und schräg, und jede Straßenüberquerung kostet Nerven. Zum Glück sind die Fahrten mit der U-Bahn billig; also steigen an der Haltestelle Syngrou Fix hinab in den Untergrund. Über unseren Köpfen vibriert meterhoch die trockene Erde und darüber der Asphalt und die Autos, die Linienbusse und Motorräder. Unten reihen wir uns in eine Warteschlange ein und verweilen vor dem allmächtigen Ticketautomaten. Als er uns endlich eine Audienz gewährt, drücke ich wie in Trance die Knöpfe und schiebe Geldmünzen in den Schlitz. Knurrend akzeptiert der Automat unsere milde Gabe und druckt zwei 5er-Tickets aus. Wir danken und klauben die Kärtchen aus dem kleinen Fach. Doch weit kommen wir nicht: Eine Frau versperrt uns den Weg. Sie will mir einen Bon überreichen, den der Heilige Automat ebenfalls ausgedruckt hat. Ich bedanke mich artig, bin aber höchst irritiert: Ist der Schnipsel wirklich wichtig? Lohnt sich diese Freundlichkeit überhaupt? Die anderen angehenden Passagiere haben die Bons einfach auf den Boden geworfen. Irgendwer würde den Zettelhaufen später entzünden, um den Heiligen Automaten zu beschwichtigen.

«Just take it», brummt die Frau und wendet sich ab.

Das nächste Hindernis sind die Drehkreuze, die sich mit den soeben erworbenen Tickets entsperren lassen. Hinter mir drängt sich ein Mann ganz dicht an mich. Er will gemeinsam mit mir durchs Drehkreuz schlüpfen – so spart er immerhin 1,40 € und viel Zeit, die er vor dem Automaten hätte verbringen müssen. Ich lasse es geschehen, erhalte aber keinen Dank. Mein Handeln war selbstverständlich.

«Eine Oase im Zentrum von Athen. Lächelnde Gesichter, bereit zu dienen.» – Google-Rezension über die Athens Church of Scientology

Metrostation Panepistimio

Panepistimio ist picobello. Kein Wunder: Eine Frau streicht mit einem flauschigen Staubwedel erst den Schmutz von den Wänden und leckt sie dann sorgfältig ab. Schlabbernd gleitet ihre Zunge über die glatte Oberfläche, die nach der Reinigung wunderbar glänzt. Unterstützt wird sie von einer mageren Katze, die sich vornehmlich dem unteren Bereich der Wand widmet.

«Hoffentlich bezahlt sie jemand dafür», kommentiert ein Geschäftsmann im Vorbeigehen.

Zurück an der Oberfläche begrüßt uns der blaue Himmel, der ebenfalls wie abgeleckt aussieht. Lediglich ein paar Wölkchen ziehen eilig vorbei, als wäre ihnen ihre Anwesenheit unangenehm.

Zuerst fotografiere ich die Universität und danach die frühere griechische Nationalbibliothek, die sich gleich daneben befindet. (Das klassizistische Gebäude komplettiert die «Athener Trilogie», zu der auch das Haupthaus der Universität sowie die Athener Akademie gehören.)

Die vielen Bücher, Zeitschriften, Zeitungen, Manuskripte und andere Dokumente sind vor ein paar Jahren um- und in einen gläsernen Neubau eingezogen. Die Öffentlichkeit hat deshalb keinen Zugang mehr zu dem alten Gebäude; es gibt hier nichts mehr zu lesen. Weiterhin sei aber die große Treppe eine fantastische Kulisse für Fotos, versichert der Reiseführer. Wie zum Beweis drängeln sich zwei Mädchen an uns vorbei und rufen: «We wanna take some pictures!» Euphorisch scheuchen sie die Touristen von den Treppenstufen. Also rasch weiter!

Do you want to be free?

Die Frau ohne Haare fällt sofort auf. Immer wieder spricht sie Passanten an, die jedoch genervt abwinken und sich eilig entfernen. Als die Frau mich entdeckt, lächelt sie breit und flötet: «Well, hello there!»

Ich verspüre eine tiefe Enttäuschung, weil sie mich sofort als Touristen entlarvt hat, der kein Griechisch versteht. Also sofort ins Englische: «Do you want to be free?», fragt sie.

Tags zuvor plapperte in Plaka ein junger Mann mit mir, ehe ich gestand, kein Wort verstanden zu haben. Tourist?, fragte er ehrlich überrascht. Yes. Sorry!

Die Frau mit den irren Augen weiß hingegen sofort Bescheid. Offenbar hat sie übersinnliche Fähigkeiten – sie gehört zu Scientology. Vor deren Zweigstelle stehen wir und die Frau will mich überreden, mich testen zu lassen. Ich sehe schon das E-Meter in meinen Händen und Voodoo-Aliens über mir schweben, wie gierige Geier, die doch nur meine Seele wollen. Die Frau starrt mich an, als erwarte sie eine Antwort. Quatscht sie jeden Tag den ganzen Tag wildfremde Leute an? Funktioniert das sogar? Ich muss laut lachen und lehne enthusiastisch ab. Ich liebe es, Gläubigen aller Couleur zu beichten, dass ich überzeugter Atheist bin und alle Religionen, Kults und Sekten gleichermaßen ablehne. Besonders jene, die von seltsamen Scifi-Schreibern erfunden wurden.

«In mir findest du kein orientierungsloses Schaf, das nach Führung giert und verzweifelt den Sinn des Lebens sucht – ich weiß längst: Alles ist pures Chaos, wie der Autoverkehr in Athen. Wir leben unser Leben und wenn wir Glück haben, werden wir glücklich – und wenn wir Pech haben, überfährt uns ein Linienbus», doziere ich.

«…»

«…»

«Have a nice day», wünscht die Scientologin und wendet sich sofort den nächsten Touristen zu. «Well, hello there!»

