Wir haben Netflix-Fatigue

Wir haben derzeit Netflix und Apple TV abonniert. Und Amazon Prime Video. Disney+ schauen wir über den Account einer Bekannten – beziehungsweise schauen wir Disney+ derzeit gar nicht. (Vielleicht funktioniert das Account-Sharing längst nicht mehr, wer weiß?) Nun werden wir Netflix eine Weile pausieren, wir nutzen es nämlich ebenso wenig: Ich bin serienmüde geworde und leide an einer gewissen Streaming-Fatigue. Ich kann diese typischen Netflix-Filme nicht mehr sehen.

Die letzten Serien, die mir gefielen: Pluribus (Apple TV) und auch Doppelhaushälfte (ZDF Neo). Unfamiliar auf Netflix soll toll sein – aber nach wenigen Minuten war uns klar: Das ist gerade nichts für uns. So ist das manchmal. Allein die Entscheidung, was wir schauen könnten, ist zu einer seltsamen Belastung geworden. Die Streaming-Dienste müssten einen TV-Modus haben: Man schaltet die App an und es läuft einfach irgendwas. Startet mittendrin, ist ja egal, ich bin ohnehin am Handy und glotze Insta-Storys. Denn ich möchte mich einfach berieseln lassen, wie damals bei RTL. Oder ProSieben.

Stattdessen muss ich mir regelmäßig einen Tag freinehmen, um zu studieren, was es Neues gibt bei Netflix, Apple TV, Disney+, HBO Max, Magenta TV, Sky, Amazon Prime, Joyn, RTL+. Mit einem Textmarker streiche ich an, was wir schauen müssen: nichts! Denn leider haben wir gar keine Zeit mehr für lange Filme und Serien. Am liebsten schaue ich kurzen Quatsch bei YouTube. YouTube Premium bezahle ich nämlich auch. Ob wir mal wieder ins Kino gehen sollten?

YouTube und die seltsamen Salaryman-Vlogs

YouTube empfiehlt mir neuerdings Vlogs aus Tokyo. Sogenannte «Salaryman» nehmen den interessierten Zuschauer mit durch ihren Arbeitstag, der sehr lang und langweilig ist. Die armen Männer leiden, sie sind hungrig, werden angeschrien und müssen mit dem verhassten Boss auch noch Bier trinken gehen. Nach Feierabend, der offenbar erst um 21 Uhr ist, oder später. Ein hartes Leben, wie es scheint, ein schlafloser Alltag. Und viel Geld gibt's für die Salaryman nicht. Es sind vor allem Männer, aber es gibt bei YouTube auch einige Salarywoman, die overworked und tired durchs Leben geistern. Mit ihrem Content generieren sie immerhin Millionen Views und mutmaßlich auch Geld.

Das Leben ist karg und hart

Seltsam nur, dass es mehrere YouTuber gibt, die fast identische Filme drehen. Die Thumbnails sind oft KI-generiert, echte Gesichter sind nie zu sehen. Die YouTuber agieren anonym, man sieht nur ihre Hände und Arme und manchmal einen Adamsapfel. Und die Hemden und Schuhe der Salaryman, wenn sie den Boden abfilmen. Die eigentliche Arbeit ist jedoch nie zu sehen, ebenso wenig das Büro, in dem sie 12 Stunden und länger sitzen.

Der typische «Salaryman» in Tokyo ist müde, depressiv und überarbeitet – wirklich?

Stattdessen sieht man den Weg zur Arbeit und die vorherige Morgenroutine. Alles ganz karg und hart. Die Salaryman kommentieren ihr Elend mit schwarzem Humor in den Untertiteln; ihre Stimmen hört man also nicht. Auffällig ist, dass sich mehrere YouTuber einen ähnlichen Humor teilen und sich Texte ziemlich gleichen – schreiben die etwa voneinander ab? So manche Zeile gerät ziemlich poetisch: «This life choose me while I wasn’t looking.»

Wie echt ist das alles?

Sind diese Vlogs also authentisch? Diese Frage diskutiert Reddit, wo sich einige Nutzer sicher sind, dass die Vlogs keinesfalls die Realität abbilden: «Real salarymen don’t have the luxury of filming themselves while they’re working», erklärt ein angeblich echter Salaryman. «We don't have the time to edit or upload videos.»

