Instagram: Zurück im Strom
Glosse. Ich habe einen großen Fehler gemacht und das Zeitlimit für Instagram in Android deaktiviert. In den Weihnachtstagen und zwischen den Jahren versackte ich also regelmäßig in der knallbunten Gaga-Welt von Insta und konsumierte zu viele Clips. Instagram ist wie Heroin und das Zeitlimit sollte mich schützen. Wenigstens ein wenig.
Wir sind süchtig nach dem Stoff, nach den bunten Clips, dem Content, dem Entertainment. Jede Story macht uns ganz kurz «glücklich». Doch Instagram ist voller Schrott, voller Junk. Es bleibt nichts hängen wie bei einem guten Buch oder Film, alles rauscht über den Bildschirm – und niemals hört es auf.
Schuld daran sind Content Creator. Und ich verstehe das: Wenn man mit Insta gutes Geld verdient, ist das doch wunderbar. Es gibt schlimmere Jobs. Was ich immer weniger verstehe: Wenn Privatpersonen Inhalte bei Insta posten und den Strom mit persönlichen Inhalten auffüllen. Seht her: Ich war joggen! Ich bin auf Bali! Mein Leben ist aufregend, wunderbar und voller toller Erlebnisse. Dabei lümmeln die Leute oft nur auf dem Sofa herum und bearbeiten ihren Content, um ihn für ein paar Likes zu posten. Fischen im Trüben nach Komplimenten. Boah, bist du aber fleißig und sportlich und aufregend sexy. Doch leider hat nichts mehr irgendeine Bedeutung.
Content Creator sind Dealer, die den Kunden den Stoff geben, der die Hirne angenehm vernebelt. Niemand sollte mehr irgendetwas bei Insta posten, damit die Ströme endlich austrocknen und wir befreit werden aus den Klauen dieser lustigen Bestie. Bis dahin habe ich das Zeitlimit wieder scharf gestellt: 15 Minuten Insta am Tag müssen reichen. Gebt mir einen Like!
2025: Ein gewöhnliches Jahr
Ein fremdes Kind verbuddelt unsere Schaufel im Sandkasten. «Kannst du die wieder ausbuddeln?», frage ich das Kind, das sich sofort an die Arbeit macht. Doch schnell resigniert es: Die Schaufel sei derzeit nicht aufzufinden, ich solle später wiederkommen, erklärt das Kind. Ich frage, ob es noch tiefer graben könne. Das Kind schaut mich an – und heult. Rasch rennt es zu seiner Mutter, die aber gerade etwas am Handy erledigen muss. Jedenfalls grabe ich selbst nach der blöden Schaufel, finde sie aber nicht mehr wieder. Sie ist weg und das bleibt sie auch. Es ist nicht der einzige Verlust in diesem Jahr.
Shut Up And Work!
Glosse. «Wir müssen in Deutschland insgesamt mehr arbeiten», findet die sehr gute Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche von der sehr guten Partei CDU. Weniger Frei- und Teilzeit also, dafür mehr schuften für Deutschland. Für den Wohlstand. Für F. Merz.
- Katherina Reiche fordert höheres Rentenalter und weniger Teilzeit
- In Deutschland fehlen weiterhin rund 300.000 Kitaplätze
Das ist doch kein Problem: Die Kinderbetreuung ist immerhin hervorragend und ohnehin möchten Kinder ihre Eltern gar nicht sehen, die haben doch ihre eigenen Projekte. Wieso überhaupt Kinder bekommen? Ohne kann man sogar noch mehr arbeiten – fast rund um die Uhr. Dann muss nur noch der strenge Kündigungsschutz flexibler werden, der blockiert das Land doch nur! Es muss möglich sein, schneller Personal abzubauen, meint Reiche. Wer nicht abliefert, fliegt! Wer krank wird, fliegt! Wer nicht gehorcht, fliegt! Im hohen Bogen. Und Bürgergeld gibt es auch keines mehr.
