Flottes Deutschland, krankes Volk
Glosse. Die Lösung aller Probleme: Arbeit! Doch das deutsche Volk, es ist zu faul und zu krank. Liegt nur im Halbschatten herum, dösend, von besseren Zeiten träumend. Keiner geht mehr hart arbeiten, keiner packt mehr an. So geht das nicht weiter, finden Merz und seine Parteikollegen. Als Gegenmaßnahme soll die Krankschreibung ab dem ersten Tag zur Pflicht werden, ein wirklich genialer Einfall einer genialen Regierung.
Es weht mal wieder ein kalter Wind durch das Land, jetzt wird Deutschland wieder flott gemacht. «Biste krank? Geh sofort zum Arzt, du Lügner!» Da sitzen sie dann alle im Wartezimmer, da wird gehustet und gelitten (und angesteckt). Väter und Mütter, die sich an Magen-Darm erfreuen, schleppen sich irgendwie zum Arzt, um sich anschließend wieder in die Ecke zu legen. Präsenzpflicht beim Doc. Die wird sich freuen.
Es herrscht ein großes Misstrauen den Bürgerinnen und Bürgern gegenüber; seine Verachtung fürs Volk hat Merz schon oft genug durchblicken lassen. Dieser Mann ist ein kalter Kanzler, der keinen blassen Schimmer vom echten Leben hat. Abgehoben und arrogant, eben ein «Yesterday's Man», wie die New York Times einst schrieb. Kein Wunder also, dass Merz seine Kritiker einfach abbügelt: «Kulturpessimisten, Untergangspropheten, Nöler, Nörgler, empörte Berufskritiker, wegtreten!», rief er beim Parteitag in Düsseldorf. Applaus, Applaus.
Der glückliche Kassierer
Ich bin jetzt auch Kassierer. Mein einziger Kunde: ich. Der Rewe um die Ecke hat nämlich neuerdings vier Selbstbedienungskassen, die fast immer frei sind, denn die Leute stehen lieber weiterhin an Kasse #1 an. Ich hingegen meide jeden Kontakt mit Menschen (im Supermarkt) und bin geradezu glücklich, mein Ding an der DIY-Kasse zu machen. Ich wiege Bananen ab, buche Maracujas ein und scanne wie in Trance die Barcodes der Produkte.
Bei meinem ersten Besuch erhielt ich noch eine kurze Einweisung vom Kassiermeister, da er sah, dass ich zu doof war, die Bananen korrekt zu wiegen und zu verbuchen. Doch nun habe ich das drauf und bin in Windeseile wieder raus aus dem Supermarkt – ein Traum.
Mein einziger Kunde: ich!
Traditionalisten sind natürlich nicht so euphorisch wie ich, sie weinen noch den alten Kolonialwarenläden hinterher, in denen die Menschen aus der Steinzeit einkaufen gehen mussten. Sie zahlen weiterhin am liebsten mit Bargeld, auf den Cent passend – und das dauert. Wie oft habe ich in der Schlange an Kasse #1 strafrechtlich relevante Gedanken gehabt, die ich nur allzu gern in die Tat umgesetzt hätte, aber ich möchte nicht ins Gefängnis, da ist das Essen so schlecht. Also litt ich still und verfluchte gedanklich jeden, der im Portemonnaie nach Centmünzen kramte. Aber macht ruhig, was ihr wollt, ich stehe ja jetzt allein an meiner kleinen DIY-Kasse und kassiere mich selbst ab.
Laute Rache im Ruheabteil
Glosse. Es gibt Leute, die regen sich über «lärmende Kinder» im Ruheabteil des Fernzugs auf. Frechheit, dass die heilige Stille auf solch unflätige Weise gestört wird. Ich habe allerdings keinerlei Mitleid, im Gegenteil: Ich sinne auf Rache! Ich werde lärmend mit meinem Sohn ins Ruheabteil krachen, laut herumbrüllen und singen und lachen, sodass jeder lächerliche Businesskasper aufschreckt. Ich werde sodann meine Tröte auspacken und den ganzen Waggon taub blasen – und mein Sohn soll aus voller Kehle kreischen! Er soll durch den Waggon pesen, auf und ab, auf und ab. Alle sollen sie genervt sein von meinem Sohn und mir, wie wir Angst und Schrecken im Ruheabteil verbreiten. Ich werde diabolisch lachen und meine süße Rache genießen.
Oje, warum aber? Das werde ich Ihnen sagen: weil meine Frau und ich regelmäßig Männer aus dem Familienbereich und dem Kleinkindabteil verscheuchen mussten. Alleinreisende Kerle (ohne Kinder), die dennoch im Familienabteil herumsaßen, Bier tranken (sic) und die leeren Bierdosen liegen ließen. Die sich nur auf Nachfrage verscheuchen ließen. Murrend. Genervt. Stöhnend ob der Schmerzen im gekrümmten Kreuz. Jedes Mal, wenn ich diese abscheulichen Schussel verscheuchen muss, hoffe ich auf blutige baldige Rache, die ich im Ruheabteil ausleben werde. Ihr werdet schon sehen. Und es hören.
