Einfach mal die Dielen abschleifen

Unter dem Laminat, da lag tatsächlich: ein Dielenboden! Eines Tages – nachdem wir monatelang über den Boden geschlurft waren – trauten wir uns. Hoben im Flur das Laminat vorsichtig an, und nahmen schließlich einzelne Bretter heraus. Da lagen sie zu unseren Füßen, alte Dielen voller Farbflecken und Dreck, getränkt in Ochsenblut. Früher malten die Leute ihre Holzdielen rot an – warum, weiß ich nicht. Ich weiß auch nicht, warum jemand hässliches Laminat auf einen schönen Holzboden verlegt.

Klar war: Das Laminat muss weg. Spontan beschlossen wir, den kompletten Boden herauszureißen – das ging erstaunlich schnell und einfach. Der Zustand der langen Holzdielen war glücklicherweise in Ordnung: keine Löcher, kein Holzwurmbefall, keine Wasserflecken. Nur im Türrahmen zum Schlafzimmer hatte es irgendwann einmal hässliche Ausbesserungsarbeiten gegeben. Die Dielen gingen dort in zerbröselten Gips über. (Wir setzten dort ein neues Kiefernbrett als Türschwelle ein, verklebten es mit etwas Silikon.)

Das «Ochsenblut» erwies sich als hartnäckig und verschwand erst durch das gröbste Schleifpapier.

Freitag

Eine Woche nach der erfreulichen Entdeckung war ich mit meinem Vater im Baumarkt. Um 11:57 Uhr mieteten wir eine «Parkettschleifmaschine»: Fast 50 Kilogramm schwer und furchtbar laut. Ich hatte im Internet gelesen, dass die gröbste Körnung 16 gut geeignet sei, um das Ochsenblut vom Holz zu kratzen. Im Baumarkt ließ ich mich jedoch bequatschen und wählte schließlich Körnung 60 aus. «Reicht völlig aus!», sagte die Autorität selbstsicher.

Eine Fehleinschätzung: Gegen die alte Farbe konnte selbst die mächtige Schleifmaschine kaum etwas ausrichten. Also fuhren wir am späten Nachmittag zurück zum Baumarkt und kauften doch das 16er Schleifpapier. (Ein Schleifband kostet 8,49 Euro und reicht für 10 Quadratmeter.) Damit klappte es wesentlich besser, wenngleich es langsamer voranging, als gedacht. Ich schliff die Dielen erst diagonal und anschließend mit der Holzmaserung, um das wellige Holz einzuebnen.

Um 20:20 Uhr war plötzlich ein neues Geräusch zu hören, weit im Hintergrund, fast übertönt durch das dämonische Brummen der Höllenmaschine. Ich schaltete sie ab und lauschte: Tatsächlich ertönte ein Klingeln – jemand stand vor unserer Tür. Ich öffnete, mir schlug eine leichte Bierfahne ins Gesicht. Vor mir stand der Nachbar von oben, wütend, sauer, angepisst. Er polterte los, was wir da machen würden. Rücksichtslos sei unser Verhalten, eine Frechheit sondergleichen und so weiter. Nach 20 Uhr sei es verboten, laute Maschinen brüllen zu lassen.
«Wie spät ist es denn?», fragte ich vorsichtig in den leeren Flur hinein.
«Fast halb neun!», trällerte der Kuckuck, der in seiner staubigen Uhr ausharrte. Oh, oh. Entschuldigungen waren fällig, Besänftigungen, um den aufgebrachten Mann nicht weiter zu verärgern. Feierabend für diesen Tag. Der Nachbar von oben konnte seinen Fernsehabend in Ruhe genießen.

Das Ergebnis am Ende des ersten Tages.

Samstag

Der Drucker druckte wieder einmal nur wirre Zeichen. Als wäre er besessen. Ich verfluchte den grauen Plastikkasten – verfluchte Drucker im Allgemeinen. Ausgeschimpft bedruckte er das Papier dann doch mit lesbaren Zeichen, als Schriftart wählte ich Futura. Den Zettel klebte ich ins Treppenhaus, stellvertretend bat er um Entschuldigung wegen des Lärms und lieferte eine Erklärung: «Wir schleifen unsere Dielen ab!» Außerdem offerierten wir den Hausbewohnern zahlreiche Duplo- und Kinderriegel. «Ihr Schleimer», kommentierte unsere direkte Nachbarin grinsend.

Dann machten wir wieder Krach, den ganzen Vormittag lang. Zwischendurch mieteten wir vom Baumarkt eine zweite Maschine, die auch nicht leise arbeiten kann: einen Rand- und Kantenschleifer. Ein fieses Biest, das mit Schmackes das Ochsenblut vom Holz fetzte. Schweißtreibend, lärmend, aber wirkungsvoll. (Nur hielten die recht teuren Schleifscheiben nicht so lange durch – eine blieb unter der Fußleiste hängen und flog aus dem Gerät. Immerhin blieb sie nicht in meinem Schädel stecken.)

Pegasus, der Rand- und Kantenschleifer, will zerstören!