Jetzt weht ein anderer Wind durch dieses Land, ein kalter Wind, ein mieser Sturm – jetzt ist Schluss mit Lustig und dieser albernen Work-Life-Balance. Work-Work ist angesagt! Und bessere Väter braucht auch keiner mehr. Alles blöde Ideen von gestern! Mehr Wachstum sei schließlich die «Schicksalsfrage dieses Landes», meint Jens Spahn. Recht hat dieser kluge Masken-Mann. Raus aus der Jogginghose und rein in die Fabrik, ins Büro, in die Säureminen. Packen wir es endlich an. Arbeit m–
Handy geklaut!
Es ist weg, meine Taschen sind leer – da ist nichts. Eben in der Bahn war es brechend voll. Da stand auch so ein komischer Kerl mit langen Haaren und einem langen Fingernagel. Ich musste mich an ihm vorbeiquetschen, weil er keinen Platz machen wollte. Mit mir zusammen stiegen viele andere Leute aus. Endlich draußen, dann die Rolltreppe nach oben. Dort griff ich an meine Gesäßtasche, aber da war nichts; griff an die Jackentasche, da war auch nichts. Oh nein. Hat mir jemand das Smartphone aus der Tasche gezogen? Denkbar, absolut. Oder habe ich das Handy zu Hause liegen lassen; dass ich es einfach vergessen habe? Aber schaute ich nicht eben noch aufs Display, um die Uhrzeit zu erfahren? Fuck.
Was kann ein Dieb überhaupt mit meinem Handy anfangen? Entsperren kann er es eigentlich nicht, mein Code ist sicher und ich habe meinen Fingerabdruck hinterlegt. Ärgerlich ist es dennoch: Auf dem Handy sind so viele wichtige Apps installiert, die ich für meinen Alltag brauche. Ohne Handy kein Banking, kein PayPal, kein zweiter Faktor. Und ich spare keine zehn Prozent mehr bei Rossmann.
Immerhin kann man ein Handy aus der Ferne sperren: Google bietet hierfür die Funktion «Mein Gerät finden», bei Apple heißt sie «Wo ist?». Auch Inhalte lassen sich damit remote löschen. Das Gerät muss jedoch weiterhin mit dem Internet verbunden sein (mobil oder WLAN).
Herr Wachtmeister, der Mann mit dem langen Fingernagel ist ein mieser Dieb!
Beruhigend, dass ein Dieb wahrscheinlich nicht an meine privaten Fotos herankommt, die ja auch in meiner Google-Cloud liegen. Verloren geht also nur die Hardware, nicht aber die Inhalte. (Ich achte darauf, dass alles, was auf dem Handy ist, auch in die Cloud fliegt.) Zur Polizei müsste ich noch gehen und Anzeige erstatten: «Herr Wachtmeister, ich weiß es genau: Der Mann mit dem langen Fingernagel war es, er ist ein mieser Dieb!»
Allein für die Versicherung ist so eine Anzeige bestimmt nötig. Hierbei ist es sinnvoll, die IMEI-Nummer zu kennen, um das Gerät eindeutig zu identifizieren. Die steht auf der Verpackung (und im Handy in den Einstellungen). Ich gehöre glücklicherweise zu den Menschen, die sämtliche Packungen aufheben, selbst der Riesenkarton von meinem defekten VanMoof steht noch im Keller. Die IMEI wäre damit schnell herausgefunden. Menschen, die besser als ich organisiert sind, besitzen einen Ordner, in dem diese wichtigen Daten abgelegt sind. Die Kartons könnten dann sogar in den Papiermüll. Eigentlich. Theoretisch.
Ich nehme die Bahn nach Hause. Den Verlust habe ich einigermaßen akzeptiert, in meiner Schublade liegt noch ein altes Pixel 3 als Ersatzgerät. Ich benötige lediglich eine neue SIM-Karte. Ich schließe die Wohnungstür auf, mein Blick springt sogleich zum Schuhschrank: Da liegt das Handy oft, aber nicht jetzt. Ich schaue auf dem anderen Schrank nach, doch da liegt es auch nicht. Auch nicht auf dem Esstisch, auch nicht auf dem Sofa.