Geht es am Ende nur ums Geld? Die YouTuber bitten jedenfalls um eine finanzielle Unterstützung, «aber kein Druck», schreibt einer. «Bitte fühl dich nicht verpflichtet, mich hier zu unterstützen.» Wer möchte, kann ein paar Dollar via buymeacoffee.com oder Patron spenden, ist doch nett.

Salaryman-YouTuber

Die Clips arbeiten mit vielen Klischees über Japan: Alle arbeiten hart, keiner ist ein Individuum, die Masse muss zufrieden sein (aber nicht glücklich). Ein typischer Salaryman verdient offenbar nur wenig und ist arg einsam, müde und kurz vor dem Burn-out. Der Chef soll immer ein fieser Kerl sein, der herumbrüllt und zu lange im Büro verweilt. (Erst wenn er geht, dürfen auch seine Untertanen nach Hause.) Die Vlogs bedienen damit auch viele Vorurteile, die wir im Westen über das Land haben, wenngleich der Arbeitsalltag in Japan sicherlich ein anderer ist als etwa in Deutschland.

No Friends, Overworked, Tired

In den YouTube-Kommentaren haben die Nutzer durchaus Mitleid mit den Salaryman. Oder sie teilen ihre eigenen Erfahrungen als Uber-Fahrer, erzählen von ihren Shitty Jobs. Wenn die Videos aus Japan aber nur «Rage Bait» sind, damit man sich über den Spätkapitalismus aufregt, welchen Wert haben sie dann? Wenn die Inhalte gezielt den Algorithmus «austricksen» oder ausnutzen, um möglichst viele Views zu erzielen und Geld zu machen?

Sie wären wertlos, wie der AI Slop in den Thumbnails. Die YouTuber könnten nur vortäuschen, überarbeitete Salaryman zu sein, weil das die meisten Views erzeugt. Weil wir im Westen denken: Boah, ist das krank! «I got addicted to watching samurai daddy for a week», gesteht ein Reddit-Nutzer. Immerhin zeigen die Videos das Leben in Japan, man sieht köstliches Essen, den Trubel in Tokyo und die vollen U-Bahnen. Die Aufnahmen selbst sind echt. Doch allzu ernst nehmen sollte man die Salaryman-Vlogger aber lieber nicht. Am Ende ist YouTube doch nur Entertainment.

  • Ergänzung, 19. März: Hiro Yamada vom YouTube-Kanal «Einfach Japanisch» ordnet die Videos ein und weist auf einige Ungereimtheiten in den Salaryman-Vlogs hin. Ebenso befasst sich Paahtis in einem Video mit dem «neuen japanischen Problem».

Bester Bookmark-Manager: Raindrop

Ich bin ein Hoarder, ich sammle massenweise Links. Websites. URLs. Tausende. Alles interessantes Zeug: Blogs, Artikel, Reportagen, Dokumente. Internet-Kram. Früher habe ich dafür Pinboard genutzt, dann aber plötzlich nicht mehr, mein letztes Lesezeichen habe ich 2018 angelegt. Was dann war, weiß ich nicht mehr, jedenfalls habe ich Pinboard aus den Augen verloren, sozusagen vergessen. (Davor war ich jahrelang Delicious-Nutzer, aber das gibt es nicht mehr.)

Jedenfalls habe ich nun Raindrop entdeckt und bin durchaus angetan, fast begeistert. Der Bookmark-Manager organisiert Lesezeichen in Sammlungen (also Ordnern) und mit Tags. Die Bedienoberfläche ist angenehm aufgeräumt, zudem gibt es Mobil-Apps, um auch unterwegs Links zu sammeln. Alles da, was man braucht, und das kostet erst einmal nichts. Die Funktionen reichen für normale Leute aus, wer mehr benötigt (etwa KI-Kram), der zahlt eben 30 Euro im Jahr. Völlig fair, wie ich finde. Ich habe alle meine Lesezeichen aus Chrome in Raindrop portiert, mehr als 3000 Bookmarks. Hinzu kommen jetzt noch die Bookmarks aus Pinboard, das sind weitere 2200. Leider ist der Pinboard-Erfinder sehr seltsam (geworden) und irritiert mit dämlichen Bemerkungen etwa zu J.K. Rowling.