Königin auf dem Müllberg

Ein neuer Tag bricht an, ein richtiger Sommertag. Mit ihm beginnt auch eine neue Entdeckungsreise. Jeder Eindruck wird frisch sein und jede Banalität einen Blick wert. An fremden Orten liebe ich, dass sich in jeder Seitenstraße eine unbekannte Welt auftut und sich an jeder Ecke eine andere Szene abspielt. Da sitzen alte Herren, die lustvoll Zigarre rauchen, da empören sich Mütter, spielen Kinder und knurren Hunde. Ein bisschen dreckig ist es nur, auch hässlich und heruntergekommen. Genau das könnte charmant sein, aber vor allem stinkt es gerade gewaltig nach der Pisse von wilden Katzen. Sie lümmeln auf einem Müllberg, der sich im Container vor unserem Haus gen Himmel türmt. Es ist das Reich der Katzen und auf dem Gipfel thront die stolze Königin2, die auf die anderen Tiere herabschaut. Niemand ihrer Untertanen stellt ihren Status infrage – sie schnurrt zufrieden.

Eine ausgetüftelte Mülltrennung gibt es in Athen nicht. Alles kommt einfach in einen Container, auch benutztes Klopapier (immerhin eingetütet). Die städtische Kanalisation ist offenbar zu schwach für feuchte Papierklumpen, weshalb in allen Restaurants, Bars und Cafés zahlreiche Hinweisschilder über den Toiletten hängen, die an diesen Umstand erinnern und sich fürs Beachten bedanken.

  1. Auf die Katzenkönigin herab schauen die Tauben, die gelangweilt auf den Stromleitungen hocken, die quer über die Straße gespannt sind. An den Kabeln baumeln die Leuchten, die nachts manchmal irre blinken. Die Tauben gurren und kacken auf die parkenden Autos. Wie Pickel verunstalten die Kothaufen die Hauben und verätzen den Lack. Den Besitzern ist das aber egal; auch die Schrammen und Beulen interessieren sie nicht.

Im Schatten der Akropolis

Eine halbe Stunde später flanieren wir durch Plaka. Das lebendige Stadtviertel im Schatten der Akropolis ist besonders bei Touristen beliebt und versorgt sie großzügig mit Andenken, Mitbringseln und Kitsch. Souvenirläden säumen die schmale Straße. Gähnende Verkäufer füllen willigen Konsumenten die Rucksäcke und leeren ihre Portemonnaies. Zu erwerben sind zum Beispiel Kühlschrankmagnete mit plumpen Liebesgeständnissen: I Love Athens, I love Gyros. Daneben stehen Postkartenständer neben Postkartenständern und daneben steht ein Regal mit griechischen Göttern und Helden. (An dem Regal klebt ein Stück Pappe, auf das jemand Please don’t touch gekritzelt hat. Die Bitte verstehe ich sofort als Aufforderung: Der Taubenkopf aus Stein für 10 Euro fühlt sich angenehm an.) Es gibt außerdem Oliven und Olivenöl und es gibt Seifen und Seifenöl. Ich kaufe alles und bin überglücklich.

Oder bin ich doch nur hungrig? I really love Gyros!

In Anafiotika haben Touristen (und Katzen) einen guten Blick auf den Stadtberg Lykabettus.

A wie Anafiotika

Am schönsten ist Athen am Rande von Plaka: in Anafiotika. In dem kleinen Stadtviertel am Nordosthang der Akropolis stehen gemütliche Häuschen eng beieinander und übereinander. Die Hauswände sind weiß gekalkt und von den Fensterläden blättert blaue Farbe. Auf krummen Treppenstufen stehen zahllose Blumentöpfe, zwischen denen sich Katzen herumtreiben und irgendwas aushecken. Es ist ruhig hier. Friedlich. Kein Verkehr, kein Lärm – dann aber laute Stimmen. In einem der Häuschen sitzt ein älterer Herr auf seinem Sofa und schaut gespannt fern. Sein Shirt rotiert gerade in der Waschmaschine, deshalb sitzt er oben ohne da. Dass ständig Touristen vorbeischauen und in sein sperrangelweit geöffnetes Fenster glotzen, stört ihn nicht – im Gegenteil: Er genießt die interessierten und irritierten Blicke außerordentlich.

«Bitte beachten Sie den Mann nicht!», bittet eine Stadtführerin und betet einen historischen Abriss herunter. «Dieses Viertel entstand im 19. Jahrhundert, als sich Handwerker von den Kykladen hier niederließen. Die meisten Familien kamen von der Insel Anafi – daher der Name dieses Viertels.»

«Wie spannend, hast du gehört?», fragt Herr Glombinski seine Ehefrau, die direkt neben ihm steht.

«Ich habe Ohren, Günther», grummelt sie und hält die Luft an. Ihr Ehemann grinst selig und macht drei Fotos. Er weiß nicht, wie man den integrierten Blitz der Kamera ausstellt, daher sehen seine Bilder immer etwas unappetitlich aus, besonders die vom Abendessen. (Es gab Gyros mit Pommes und Zaziki.) Anschließend zieht die Gruppe weiter, um die verwinkelten Gassen von Anafiotika zu erkunden. Der ältere Herr ohne Shirt starrt weiterhin in den flimmernden Schein des Fernsehers. Lässt sich von Schauspielern anschreien.

Vor seinem kleinen Haus bäumen sich die Katzen auf. Manche Tiere lassen sich fotografieren, erwarten dafür aber eine Belohnung. Bleibt diese aus, greifen sie an. Sie kennen keine Gnade, als sie Günthers Gesicht zerfetzen.