Aber da ist es doch! Ich freue mich schon. Leider ist es nur die Fernbedienung vom Fernseher, die auf der Fensterbank liegt. Es ist wirklich weg, denke ich. Da hat mir echt jemand das Handy geklaut. Das Gefühl ist seltsam, wie damals, als jemand mein Fahrrad gestohlen hat. Ich gehe am Vertiko im Westflügel vorbei, ein alter Schrank, auf dem Lego-Sets herumstehen, außerdem einige Kameras. Und tja, da liegt es, da liegt mein Handy. Einfach so. Da ist eine ziemliche Erleichterung, ich kann endlich wieder bei Instagram nachschauen, was coole Leute so machen. Nice.
Street Photography macht keinen Spaß
Manchmal flaniere ich durch die Stadt und fotografiere dabei Dinge: hübsche Hauswände, alte Autos, Straßen, Mülltüten und was mir sonst ins Auge fällt. – Plötzlich ruft ein Mann: «Entschuldigung?» – Ich bleibe stehen: «Ja, bitte?» – Was ich da fotografieren würde, will der Fremde in Funktionsjacke wissen. Er steht mit seinem Fahrrad auf der Straße und bäumt sich einigermaßen auf. Ich seufze. Nun muss ich wieder erklären, was ich da tue. Eigentlich möchte ich nur ungestört durch die Straßen streunen. Möchte gelegentlich ein Foto machen. Ich fotografiere gern Sachen, die andere ignorieren. Und manchmal fotografiere ich sogar Fremde; klassische Street Photography eben.
Immer wieder muss ich diesen Umstand erklären. Vor allem in Hannover. Ein Kerl wollte mich sogar schlagen, mir die Fresse polieren. Womöglich ein Zuhälter, ein kleiner Gauner. Ein anderer Mann wollte mich auch schlagen, aber ich war schneller (und nüchtern). Die Leute – Männer – sind erstaunlich aggressiv, dabei habe ich nur eine Wand fotografiert, eine bunte Fassade. Es sei eben merkwürdig, wenn jemand durch die Straße schleicht und sämtliche Klingelschilder abfotografiert, argumentiert der Mann in der Funktionsjacke. Und die Nummernschilder! Ist das überhaupt legal?
Dass ich gar keine Klingelschilder und Nummernschilder fotografiere, glaubt der Mann mir nicht. Es habe Einbrüche gegeben. Zweimal beim Nachbarn, behauptet der Mann. Ich bin quasi ein Verdächtiger. Am liebsten würde der Mann die Bullen rufen. (Einmal hat jemand tatsächlich die Polizei alarmiert und ich musste mich ausweisen. Ich habe aber nichts Verbotenes gemacht, nur fotografiert. Es gilt ja auch die Panoramafreiheit – und so weiter.)
I'm a Creep, I'm a Weirdo
Es sind solche Begegnungen, auf die ich keine Lust mehr habe (und nie hatte). Ich habe keine Lust mehr, mich regelmäßig zu rechtfertigen. Erstaunlich ist, dass es an der Kamera liegt: Jeder Vollidiot kann heute heimlich und unauffällig mit dem Smartphone fotografieren und sogar 4K-Videos aufnehmen; in der Bahn die Leute abfilmen und vieles mehr. Kriegt eben keiner mit. Wenn ich aber mit einer Sony Alpha oder einer Fuji X-T3 durch die Gegend renne, schon. Da schauen die Leute und fragen sich: «Was macht der Triebtäter da?» Ich bin der Creep, der angezeigt gehört! Dabei schaue ich nur genau hin und fotografiere die Struktur der Stadt, auf die das warme Sonnenlicht fällt. Es sind die Kleinig–
«Blablabla!», brüllt der Kerl oben aus dem dritten Stock. Er lehnt sich weiter aus dem Fenster. Hat nur ein Unterhemd an. Mit gelben Flecken. «Is‘ das jetzt Kunst, oder was?» Er hat mich dabei erwischt, wie ich irgendeinen Schrott auf der Straße fotografiert habe. «Ist doch Quatsch!» Also gut: Ich werde ab sofort Tierfotograf. Die Biester halten wenigstens ihr Maul.