Für heise online habe ich mir außerdem noch Karakeep angeschaut, das ist auch nicht schlecht und man kann das Ding selbst hosten. Weitere Alternativen wären Linkding für Selbsthoster sowie Bookmarks für Nextcloud. Mehr dazu steht in meinem Ratgeber auf heise.de: Links sammeln und clever organisieren.

Thunderbird optimieren und Spam abwehren

Wann habe ich mich das letzte Mal über eine E-Mail gefreut? Weiß ich nicht, lange her. Meistens ballert Spam in mein Postfach oder irgendwelche Newsletter, die ich nie lese. Seit einer Weile verwalte ich meine digitale Post wieder mit Thunderbird, nachdem ich Outlook ausprobiert hatte. (Gefiel mir aber überhaupt nicht.) Thunderbird gibt es seit zwanzig Jahren und ich nutzte es die allermeiste Zeit meiner «Internet-Zeit», die um das Jahr 2000 begann. (Oder 1999, als ich mit meiner Dreamcast online ging, aber das zählt eigentlich nicht.)

Als ich 2013 mein Volontariat bei der c’t begann, schrieb ich meinen ersten Heftartikel über Thunderbird. Lag ja auf der Hand. Als das Heft erschienen war, sah ich tatsächlich einen Mann in der Stadtbahn meinen Text lesen. Fand ich ganz witzig, irgendwie. Ich bekam zudem erstaunlich viele Lesermails – damals war Thunderbird schon ein wichtiges Thema, das bestimmte Leute (Nerds) sehr bewegt hat. Später jedoch war die Zukunft des Mail-Clients ungewiss, ehe es 2017 hieß: Thunderbird bleibt bei Mozilla – und wird unabhängig.

Mein erster Artikel in der c't handelte von Thunderbird.

In den vergangenen Jahren bekam Thunderbird eine nette Bedienoberfläche spendiert und neue Funktionen. Was aber weiterhin fehlt, ist eine Art «Thunderbird Sync», also eine Funktion, die Einstellungen, Filter und alles andere über mehrere Thunderbird-Installationen abgleicht. Ich habe die App auf dem iMac und dem MacBook installiert, muss also etwa meine Filter händisch abgleichen. Angeblich ist eine Synchronisation geplant, aber wer weiß.

Weiteres zum aktuellen Stand bei Thunderbird steht in meinem Artikel, den ich nun für heise+ verfasst habe: Thunderbird optimieren – E-Mails effizient organisieren und filtern. Ob ich dazu wieder Lesermails bekommen werde? (Nein, aber immerhin 145 Kommentare im heise-Forum.)

Chrome ausreizen – oder ersetzen?

Es ist quasi meine Pflicht, verschiedene Browser auszuprobieren. Und ich weiß, dass ich lieber Brave oder Vivaldi nutzen sollte – doch weiterhin ist Chrome mein Daily Driver. Da stecke ich in einem Dilemma: Zwar ist der Browser schnell, sicher und angenehm zu nutzen. Doch Google weiß alles über mich, denn natürlich habe ich auch meinen Google-Account mit Chrome verknüpft. Also gleicht Chrome meinen Verlauf, die Passwörter und die Leseliste ab, damit ich am Handy nahtlos weitersurfen kann. Vor allem habe ich die Leseliste mögen gelernt, die ist schon sehr praktisch.

Doch eigentlich stört mich die hohe Abhängigkeit von Google. Wenn ich meinen Account verlieren sollte – aus welchen Gründen auch immer – verlöre ich wertvolle Fotos, Dateien und mehr. Mein Handy schaufelt nämlich alle Bilder und Videos zu Google Fotos, wofür ich auch noch Geld bezahle. Ein NAS wäre die Lösung, hier stünde aber eine schwierige Kaufentscheidung aus: Ugreen oder Synology? (To be continued.)

Digitale Souveränität, später

Sich von Chrome und Google zu lösen, ist eine gute Idee. Das ist mir bewusst. Immerhin habe ich bereits meine Mails vor vielen Jahren von Gmail in ein anderes Postfach kopiert. Ein erster Schritt. Dann habe ich Chrome datensparsamer konfiguriert und den Privacy Badger installiert. Der blockiert Tracker und entfernt dadurch auch Werbung von Websites. Darüber schrieb ich für heise online einen Ratgeber (€): Chrome ausreizen – Datenschutz verbessern, an Vorlieben anpassen.