Exarchia: A wie Anarchie

Sonderlich schön ist dieses Stadtviertel zwar nicht, dafür aber berüchtigt. Wir befinden uns im Herzen der Anarchie, in Exarchia. Der gleichnamige Platz ist Treffpunkt der seltsamen Spinner, Chaoten, Streuner, Tagediebe und Touristen. Im Halbschatten der Bäume lungert ein Kerl herum und mustert uns skeptisch. Er murmelt etwas, kaum zu verstehen, wahrscheinlich will er uns Kühlschrankmagnete verkaufen: I love Anarchy. Angeblich soll es hier nicht ungefährlich sein, einerseits. Andererseits tapst die kleine Anna unbedarft umher. In der rechten Hand hält sie eine Eistüte, vier Kugeln pures Glück. Währenddessen langweilen sich ein paar Polizisten an der Straßenecke, ihre Schutzschilde lehnen an einer bunten Hauswand. Wie gern würden sie auch Eis essen, durch die Gegend schlendern und einfach frei sein. Oder wollen sie einem Freigeist den Gummiknüppel in die Fresse hauen? Hätten sie daran richtig Freude? Die konservative Regierung jedenfalls will Härte zeigen. Sie hat kein Verständnis für Träumer und Faulenzer, die nicht arbeiten, arbeiten, arbeiten. Die Polizei soll nicht träumen, sondern aufräumen und endlich Ordnung ins Viertel bringen. An diesem Tag im Spätsommer bleibt es ruhig – und schmutzig.

«Live the real Greek experience – 500 Euro salary, 400 Euro rent. Airbnb raises the rents!» – Graffito

Real Greek Experience

Nach ein paar Tagen hat sich ein gewisser Alltag etabliert. Ich bin morgens für den Erwerb von Brot zuständig und mache mich wie üblich auf den Weg. Die umliegenden Straßen sind grell beleuchtet wie ein Filmset. Ein paar Komparsen hetzen an mir vorbei und Autos explodieren und Babys kreischen. Schneller Zoom auf mein müdes Gesicht: noch etwas knittrig und voller Abdrücke vom Kissen. Die Wärme auf der Haut macht wach – und erst recht der Adrenalinschub, als ich schon wieder jemandem vors Auto latsche. Sorry!

Ich betrete den Bakery Pastry Shop, wo ich für wenig Geld viel Brot und süße Teilchen erwerbe.

«Do you need a plastic bag?», fragt die Verkäuferin fürsorglich.

Ich lehne dankend ab und zeige ihr meinen Baumwollbeutel. Sie schaut mich irritiert an und lacht mich fröhlich aus.

«Don’t be an asshole – don’t do Airbnb!» – Graffito

Nach dem Frühstück lassen wir uns treiben, schlendern ziellos umher und erkunden das Unbekannte. Es ist die schönste Art, eine Stadt kennenzulernen. An den Hauswänden ist immer wieder Kritik zu lesen: Airbnb erhöhe die Mieten und vertreibe die eingesessenen Bewohner aus dem Zentrum in die Vororte. Auch wir haben unsere Unterkunft über die Plattform gebucht. Sind wir also Teil des Problems, weil wir in einer Privatwohnung übernachten und nicht in einem Hotel?

Einerseits schon, ohne Zweifel. Andererseits saßen wir am Morgen wie jeden Morgen auf einer wunderbaren Terrasse und frühstückten so lange, wie wir wollten. Keine übellaunige Hotelangestellte scheuchte uns davon, niemand wollte voreilig abräumen. Außerdem können wir uns breit machen: Unsere Unterkunft mag seelenlos eingerichtet sein, Platz bietet sie mehr als die üblichen Hotelzimmer mit ihren absurd kleinen Badezimmern. In der Wohnung fühlen wir uns wie Bewohner der Stadt und erleben das «authentische Leben». Die Probleme, die Airbnb verursacht, ignoriere ich die meiste Zeit und lebe mit einem weiteren Widerspruch. Das ist ignorant und egoistisch, aber auch verdammt bequem.

«Go fuck yourself!» – Antwort auf das Graffito

Eindeutiger Profiteur von Airbnb ist unser «Gastgeber» Panos. Der ist gerade einmal dreißig und schon dick im Geschäft. In der ganzen Stadt kauft er regelmäßig Wohnungen und richtet sie günstig für Touristen her, um sie verhältnismäßig teuer zu vermieten. (Pro Nacht zahlen wir 75 Euro zuzüglich Reinigungsgebühr.) Würde Panos die Wohnung an eine Athener Familie vermieten, würde er wahrscheinlich weniger verdienen. Die Immobilien seien für normale Stadtbewohner aber sowieso zu teuer, argumentiert P. augenzwinkernd. Hat er eine neue Wohnung gekauft, fährt er zu IKEA, kauft eine komplette Einrichtung und schiebt die Möbel ins neue Apartment. Für einen sanften Hauch Persönlichkeit sorgt eine Pinnwand voller Privatfotos: Panos grinsend am Strand, Panos trinkt Cocktails, Panos mit zwei Frauen im Whirlpool. Der Betrachter bekommt den Eindruck, dass dieser junge Mann ein famoses Leben lebt. Jeden Samstag Party mit neuen Gästen, die ihm gute Einnahmen bescheren.

Der Zustand der Wohnungen ist ihm egal: Der Kühlschrank läuft aus, das zweite Bett ist komplett durchgelegen und der Nachttisch liegt in Trümmern. Außerdem verweigert die Kaffeemaschine stur ihren Dienst3, ebenso die Waschmaschine, die im Inserat noch heile war. Kümmern will sich P. nicht so recht, obwohl er es mehrfach verspricht.

  1. Für unseren morgendlichen Kaffee mussten wir einige Tage lang improvisieren. In einem der Hängeschränke fand ich eine mysteriöse Plastikhalterung, die sich einigermaßen eignete, einen Kaffeefilter aufrecht zu halten. Ich konnte also ganz langsam heißes Wasser auf das Kaffeepulver gießen, das dann durch ein kleines Loch in einen Becher rieselte. Es war eine seltsame und wackelige Konstruktion, außerdem dauerte es ewig, bis die Flüssigkeit vollständig durchgeflossen war – aber es funktionierte, bis wir in Piräus schließlich einen billigen Filterhalter aus Plastik erwarben. (Ist Piräus einen Besuch wert? Nein.)

