2025: Ein gewöhnliches Jahr
Viel Zeit auf dem Spielplatz, Urlaub im Regen und ein runder Geburtstag: Das war das Jahr 2025.
Ein fremdes Kind verbuddelt unsere Schaufel im Sandkasten. «Kannst du die wieder ausbuddeln?», frage ich das Kind, das sich sofort an die Arbeit macht. Doch schnell resigniert es: Die Schaufel sei derzeit nicht aufzufinden, ich solle später wiederkommen, erklärt das Kind. Ich frage, ob es noch tiefer graben könne. Das Kind schaut mich an – und heult. Rasch rennt es zu seiner Mutter, die aber gerade etwas am Handy erledigen muss. Jedenfalls grabe ich selbst nach der blöden Schaufel, finde sie aber nicht mehr wieder. Sie ist weg und das bleibt sie auch. Es ist nicht der einzige Verlust in diesem Jahr.
Jahresrückblicke
- 2020: Das seltsamste Jahr
- 2021: Das Jahr der Strandmuschel
- 2022: Positive Testergebnisse
- 2023: Eltern also
- 2024: Das Jahr brennt ab
Seit ich Vater bin, habe ich regelmäßig mit anderen Kindern zu tun. Die stehen plötzlich neben mir. Stellen Fragen oder kommentieren oder kritisieren oder klugscheißen. Manche Kinder sind ganz cool, viele sind (sehr) seltsam. Und ich muss aufpassen, was ich sage, vor allem auf dem Spielplatz. Einmal habe ich ein Kind «kaltherzig» genannt, nachdem es fies zu unserem lieben Sohn war. Es rutschte mir so raus. Ups. Das Kind war circa drei Jahre alt (und seltsam). Schnell lernte ich, dass man solche Sachen zwar denken darf, aber niemals laut sagen sollte. Das Kind hat meine Bemerkung nicht gehört – dessen Mutter aber schon. Sie ist Lehrerin und vermerkte meine verbale Frechheit in ihrem Klassenbuch, das sie stets bei sich führt; auch im Sandkasten.
Als ein anderer Junge einen heftigen Sandsturm verursacht und ich darum bitte, dass er den Sand nicht in meine Augen werfen solle, brüllt sogleich dessen Mutter: «Er ist ein Kind, verdammt!» – Ein kleiner Unhold ist er, denke ich. Der Lümmel wirft weiterhin Sand in alle Richtungen und Augen, dabei lacht er diabolisch. Später heult er jedoch, weil er sich mit einem stärkeren Kind angelegt hat. Ich lache ihn aus (innerlich). Der Alltag auf dem Spielplatz ist hart. Und sehr sandig.
Sommerregen
Im Sommer regnet es drei Wochen lang. In diesen drei Wochen sind wir für drei Wochen im Urlaub, an der Nordseeküste, am Jadebusen, in Dangast. Am ersten und letzten Urlaubstag haben wir immerhin herrliches Wetter, dazwischen fällt viel Regen aus allen Wolken. In Wilhelmshaven erwerbe ich deshalb eine Regenjacke, eine von The North Face, weil ich cool bin. Oder uncool, ich weiß es nicht mehr. Ich bin dieses Jahr 40 Jahre alt geworden und habe endgültig die Verbindung zu den jungen Menschen verloren. Die Jugend quatscht nur Unfug und nuckelt ständig am Durstlöscher herum. Und, ach Mist: Ich bin 40 und habe gar kein Rennrad. Ist das legal?
Jedenfalls ist Dangast einerseits ganz schön und entspannt, andererseits aber auch seltsam wie alle Urlaubsorte in Deutschland. Und wieso ist es für die deutsche Gastro nur so schwer, guten Kaffee anzubieten? Immer nur diese Vollautomatenplörre! Und wieso sind deutsche Urlauber generell so peinlich? So spießig? So uncool? Ach, ich mag einfach keine Menschen. Und Hunde nerven auch. Und Drachen, diese verdammten Drachen! Boah, ich muss dringend irgendeine Partydroge nehmen. Ein guter Vorsatz für 2026.
Als wir aus dem Urlaub zurückkehren, müssen wir einen Schock verdauen: Sie werden unseren Spielplatz sperren – monatelang. Der große Umbau steht an. Seit Jahren geplant, nun ist es so weit, ausgerechnet jetzt. Es werden harte Monate. Wir müssen uns andere Spielplätze suchen. Aber keiner ist so schön wie unser Spielplatz. Dort haben wir auch immer die anderen Eltern getroffen und uns ausgetauscht über das seltsame Schlafverhalten von Kindern, über Kitaplätze und andere Probleme. Ich erfuhr außerdem einiges über Renovierungsarbeiten an Häusern. «Das ist natürlich doof», sagte ich einige Male. Dabei war es mir egal.
