Böllern ist blöd
Jedes Jahr die gleiche Diskussion: Sollte das private Böllern verboten werden? Die Mehrheit ist dafür, doch nichts passiert. Also säumen abgefetzte Finger die Straßen.
Wahrscheinlich ist es so, dass einem Drittel der Bevölkerung das Böllern zuwider ist. Weil sie Hunde haben, weil sie den Krach nicht mögen. Das andere Drittel ist irgendwie normal, also gemäßigt: Das sind Leute, die durchaus Geld ausgeben, um kleine Raketen in den Himmel zu jagen. (Die Nachbarn schauen beeindruckt zu, das ist wichtig.) Das letzte Drittel sind die Spinner, die auch «Polenböller» kaufen oder gleich TNT im Darknet. Sie wollen Krieg an Silvester, sie schießen die Raketen auch auf Menschen. Sie wollen die Welt in Flammen sehen.
Beispiel: Es war einmal ein junger Mann, der sich komplett schwarz anzog und zwei Holster für Raketen bastelte. Auf dem Rücken hatte er sich einen schwarzen Rucksack geschnallt – einen Rucksack voller Sprengstoff. Der Mann trug Handschuhe und lief die Geibelstraße entlang, hin zum Maschsee, wo die Hannoveraner das neue Jahr begrüßten. Der Mann feuerte wie eine Maschine seine Raketen und Böller ab, er böllerte sich in den Wahn, aber er liebte es. Er war allein unterwegs, allein in seiner Uniform, allein mit seinen Raketen. Komischer Kerl, dachte ich, und hielt mich fern von dem. Es war das Jahr, als wir mit Freunden den Fehler machten, ans Maschseeufer zu pilgern, um ein schönes Silvester zu verbringen. Dort waren jedoch nur Idioten, die es ordentlich krachen ließen, ohne Rücksicht auf Verluste.
In den alljährlichen Gesprächen zum Thema Böllern und Böllerverbot schlägt immer jemand vor, dass es doch eine zentrale Veranstaltung geben müsste. Ein großes Feuerwerk, wunderschön, das sich alle anschauen können. Niemand muss dann mehr lächerliche LIDL-Raketen in den Himmel jagen. Die Umsetzung dieser Idee ist in Deutschland aber einigermaßen undenkbar, denn dieses seltsame Land setzt sinnvolle Vorschläge nur ungern um; am liebsten aber: gar nicht. Beispiele: Tempolimit und Verbrennerverbot.
«Frohes Neues!», trällern die besoffenen Nachbarn, die ich nicht kenne
Ich selbst hasse Böller. Habe sie immer schon gehasst. Als Kind, selbst als Jugendlicher. Flashback: Bei K. sitze ich mit F. und F., wir zocken und trinken Smirnoff Ice. Anbei ist ein anderer Kerl, dessen Namen ich vergessen habe. Er ist schweigsam und seltsam. Er trägt einen schwarzen Hoodie – ich weiß es aber nicht mehr genau. Um Mitternacht endlich raus, der Namenlose kann loslegen. Wirft einen Böller nach dem anderen auf die vereiste Straße, unter die Autos, in die Gullys. Wumms! Peng! Rumms! Er ist so glücklich. Es ist kalt, es riecht nach Rauch. «Frohes Neues!», trällern die besoffenen Nachbarn, die ich nicht kenne.
Ich hasse alles daran, keine Ahnung. Im Inneren bin ich wohl ein Hund, der friedlich auf dem Sofa liegen und dösen möchte. So ein professionelles Feuerwerk aber, das ist schon schön, da starre ich auch gern in den Himmel und schau mir das Spektakel an. Es müsste wirklich eine zentrale Veranstaltung geben, von der Stadt organisiert. Und dann eine Million Euro in den Himmel schießen, um die blöden Geister zu vertreiben. Oder wir lassen es bleiben und legen uns vor den knisternden Kamin und betrinken uns ganz friedlich.
Daniel Berger ist Tech-Journalist in Hannover, er schreibt Artikel über das Internet. Außerdem bloggt er Stadtgeschichten über Hannover. Mehr