A wie Akropolis

Lange zögerten wir den Moment hinaus – heute fehlt uns eine gute Ausrede: Wir werden den Akropolishügel besteigen und den Parthenon betrachten. Es wäre allerhand, es nicht zu tun: Es wäre so, als würden wir in Rom das Kolosseum ignorieren, oder in Paris den Eiffelturm, oder in Istanbul die Blaue Moschee. Die Akropolis ist eine Ikone und die Krone von Athen. Ihr keine Aufmerksamkeit zu schenken, ist eine geradezu perverse Fantasie, die mich mit kribbelnder Freude erfüllt. Doch die seltsame Erregung währt nur kurz, dann weiß ich: Wir müssen dieses Wahrzeichen besuchen, können gar nicht anders, schließlich reisen die Menschen seit Jahrhunderten nach Athen, um die Tempelanlage zu sehen. Mit unserem Besuch werden wir Teil von etwas Größerem – doch werden wir in Verzückung geraten? Ich habe meine Zweifel.


An diesem Dienstag haben sich bereits viele andere Touristen auf den Weg gemacht, vor Stunden schon. Auch wir sahen uns in der Frühe auf- und in langen Schlangen anstehen. Alle Reiseführer, die wir zur Vorbereitung studiert haben, befahlen, unbedingt am Morgen hinzugehen: Visit in the morning to beat big tour groups! Früh los, bevor die Reisebusse massenhaft Kreuzfahrer auskotzen und wir uns durch ein Wimmelbild drängeln müssen. Doch wer will schon früh aufstehen – vor allem im Urlaub? Psychopathen und Rentner, aber nicht wir. Ausgeschlossen. Unsere Tage in Athen beginnen selten vor 11 Uhr – und jetzt ist es auch schon wieder spät und wir beschließen, am Nachmittag zur Akropolis zu pilgern. Weil die Metro bestreikt wird, müssen wir zu Fuß gehen. Neben einem Souvenirladen («Made in Greece») weist uns ein Schild den richtigen Weg zur Akropoli. Zur Oberstadt geht es leicht bergauf.

Akropolis: Sonniger Sehnsuchtsort vieler Touristen.

15:18 Uhr

Den Haupteingang ignorieren wir und gehen stattdessen zum Osteingang. Da steht ein Häuschen mit Fenster, an dem es die Tickets für 20 € p. P. zu erwerben gibt. Als wir eintreffen, diskutiert gerade ein älterer Herr angeregt mit der Ticketverkäuferin. Was es wohl zu besprechen gibt, frage ich mich, erhalte aber keine Antwort. Wir stellen uns an – direkt hinter den Diskutanten und seine schweigende Ehefrau, die fürsorglich den gemeinsamen Deuter-Rucksack in der Hand hält, während ihr Ehemann die schwierigen Verhandlungen führt. Innerhalb von zwei Minuten sind wir dran und drin. Hätte der Mann nicht sinnlos diskutiert, wäre es eine Minute eher gewesen.

Auf dem Akropolis-Gelände begrüßt uns sofort eine kleine Schildkröte, die sich als Herr Cash «mit C» vorstellt und als Fremdenführer aufdrängt.

«Günstiger bekommen Sie eine kompetente Führung nirgends», behauptet die Schildkröte und schaut uns mit ihren tiefschwarzen Augen eindringlich an. «Ihr Schweigen deute ich als Zustimmung – los geht’s!»

Die Schildkröte legt ein erstaunliches Tempo an den Tag, wir müssen uns sputen, um nicht bereits zu Beginn den Anschluss zu verlieren.

«Folgen Sie mir, kommen Sie schon, hier geht’s lang, wo bleiben Sie denn?», murmelt das kleine Kriechtier und erklärt in knappen Sätzen, was es hier zu sehen gibt: vor allem alte Steine.

Ins Bild tritt ein Tourist, der seine Rolle zu ernst nimmt, ein Tourist mit Schirmmütze, Sportsonnenbrille, Smartwatch und weißen Socken. Er knipst zwei Fotos und haut sofort wieder ab. Kein genaues Schauen, kein Verweilen, kein Fühlen. Offensichtlich war das kein interessierter Besucher, der sich nachdenklich Notizen ins Notizbuch macht. Keiner, der sich lustvoll in die griechische Geschichte eingelesen hat. Nur ein Mann, der die Fotos braucht, um sie später irgendwem zu zeigen; hoffentlich niemals uns.

Die Schildkröte meint, dass dies das Dionysostheater sei, «über zweitausend Jahre alt und die Geburtsstätte des Theaters».

«Interessant», sage ich und gähne ausgiebig, denn ich bin trotz fortgeschrittener Stunde noch nicht richtig wach. Bin ich eigentlich nie, ehrlich gesagt.

«Nur kein Drama», sagt die Schildkröte. «Weiter geht’s.»

16:03 Uhr

Wir haben den Fels erklommen. Warmes Sonnenlicht flutet die Umgebung. Vor uns erheben sich die Propyläen: erhaben und einschüchternd. Ich habe sofort das Verlangen, die Säulen zu berühren, will sie spüren, ihre Wärme und Struktur. Könnte mir auch vorstelle, eine der Säulen mit Schmackes umzuschmeißen! Das hat bereits jemand im Olympieion getan: Dort liegt eine Säule am Boden, weil–

«Don’t touch the marble!», schreit plötzlich eine Aufpasserin und bläst mit aufgeblähten Backen in eine Trillerpfeife. Touristen schrecken auf, fallen hin, halten sich die Ohren zu und kreischen hilflos. Ich stecke die Hände schnell in die Hosentaschen und gucke möglichst unschuldig. Eine alte Dame muss sich setzen.

«No, no, no! Don’t sit there!», maßregelt die Wächterin streng. «Don’t even look – just hurry up.»

Mich blendet ein mahnendes Metallschild, das abermals darum bittet, nichts, rein gar nichts mit fettigen Fingern zu berühren: Do Not Touch The Fucking Marble!

Wie heiße Lava strömen wir zwischen den Säulen hindurch und unser Blick fällt sodann auf den Parthenon, auf das Motiv von zahllosen Postkarten. Vor fast dreißig Jahre schoss an dieser Stelle der britische Fotograf Martin Parr ein berühmtes Foto: Es zeigt zwei Touristengruppen, die getrennt voneinander vor dem Parthenon stehen. Die linke Gruppe lauscht offenbar einem Vortrag, während sich die andere Gruppe fröhlich ablichten lässt – lächelnde Japaner mit Bauchtaschen. Im Hintergrund, wie zufällig, der Parthenon.