Haus am Rand
Auch 2025 haben wir kein Haus gekauft/geerbt. Alle anderen schon. Es ist schon erstaunlich: So viele Menschen, die wir in unserer Rolle als Eltern in den vergangenen Monaten (Jahren) kennengelernt habe, sind inzwischen verschwunden. Sie leben in Häusern am Rande der bewohnten Welt. Da sind sie und laufen mit Kind und Hund durch den Regen, stets geschützt durch eine North-Face-Jacke. Meistens sitzen sie aber in ihren Wohnzimmern vor dem Kamin. Schön da, auch warm und so cozy. «Sind wir glücklich?», fragen sie in die knisternde Wärme hinein. «Aber bestimmt», antwortet der Hausgeist.
Wir wohnen weiterhin in der Stadt, in einer Wohnung, die uns nicht gehört. Draußen laufen wir Slalom durch den Stadtteil, weil überall Autos herumstehen. Immerhin: Wenn ich plötzlich das Bedürfnis habe, ein Buch zu erwerben, bin ich innerhalb von 6 Minuten im Buchladen. Da müssen sich die Leute im Dorf erst mal ins Auto setzen, 45 Minuten über die Landstraßen ballern, um dann in Celle bei Thalia das gewünschte Werk zu erwerben. Oder sie nehmen den Bus, der fährt aber nur zweiwöchentlich. Überhaupt, der ÖPNV! Und die Bahn! Ich habe sie dieses Jahr wirklich hassen gelernt: Zuerst hatten wir Pech in (…), weil wir (…) und die Bundespolizei (…). Und deswegen kaufen wir uns nun einen SUV, und ich werde genauso dämlich parken wie alle hier im Stadtteil!
Quatsch. Vielleicht würde uns ein Schrebergarten etwas Entspannung verschaffen! Wir haben uns in diesem Jahr zwei angeschaut, haben sie besichtigt, doch es hat einfach nicht gepasst. Am Ende macht so ein Garten auch nur wieder Arbeit. Außerdem sind Schrebergartenbesitzer gierig: Sie verlangen 7000 Euro als Abschlag und lassen dafür ihren Atommüll im Garten liegen und eine Menge Schrott wie diese grässlichen Riesentrampoline. «Ach, und im Hochbeet wohnt eine mutierte Monsterspinne, die neulich Achtzehntausend Jungtiere bekommen hat. Und um den wilden Braunbären in der Laube müsstet ihr euch auch beizeiten kümmern, er hat neulich den Fridolin von nebenan verspeist.» Kurz gesagt: Dieses Jahr war ziemlich gewöhnlich. Es war grau und bunt. Das war 2025.
Die Dinge des Jahres
Beste Idee: Teilzeitarbeit! · Buch des Jahres: «Air» von Christian Kracht. Sowieso habe ich in diesem Jahr viel von Kracht gelesen. Und auch wieder viel von asiatischen Autorinnen: Hiroko Oyamada, Han Kang und Mieko Kawakami. Insgesamt habe ich aber nur zehn elf Romane gelesen. · Serie des Jahres: Pluribus. · Ding des Jahres: Stehkehrgarnitur. Ich fege damit alle Krümmel (usw.) weg, die der Sohn in der Wohnung verteilt, als sei er Hänsel im Wald. Ich hingegen bin ein fegender Zen-Mönch; ein ruhender Geist, der dieser einfachen Aufgabe nachgeht, die höchst befriedigend ist. · Spielzeug des Jahres: Duplo-Feuerwehrauto und diverse Siku-Autos. Der Sohn spielt gern Stau, und ich habe meine alte Autokiste aus dem Keller geholt, darin lagerten die Fahrzeuge meiner Kindheit. Manche Matchbox-Autos sind inzwischen recht wertvoll, na ja, sie kosten 30 Euro pro Stück. Ich werde sie trotzdem behalten, wir müssen ja Stau spielen. · Videospiel des Jahres: keins. Ich habe in den vergangenen 12 Monaten vielleicht fünf Stunden GTA gespielt, sonst nichts, keine Lust, keine Zeit. · Krankheit des Jahres: Magen-Darm. Woah, das macht Spaß! Wie neugeboren fühlte ich mich, als ich entleert auf dem Boden lag und eins mit dem Universum wurde. · Frage des Jahres: Warum? Wenn der liebe Sohn stets fragt, warum etwas ist, wie es ist, muss ich doch innehalten und zugeben, dass ich es nicht weiß. Ich lerne also viel, weil ich die Wissenslücken rasch auffülle. Im Straßenbau kenne ich mich nun aus, zum Beispiel. · Ehrenamt des Jahres: Kassenwart. Der bin ich in der Eltern-Ini und wache über die Finanzen. Ausgerechnet ich. Ich liebe Sätze, aber doch keine Zahlen.
Daniel Berger ist Tech-Journalist in Hannover, er schreibt Artikel über das Internet. Außerdem bloggt er Stadtgeschichten über Hannover. Mehr