Feedback und Gebrüll
Als Online-Redakteur bekomme ich zu meinen Artikeln schnell Feedback von den Lesern: Sie schreiben ihre Meinung ins heise-Forum. Das ist manchmal konstruktiv, manchmal erhellend und auch inspirierend. Doch es gibt immer wieder einen Kerl, der sich unnötig aufregen muss. Die Tirade beginnt gewöhnlich mit dem Hinweis, den Artikel zwar nicht gelesen zu haben, aber bestimmt stellt er alles falsch dar und generell ist das Thema unsäglich blöd – und so weiter.
Regelmäßig juckt es mir in den Fingern und ich tippe eine Antwort. Die muss ich dann wieder löschen, ebenso die zweite und dritte Fassung. Lieber nicht, denke ich, und lasse es bleiben. Wenn ich aber doch einmal auf «Abschicken» drücke und meine Erwiderung online erscheint, herrscht eigentlich Frieden. Die Kritiker werden zahm – oder sie drehen erst richtig auf, aber dann bin ich längst weitergezogen. Keine Zeit mehr, ich muss weg, so viel zu tun.
Praktikant! Spielkind! Geisteswissenschaftler!
Früher war das heise-Forum leider ein Moloch. Ein offener Raum zwar, der aber von Frustrierten missbraucht worden ist. Wilder Westen. Unangenehmes Biotop. Als c't-Jungredakteur mied ich es damals, ins Forum zu schauen – und auch heute lese ich nur sporadisch, was die Leute da schreiben. (Keine Zeit etc.) Die Trolle fanden natürlich toll, dass sie im Forum kaum zensiert worden sind. Ich fand es oft genug unerträglich. Ich wurde beleidigt, als «Praktikant» beschimpft, als «Spielkind», als «Geisteswissenschaftler» (sic!) und noch mehr. Als Ausgleich bekam ich immerhin E-Mails von Menschen, die sich mit ihren Anmerkungen mehr Mühe gaben; die wirklich etwas zu sagen hatten. Denn klar: Vernünftiges Feedback ist fantastisch, es ist einer der wichtigsten Gründe, überhaupt zu schreiben.
Websites für ChatGPT optimieren
Nach SEO kommt GEO1: Das Kürzel beschreibt die Optimierung von Websites für KI-Chatbots wie ChatGPT, Perplexity und andere. Die Inhalte aus dem Web sollen auch in den Antworten der KI-Systeme vorkommen. Im Idealfall verlinken die Bots die zitierten Inhalte, was Traffic bringen kann. Allerdings sorgen die Chatbots eben auch für einen deutlichen Rückgang an Klicks. Wenn ChatGPT die Frage vom Nutzer vollständig beantwortet, braucht er sich keine Websites mehr durchzulesen. Somit profitieren ChatGPT, Google & Co. von den vielen Inhalten im Web – und die Seitenbetreiber haben am Ende gar nichts davon.
Sollte man deshalb die KI-Bots alle blockieren, sodass sie die Inhalte einer Seite nicht mehr lesen können? Auch um diese Frage dreht sich mein Hintergrundartikel auf heise online: So optimieren Betreiber ihre Websites für ChatGPT & Co.
Zeiten ändern sich, ebenso das Web und die Suche. Zunächst beantwortete Google selbst die Fragen der Nutzer und schickte sie immer seltener zu irgendwelchen Websites. Dann kamen auch noch ChatGPT, Gemini & Co.: Sie liefern keine Link-Listen, sondern ausformulierte Antworten. Immerhin verlinken die KIs ihre Quellen und machen Websites damit etwas sichtbarer. Doch wie müssen Inhalte aussehen, damit sie nicht nur bei Google ranken, sondern auch in KI-Antworten vorkommen?
Allzu kompliziert sind die nötigen Optimierungen nicht, hier zählen Fleiß und Disziplin. Allerdings sind die Chatbots intransparente «Black Boxes», die im Prinzip machen, was sie wollen. GEO wird sich also rasant anpassen und weiterentwickeln.
- «Generative Engine Optimization» beschreibt die Optimierung von Inhalten für generative Such- und Antwortsysteme. Gemeint sind damit Dienste wie ChatGPT, Perplexity, Gemini, Google «AI Overviews», Copilot und andere KI-Systeme, die aus mehreren Quellen eine Antwort in natürlicher Sprache formulieren. Geläufig sind auch die Abkürzungen LLMO für «Large Language Model Optimization» und AEO für «Answer Engine Optimization».