Im Hier und Jetzt herrscht ein buntes Durcheinander und jeder steht jedem im Weg. Kaum jemand tritt einen Schritt beiseite, um diesen Irrsinn zu betrachten. Was machen wir hier?

Herr Cash drängelt zwar, aber ich bleibe eine Weile stehen, um die Menschen zu betrachten, die an mir vorbei laufen, humpeln, schleichen und schlurfen. Ich sehe eine dicke Frau mit Brosche an der Brust und Notenschlüssel-Tattoo im Nacken. Ich sehe Rucksäcke, in deren Seitennetzen leere Wasserflasche und lange Jagdmesser stecken. Ich sehe einen Mann ohne alles, nur mit einer Sonnenbrille auf der Nase. Ich sehe eine Frau mit Halstuch auf dem Kopf. Verzweifelt versucht sie ihren Schädel vor der sengenden Sonne zu schützen. Doch das Zentralgestirn über uns hat kein Erbarmen und will unsere dummen Gedanken versengen.

«Wo bleiben Sie denn?», fragt unser Dragoman am Boden.

Die Schildkröte stöhnt genervt, zündet sich eine Zigarette an und raucht sie nachdenklich. (Beobachter fragen sich unweigerlich, wie sie das angestellt hat – haben Schildkröten heimlich Arme?)

Deutsche und Japaner straucheln an mir vorbei, gefolgt von einem Liebespaar mit «The New Yorker»-Beutel an der Schulter, Apple-Watch am Handgelenk und schmalem Oberlippenbart im Gesicht. (Auf Nachfrage erklären sie brüllend: «We are from the States!») Ihnen folgt ein wohlhabendes Ehepaar, das seinen Ruhestand nutzt, um endlich Europa kennenzulernen. Ehrlich interessiert lesen sie den Text auf einer Infotafel und diskutieren anschließend das Gelesene. Alsbald versammeln sich andere Interessierte um die Tafel, es sind ausschließlich ältere Damen und Herren, die so manchen Krieg mitgemacht hatten. Gemeinsam gründen sie einen neuen Kult, der ausnahmsweise nüchterne Fakten verehrt.

«Reicht doch jetzt, kommen Sie!», drängelt Herr Cash.

«Gleich, gleich», fauche ich und spiele weiter die Rolle des Augenzeugen, der mentale Bilder einsammelt, um sie im Gedächtnis abzulegen.

Eine Chinesin hat sich von ihrer Reisegruppe gelöst, weil sie Informationen in ihr Mobiltelefon wischen muss. Zwischen ihren langen Fingern klemmt ein ausgedrucktes Handout mit Fakten zum Tempel. (Sie hofft, dass sie im späteren Test die volle Punktzahl erlangen wird.) Ein Mann schlurft an mir vorbei und bleibt nach einigen Metern abrupt stehen. Er schaut zurück und mich an: Du armer Tropf, was erhoffst du dir? Müdes Schulterzucken. Was soll ich schon fühlen?

«Der Parthenon ist auch einen Blick wert, glauben Sie mir», meckert Herr Cash und beißt in meine Hose, zerrt an deren Zipfel, zieht und reißt und zupft.

«Können Sie das bitte lassen? Die war teuer.»

«Also gut – ich warte dahinten auf Sie. Lassen Sie sich ruhig Zeit, machen Sie doch, was Sie wollen, verschwenden Sie Ihr Leben, ist mir völlig gleichgültig!», motzt Herr Cash und kriecht über den staubigen Boden. «Ich bin eine Million Jahre alt – Zeit hat keine Bedeutung für mich.»

Ich bin wie eine alte Videokamera, die das Geschehen auf ein schmales Magnetband bannt: Zu sehen ist eine Deutsche, die eine Handtasche krampfhaft festhält und eng an ihren weichen Körper presst. Ich sehe außerdem einen glänzenden Glatzkopf mit goldenem Lorbeerkranz; ich sehe Sandalen – oh, so viele Sandalen und Socken und viele fürchterliche Klamotten. Schneller Zoom auf die Nonsensbotschaften, die auf den T-Shirts abgedruckt sind: High Play, Shake Fake, Kansas City, Ladywalk. Ins Bild tritt ein Mann mit schwarzem Shirt, auf dem ein stolzer Wolf abgebildet ist. Neben ihm existiert eine Frau, deren Shirt das Beach Principle bewirbt. Ein anderes Shirt stellt eine wichtige Frage: Where is the Paradise? Das Kleidungsstück bleibt uns eine Antwort schuldig. Auf einem Käppi steht: Made for fun, doch der Käppi-Träger ist eher müde und genervt.

Ein langsamer Schwenk nach links: Zu sehen sind Hosen von Puma und Schuhe von Adidas und Kameras von Nikon. Eine junge Frau lichtet gewissenhaft die Trümmer und Ruinen ab. In der Hand hält sie eine hässliche Digitalkamera mit «40x Optical Zoom» und der Fähigkeit, Videos in «Full HD» aufzunehmen. Ich sehe weiße Socken, die bis zu den Knien reichen, als würden sie den Körper langsam beinaufwärts verspeisen. Ich sehe glänzende Haut, blasse Beine, rote Flecken, spröde Lippen, glänzende Schweißperlen. Ich sehe einen erigierten Selfiestick.

Mir wird schummerig.

