Lust auf Lust

Nicht auf der Reeperbahn, sondern in Hamburg-Winterhude beweist ein Sexshop für Frauen, dass erotisches Einkaufen auch unverkrampft geht.

Im Sexshop in St. Pauli ist es schrecklich einsam. Zwei Männer stöbern still und konzentriert durchs Sortiment und meiden jeden Blickkontakt. Vorne surren DVD-Player und in den Videokabinen flimmern runde Busen über bauchige Röhrenbildschirme. Zwanzig Minuten gucken kostet zwei Euro. Niemand will.

In der Ecke guckt sich einer immerhin die Pornofilm-Charts an, die DVDs sind in einer Glasvitrine ausgestellt, wie Pokale. Die Streifen kann man entweder kaufen oder gleich hier in der Videokabine anschauen. Andererseits gibt es das alles auch im Internet, viel billiger und anonymer. Der Kassierer hat deswegen nicht viel zu kassieren. Er starrt ins Nichts, in hautfarbenen Matsch. Es riecht nach billigem Mittagessen, ein übler Mundgeruch verteilt sich im ganzen Laden.

Außer Pornos gibt es auch ein paar Dildos und billiges SM-Spielzeug, made in China. Ein Schild mahnt, nicht mit den Peitschen «zu spielen», nicht hier im Laden. Die ganz großen Dildos dürfen gar nicht erst berührt werden. Also können Kunden nur gucken und nichts anfassen, nichts fühlen. Gern ist hier wirklich niemand.

Sinnlichkeit statt Schmuddel

Ganz anders ist das in der Kleinen Freiheit in Hamburg-Winterhude: In dem kleinen «Erotikgeschäft für Frauen» können die Kundinnen alles anfassen und ausprobieren. Die Vibratoren sind aufgeladen, können in die Hand genommen und befühlt werden. Die Atmosphäre ist verspielt und entspannt, die Wände in warmen Farben bemalt. Hinten steht ein weiches Sofa, sehr rot, sehr gemütlich. Zwei Kissen liegen da, eine Plüschvagina und fluffige Plüschbrüste.

Das Geschäft gehört der 42-jährigen Kathy Mussäus. Sie hat BWL studiert und war in der Unternehmensberatung tätig. Zufrieden war die Diplom-Betriebswirtin allerdings nicht: «Das konnte doch nicht alles sein», sagt Kathy. Das Fernweh verschlug sie zunächst nach Indien und die Lust auf was Neues schließlich in die Kleine Freiheit. Angefangen hat sie hier als Aushilfe — inzwischen gehört ihr der Laden samt Onlineshop. Für Kathy ist das ein großes Glück: «Endlich sehe ich den Sinn in meiner Arbeit. Das war vorher nicht so.»

Mit ihrem Geschäft will Kathy gegen das Schmuddelimage von Sexshops ankämpfen. Die Kundinnen sollen sich hier wohlfühlen und keine Scheu haben zu fragen.

«Denn wenn ein Mann hinterm Tresen steht, trauen sich viele Frauen nicht, Fragen zu stellen.»

In der Kleinen Freiheit steht Kathy, der es unheimlich viel Spaß macht, mit ihren Kunden über die schönste Nebensache der Welt zu plaudern. Die Konkurrenten auf der Reeperbahn in St. Pauli sind für sie eher wie Kaufhäuser — bei Kathy steht die individuelle Beratung im Vordergrund.

Sex für Profis

«Die typische Kundin ist zwischen dreißig und fünfzig Jahre alt», berichtet Kathy. Jüngere kämen eher nicht vorbei, die haben genug mit den Grundlagen zu tun. Die Älteren hingegen haben viel ausprobiert und wollen jetzt mal gucken, was es noch so gibt. Spätestens seit dem enormen Erfolg des SM-Bestsellers «Fifty Shades of Grey» ist das Thema Sadomaso von Interesse. «Die Fessel-Sets waren alle ausverkauft, die Lieferanten kamen gar nicht hinterher», sagt Kathy und grinst. In ihrem Laden steht auch ein Regal mit ausgesuchten Seilen, Knebeln und Nippelklemmen. Denn auch Schmerzen können Spaß machen: «Die Leute wollen dann mal ein Peitsch’chen ausprobieren.»

Trotz der Ausrichtung auf die Bedürfnisse von Frauen sind auch Männer in der Kleinen Freiheit willkommen. Viele von ihnen wollen ihren Freundinnen eine Freude machen, sie mit neuen Dessous überraschen oder mit Massage-Öl verwöhnen. Es sind aber auch Männer, die nach einer Operation keine Erektion mehr kriegen können, die aber ihre Partnerinnen weiterhin befriedigen wollen. Sie suchen die diskrete Beratung von Kathy, die den Männern etwa einen Umschnall-Dildo empfiehlt.

Manchmal stehen vor dem Schaufenster kichernde Jugendliche. Die rufen auch mal im Laden an, als Scherz, weil das doch lustig ist. Dann will Kathy wissen, was die giggelnden Jungen am anderen Ende der Leitung wirklich wollen. Manche lassen sich tatsächlich auf ein Gespräch ein und fragen die Fragen, die 12-Jährigen auf der Seele brennen.

«Wir alle haben noch was zu lernen», findet Kathy. Sie hat sich zur Sexualberaterin ausbilden lassen, damit sie ihren Kunden noch besser helfen kann. Für alle hat Kathy ein offenes Ohr — und natürlich das richtige Spielzeug.

Bsss,
bssssss,
bssssssssssss

Die Auswahl an Dildos erstreckt sich über mehrere schicke Geräte in bunten, knalligen Farben. Vom Aussehen haben die brummenden Spielzeuge mit einem echten Penis nicht viel gemeinsam.

«Die anatomisch korrekten Abbilder laufen eher nicht», erklärt Kathy. Fleischfarbene Dildos sind heute nicht mehr gefragt, deshalb sind sie abstrakter gestaltet und in den Farben Lila, Pink oder Rot zu haben. Oder in einem eleganten Weiß – würde Apple auch Dildos bauen, sie sähen wohl ganz ähnlich aus.

Voll im Trend sind momentan sogenannte Oralsex-Stimulatoren. Das Sqweel Go etwa ist ein handliches Gerät, dessen Aufbau an einen Schaufelrad-Dampfer erinnert. Statt Schaufeln sind zehn winzige Silikonzungen angebracht, die über die Klitoris schlabbern. Es gibt drei Geschwindigkeitsstufen und der Akku hält eine Stunde durch.
Für verspielte Techniker gibt es außerdem Vibratoren mit Fernbedienung — und wer’s gern prickelnd mag, nimmt das pulsierende Modell mit Reizstrom. «Da habe ich mich aber noch nicht rangetraut», gibt Kathy zu. Ihren Kunden jedenfalls gefällt’s, sie haben große Lust drauf. ♥

Hinter der Geschichte

Diese kleine Reportage entstand im April 2014 an der Akademie für Publizistik in Hamburg in einem Seminar von Elisabeth Schmidt-Landenberger. Wir durften uns das Thema frei aussuchen (und ich wollte «irgendwas mit Sex» machen, weil Hamburg).