Nach der Mittagspause schliffen wir uns in Trance, zogen unsere Bahnen mit den Maschinen. Zuerst stank es nach verbranntem Metall und nach geschmolzenem Lack; später duftete es wunderbar nach Holz. Am Abend um Punkt 19:57 Uhr sah der Boden wirklich schön aus. Ein letzter Schliff mit dem feinen 120er Papier fehlte jedoch noch, der musste bis Montag warten. Würden wir die Höllenmaschine am heiligen Sonntag anschmeißen – der Nachbar v. o. würde uns bis ins letzte Glied verfluchen1.

  1. Die Richterin würde ihn milde verurteilen, zwei Jahre auf Bewährung, es wäre ein doppelter Totschlag, den man aber nachvollziehen und schnell verzeihen würde. Seine Ehefrau würde ihn vorbestraft noch mehr lieben: Das Böse fasziniert sie ungemein, seit sie die Stern Crime im Abo hat.

Montag

Am frühen Montagmorgen also der abschließende Feinschliff, zumindest auf der großen Fläche des Flurs. Die Ränder mussten wir noch mit unserem Exzenterschleifer bearbeiten, um die letzten Farbreste Zentimeter für Zentimeter zu entfernen. Außerdem borgten wir uns einen Multischleifer mit «schlanker Schleifplatte», der auch die engen Ecken erreichte. Die letzten 15 Prozent machen eben tatsächlich die meiste Arbeit.

Am Vormittag brachten mein Vater und ich die beiden Maschinen zum Baumarkt zurück. Was ich nicht merkte: 1.) hatte das System nicht den Wochenendtarif (= 66 Euro) berechnet, sondern den Wochentarif (= 111 Euro), und 2.) verbuchte die Kassiererin nicht die zweite Kaution, die fehlte also2. Mit einem Stapel Papier verließ ich den Baumarkt.

  1. Mir hätten sofort Zweifel an den Fähigkeiten der Kassiererin kommen müssen, als sie nicht in der Lage war, eine Obi-Guthabenkarte einzulesen. Das wiederum hatte zur Folge, dass ich mich wieder an der Info anstellen musste. Dort hatte man mir die Karte erst vor einer Stunde ausgestellt.

Dienstag

Ein überraschender Anruf: «Guten Tag, hier ist Obi …»
«… Obi-Wan Kenobi?»
«Nein. Obi, der Baumarkt. Sie haben Ihre eine Kaution vergessen.»
Wäre uns nie aufgefallen, weil ich beim Baumarktbesuch auch noch diversen Kleinkram (Schleifscheiben, Silikon, Holz) erwarb und durch komplexe Verrechnungen von der Kassiererin sogar noch 3 Euro ausgezahlt bekam3.

  1. Andere Leute hätten vielleicht geschwind im Kopf mitgerechnet und gewusst, dass exakt 59,62 Euro fehlten. Nicht ich. Selbst einfachste Rechenoperationen bringen mein Gehirn zur schnellen Resignation. Diagnose: milde Dyskalkulie.

Ich nahm den erstaunlich umfangreichen Papierstapel zur Hand, studierte die Mietverträge, Mietabrechnungen und zusammengetackerten Bons. Dann fielen mir die beiden Fehler auf und ich seufzte hörbar und lange. Kurz überlegte ich sogar, auf das Geld zu verzichten. Aber es war zu viel, also zurück zum Baumarkt. Die fehlende Kaution gab’s schnell zurück, aber der falsch eingestellte Tarif würde bürokratische Schwierigkeiten bereiten. Zunächst mussten wir zur Gerätevermietung am anderen Ende des Baumarkts gelangen. Ein Tagestrip, viele Kunden verschnauften in eilig errichteten Zelten, weil sie die Distanz nicht an einem Tag schafften.

Der Maschinenvermietermann starrte auf den Bildschirm, seufzte mehrmals – und resignierte: «Da kann ich nichts mehr machen. Wenden Sie sich an Herrn G., das ist der Chef des Gartencenters.» Zurück zum Info-Center, Zeit verging, viel Zeit. Ich war der Baumarkt, war eins mit ihm, verschmolz mit den Bohrmaschinen, Tapeten, Farbeimern, Laminatböden. Ich war Obi. Herr G. füllte diverse Zettel aus und suchte ständig irgendwelche Formulare. Bargeld bekamen wir nicht. Er konnte uns nur noch einen Einkaufsgutschein anbieten, erhöhte dessen Wert immerhin um 5 Euro. Wir akzeptierten und traten endlich wieder ins Freie. Es war Abend geworden. «Welches Jahr haben wir?», fragte ich eine Passantin. «1993», erwiderte sie.

Fast fertig: Es fehlen noch Detailarbeiten am Rand und die abschließende Ölung.

Was ich nicht wusste: Der Wochenendtarif gilt freitags ab genau 12 Uhr. Wir hatten die Schleifmaschine aber (versehentlich) um 11:57 Uhr abgeholt. Ich hätte das sofort auf der Mietabrechnung sehen und reklamieren müssen. Allerdings lag die zweite Mietabrechnung oben und dort war alles korrekt. Davon abgesehen, hat sich die Aktion aber gelohnt: Der Boden sieht jetzt richtig schick aus und wertet den Flur ästhetisch um Klassen auf.

Verwendetes Equipment