Manche Besucher übertreiben es auch einfach: Sie haben prall gefüllte Umhängetaschen mitgebracht und dazu noch einen Rucksack auf dem Rücken, in dessen Seitentaschen dicke Trinkflaschen ruhen, gefüllt mit Apfelsaft. In der einen Hand halten die Touristen ihr Riesentelefon, in der anderen einen Regenschirm, der als Sonnenschirm dient. Um den Nacken haben sie sich flauschige Frottéhandtücher gelegt, die den Schweiß aufsaugen. Was ist das hier? Eine mehrtägige Expedition auf den heiligen Berg? Stundenlanger Fußmarsch, abgefaulte Zehen, unwegsames Gelände und Gefahren durch wilde Tiere? Keineswegs. Ein voll klimatisierter Bus hat diese bepackten Menschen auf den Parkplatz gebracht. Sie hatten eine bequeme Anfahrt ohne jede Zumutung. Später wird der Bus sie wieder abholen und sie zu einem Souvenirgeschäft karren. Dann alle hinein, hinein und die Kreditkarten heraus, heraus – bitte kaufen Sie!

Das Bild wird schwarz.

16:12 Uhr

Unten stehen in den Geschäften die kleinen Modelle – hier oben steht das große Original. Dieser Tempel huldigte früher Athene, Namensgeberin der griechischen Hauptstadt und Göttin der gr. Mythologie, Göttin der Weisheit, Göttin der Städte, Göttin der Sonderangebote. All das ist Geschichte.

«Der Parthenon hat einen alten Tempel ersetzt, den Vorparthenon», erklärt Herr Cash. «Im Jahr 1687 wurde der Tempel stark beschädigt, als ein wütender Meteorit hinein krachte und explodierte.»

Die Schildkröte macht einen passenden Soundeffekt und imitiert eine Explosion: Pchchchch!

«Das klang ja täuschend echt», lobe ich.

«…»

«Wirklich!»

«…»

«Frage!», ruft eine Frau, die plötzlich neben uns steht. Ob die griechische Regierung den gesamten Tempel wieder aufbauen lässt, will sie von unserem kleinen Führer wissen. Herr Cash seufzt und setzt widerwillig zu einer Antwort an, ignoriert jedoch die Frage. Die Frau unterbricht die Ausführungen und winkt ab. Ihr sei wichtig, ein Foto zu machen, das sie vor dem löchrigen Bauwerk zeigt. Leider ist der Parthenon von einem Baugerüst umgeben – wir betrachten eine Baustelle mit alten Steinen. Die Frau bittet uns, ein paar Schritte zur Seite zu gehen. Den Rest würde Photoshop schon erledigen, erklärt sie. Das wolle niemand wissen, grummelt Herr Cash säuerlich und verzieht sein kleines Gesicht. Die Frau ignoriert die Bemerkung und fragt, ob ich ein Foto von ihr machen könne. Gewiss! Sie vergisst, zu lächeln, aber ich komme ihrer Bitte nach und mache zwei Bilder, eins im Hoch- und eins im Querformat. Ich gebe der Frau ihr Smartphone zurück und hoffe, dass ihr die Bilder gefallen werden. Sie runzelt die Stirn, als sie die Fotos betrachtet. Wortlos marschiert sie zu einer anderen Gruppe.

Ein Mädchen – hübsch und hochgewachsen – braucht erstaunlich viel Zeit, um das perfekte Selfie zu knipsen. Es posiert, drückt ab, schaut auf den Bildschirm, schüttelt den Kopf, posiert, drückt ab, schaut auf den Bildschirm, schüttelt den Kopf – und immer so weiter, bis in alle Ewigkeit, Amen. Das perfekte Selfie will dem Mädchen schlicht nicht gelingen. Minuten vergehen, ein Foto nach dem anderen entsteht, es werden tausende sein.

Eine Fotografin – älter, kleiner und klüger – steht derweil daneben. Sie wirkt genervt, denn sie will mit ihrer Profikamera der Marke CANON das eigentliche Bauwerk ablichten, ohne diese Influencerin in Jeansjacke und Jeanshose im Bild zu haben. Sie wird sich gedulden müssen, Zeit hat keine Bedeutung.

Wir waren hier – die Bilder beweisen es.

Völlig klar: Die Ruinen und Trümmer sind für einige Besucher nichts weiter als Kulissen. Auf gehäuften Steinbrocken hocken zwei Mädchen, die für das anstehende Shooting eine schwere Lederjacke von H&M mitgebracht haben. Das eine Mädchen ist das Modell, spitzt die Lippen und übt ausgewählte Posen und Gesichtsausdrücke. Ihre Begleiterin klappt derweil eine Puderdose auf und pudert die Quaste ein. Sie ist Visagistin, Managerin, Fotografin und Assistentin in einer Person. Außerdem hat sie die Position als Community-Managerin inne.

«Es ist schon ein seltsames Verlangen, diese vielen Beweisfotos anzufertigen. Nur, damit auch Fremde sehen, dass wir hier waren, an diesem besonderen Ort», erzähle ich.

«Wir alle müssen das suchen, was uns ablenkt von der Sinnlosigkeit unseres Seins, von der Kälte des Universums und der tiefen Dunkelheit. Wenigstens für ein paar Augenblicke», sinniert Herr Cash. Die Schildkröte meint, sie erinnere sich noch an Zeiten, als ernsthaftes Interesse die meisten Menschen den Akropolishügel erklimmen ließ.

«Lange her.»

«Wie alt sind Sie, wenn ich mal fragen darf?»

Die Schildkröte schaut mich an und seufzt. Es habe alles keine Bedeutung.

«Stimmt schon», sage ich und mache auch ein Selfie.

Herr Cash entschuldigt sich, er wolle nun ein Häufchen hinter die Steine legen. Wir haben Verständnis und schlendern weiter.

Es weht kein Wind, die Sonne steht tief. Eigentlich ist es sehr schön auf diesem Felsplateau, aber die Magie des Ortes ist nur zaghaft zu spüren – wenn überhaupt. Die Chinesen, Koreaner und Japaner, die über das Geröll ins Toilettenhaus stolpern, sind freudig erregt, gedanklich aber schon in Rom, wo sie morgen sein werden. Europa in vier Tagen – wie können da große Gefühle den Geist betäuben? Doch auch bei mir bleiben sie aus, diese Gefühle, leider.

Wo ist die Euphorie?, frage ich.

Müdes Schulterzucken. Dass ich hier ergriffen stehe, überwältig von diesem Ort und seiner Aura, dass ich wirklich begreife, was dieses Bauwerk repräsentiert: Darauf muss ich noch warten. Warum das so ist, weiß ich nicht. Weiß nur, dass es mir allmählich reicht: Nach einer Stunde auf dem Berg zwischen den Übertouristen, die wie groteske Karikaturen ihrer selbst aussehen, bin ich übersättigt. Herrn Cash geben wir ein gutes Trinkgeld. Die Schildkröte bedankt sich lustlos und ergänzt verspätet: «Schreiben Sie ’ne gute Bewertung, ja?»

Wir versprechen es.

17:32 Uhr

Unser Verlangen nach Ruhe ist stark – wir entspannen in einem kleinen Café, nicht weit von der Akropolis entfernt. Weil das Vryssaki aber etwas versteckt gelegen ist, verirren sich kaum Touristen hierher. Die Atmosphäre ist gemütlich und ruhig; Jazzmusik ist zu hören und das leise Geplapper von den Menschen, die oben auf der Dachterrasse sitzen und die Abendsonne genießen. Während John Coltrane ins Saxofon bläst, schlürfe ich einen köstlichen Espresso Freddo, ein kaltes Kaffeegetränk, das die Griechen lieben. Für mich war es ebenfalls eine Liebe auf den ersten Schluck.

Aus meiner Hosentasche krame ich einen zerknüllten Zettel, den ich auf dem Tisch entfalte und glatt streiche. Von der jungen Kellnerin leihe ich mir einen Kugelschreiber. Seine Spitze gleitet über das Papier: Die Akropolis ist abgehakt. Es wird dunkel und Saturn erstrahlt über der Stadt.

A wie Akropolismuseum

Am nächsten Vormittag frühstücken wir ausgiebig auf dem sonnigen Balkon. Den gestrigen Besuch der Akropolis haben wir gut verarbeitet; Alpträume blieben aus. Allerdings haben wir der falschen heiligen Schrift vertraut – dem Reiseführer, der sonst immer brauchbare Ideen hatte. Dass er uns aber zuerst zur Akropolis schickte und erst anschließend ins dazugehörige Museum, das nehmen wir ihm übel. Andersherum wäre es richtig gewesen, schließlich bringt das Museum den Besuchern bei, um was es sich bei den Ruinen auf dem Berg überhaupt handelt. Wie sie entstanden sind, wer sie gebaut hat und wie sie sich in den Jahrhunderten verändert haben. Wir wären schlauere Akroplis-Besucher gewesen, wenn wir das Museum tags zuvor aufgesucht hätten. Stattdessen mussten wir einer seltsamen Schildkröte vertrauen.

17:02 Uhr, 23 °C

Der Gebäudekomplex ist schon ein Hingucker – ein moderner Bau aus Beton und Glas, der im Sommer 2009 eröffnet wurde und von dicken Betonsäulen getragen wird. Das Akropolismuseum verwahrt ausschließlich Fundstücke, Statuen und andere Gegenstände von der Akropolis. Unter dem Museum befinden sich außerdem die Reste eines alten Viertels: Fundamente, Mosaike, Bäder, Latrinen und andere Überreste, die viele Jahrhunderte alt sind.

Als wir das Museum betreten, ist nicht (mehr) viel los. Wir geben unsere Taschen ab und machen uns auf den Weg, der über mehrere Etagen nach oben führt, bis wir schließlich im dritten Stock ankommen. Dort ist der Fries des Parthenons in kompletter Länge und Originalreihenfolge ausgestellt. Auch fünf Mädchenfiguren — die weltberühmten Karyatiden — stehen im Museum4. Die sechste Figur fehlt, sie verweilt weiterhin in London, nachdem sie im Jahr 1811 von Lord Elgin dorthin verschleppt worden war. Wahrscheinlich hat er sich auch an ihr vergangen, der horny Lord, aber darüber schweigt der Reiseführer wie ein Gentleman, der seinen schmierigen Fickfreund deckt.

  1. Die Figuren oben auf der Akropolis, am echten Erechtheion, sind also Kopien. Anstelle der Originale müssen sie dem Regen trotzen und die Blicke der Touristen ertragen.

Als ich die Museumstoilette aufsuchen will, werde ich wie vor dem Berghain abgewiesen.

«No, no, no!», ruft eine Frau energisch. «I’m cleaning here», erläutert sie, und das könne noch eine Weile dauern. Sie werde sich heute den Fugen widmen, das habe sie schon zu lange aufgeschoben – und sowieso: Oben seien weitere Toiletten, bye!

Ich heuchle Verständnis und schlurfe über den glatten Boden. Wären meine Eltern hier, sie würden mich ermahnen, die Füße hochzuheben. Aber jetzt kann ich machen, was ich will, schlurfen, wie ich will, und stehen, wo ich will.

Ich stelle mich also hinter eine ältere Frau, die ganz gebannt ein Gesicht aus Stein studiert und dabei eine seltsame Melodie summt. Ich stehe vielleicht ein bisschen zu dicht hinter dieser Fremden, wie ein Triebtäter, der kurz vor einem Übergriff steht. (Meine Verlobte schüttelt verständnislos den Kopf, entfernt sich rasch und tut so, als wäre sie allein hier. Scheinbar interessiert blättert sie im Reiseführer, hebt den Blick und lustwandelt an den Objekten vorbei. Usw.) Ich starre nun äußerst angestrengt auf den fremden Hinterkopf und versuche, die Frau allein mit meinen Gedanken in Bewegung zu versetzen. Das gelingt prompt: Tatsächlich macht die Frau einen plötzlich Satz zur Seite und stößt gegen einen Diplomaten a. D., dessen zweite Ehefrau Elizabeth vergangenes Jahr bei einem Spaziergang ertrunken ist. Die fremdgesteuerte Frau entschuldigt sich mehrfach und übertrieben höflich bei dem älteren Herrn, der sie wie besoffen angrinst.

«Du darfst mich ‹Lord› nennen», säuselt er und bietet der Frau keck das Du an. Es ist um ihn geschehen, er hat seine dritte und hoffentlich letzte Ehe- und Hausfrau gefunden. Er wird sie mitnehmen, nach London, da lebt er. (Usw.)

Die Fotos seien für den privaten Lustgewinn gedacht gewesen.

Eine andere Frau, die auch nach angestrengter Suche keinen Partner fand und heute ein knallbuntes Gewand trägt, fotografiert das ausgestellte Gestein. Mit Blitz.

«I said no photos!», hallt es durch die Halle. Sodann kommt eine Museumswächterin herbeigeeilt. «I told you, photography is not allowed!»

Die illegal fotografierende Hobbyfotografin fühlt sich ertappt. Kaum verständlich murmelt sie wirre Entschuldigungen. Alle anwesenden Besucher begaffen sie und tuscheln, weshalb die Frau rasch errötet. Ich schaue auch, weil ich auf eine körperliche Auseinandersetzung hoffe, auf ein bisschen Gewalt an diesem gewöhnlichen Tag. Aber die gemaßregelte Frau will sich nicht prügeln, sondern verschwinden. Sanftmütig schwebt sie davon und murmelt weiterhin Entschuldigungen: Die Fotos seien lediglich für den privaten Lustgewinn gedacht gewesen. Die Museumswächterin schaut ihr lange hinterher. Zur Aufheiterung frage ich sie, wo die Toiletten zu finden sind.

«Oben», sagt sie matt. «Oben.»

«Schleich dich, du Lurch!»

Ein Katzenjammer

Der vorletzte Tag in Athen: Meine Verlobte liegt krank auf dem Sofa und ich streune allein und im Regen durch die Straßen. Vor einem Hauseingang haben sich ein paar Katzen versammelt. Sie hecken etwas aus, aber als ich vorbeikomme, halten sie inne und schauen mich irritiert an. Der Zufall führt mich schließlich zum Ersten Athener Friedhof (viereinhalb Sterne bei Google). Niemand ist zu sehen, der Trubel der Stadt ist ganz weit weg. Der Regen ist stärker geworden, die Bäume tropfen und die Grabsteine saugen gierig die Feuchtigkeit auf. Ich passiere imposante Mausoleen und Grabskulpturen und fühle mich ständig verfolgt: von bösen Katzen und herumirrenden Geistern, die keine Ruhe finden, obwohl es hier so still ist. Ich verlasse den Friedhof und trinke in einer kleinen Kaffee-Bar einen Flat White. Dort notiere ich diese Zeilen in mein durchnässtes Notizbuch.


Als ich abends aus dem Supermarkt zurückkehre und aus einem seltsamen Impuls heraus in einen hübschen Hausflur fotografiere, werde ich zur Rede gestellt. Zunächst schimpft ein älterer Mann auf mich ein, aber ich verstehe wieder kein Wort, ahne nur, dass er mich für einen miesen Verbrecher hält, der seinen nächsten Einbruch plant.

Das Misstrauen mir gegenüber ist wohl nachvollziehbar: Männer, die Fotos machen, sind immer suspekt – das habe ich schon öfter zu spüren bekommen. Besonderen Argwohn wecke ich, wenn ich zum Beispiel Mülltüten ablichte. Kaum jemand kann nachvollziehen, wieso ich ausgerechnet Müll fotografiere, wenn es in der Welt doch wunderschöne Objekte und Subjekte gibt. Nur geht es nicht immer um Schönheit und Attraktivität – manchmal langweilen Perfektion und Makellosigkeit sogar.

Plötzlich unterbricht eine junge Frau meine halb garen Überlegungen. Sie steht dem alten Mann bei und erkundigt sich auf Englisch, was ich da getan habe. Und warum? Warum den Hausflur? Unseren Hausflur?

Ich habe keine sinnvolle Antwort parat und behaupte spontan, Fotograf zu sein.

«You are an artist?», hakt sie skeptisch nach.

«Yes, of course», bestätige ich enthusiastisch. «I am an artist!»

Als Künstler darf man schließlich alles, auch langweilige Hausflure und hässliche Mülltüten fotografieren. Jetzt sind der Alte und seine Enkelin plötzlich hellauf begeistert und gesprächig. Den anschließenden Small Talk lasse ich als angemessene Strafe über mich ergehen.

Woher ich stamme, wollen sie wissen, und ich sage es ihnen.

«Nice», sagt die Frau. «Berlin, heh?»

«Sure», sage ich.

Stimmt zwar nicht, aber ich will keinen Ärger mehr machen. Ich wünsche eine gute Nacht und löse mich geschwind in Luft auf. (Das Foto Foto vom hübschen Hausflur ist leider nichts geworden.)

A wie Abschied

Der Fahrer ist da.

Er lehnt an seinem schwarzen Benz und raucht. Der Qualm wirbelt durch die Luft. Ein letztes Mal fahren wir mit dem Fahrstuhl nach unten und rollen die Koffer zum Auto. Dimitrios schnippt den Zigarettenstummel in den Wind und wuchtet unser Gepäck in den Kofferraum. Von oben ertönt zum Abschied das wütende Bellen der beiden Hunde. Wir winken ihnen wehmütig und steigen ein. Dimitrios biegt in eine schmale Einbahnstraße – entgegen der Fahrtrichtung zwar, aber so geht das schneller, meint er und grinst wissend5. Die Stadt ist schon wieder hellwach und ihr Herz schlägt rasend schnell.

  1. Die Fenster vorne sind beide offen; wir spüren den Fahrtwind im Gesicht. Der Fahrer rast und überholt, als wäre er auf der Flucht. Er habe es sehr eilig, erklärt Dimitrios brüllend, weil er gleich noch seinen Bruder abholen müsse. Während er sich durch den Stadtverkehr drängelt, gerät er in Plauderlaune: Es seien seine letzten Wochen in Athen, nächsten Monat gehe es für ihn nach New York City, dort wolle er im Restaurant seines Cousins arbeiten, den amerikanischen Traum träumen usw. Auf der Autobahn angelangt, höre ich nicht mehr zu. Da ist nur noch das Rauschen des Windes in meinen Ohren.