Essay

Ein Haus, zwei Kinder

Alle wollen zwei Kinder und ein Eigenheim. Das mit den Kindern kann gut klappen – mit dem Haus wird's leider schwierig. Wie enttäuschend.

Allmählich dämmert es mir: Ich werde wohl kein Hausbesitzer mehr werden. Ich bin 40 Jahre alt und die Hälfte meines Lebens ist vorbei; oder etwas weniger, eventuell 40 Prozent (wenn ich 100 Jahre alt werde).

Klar ist, dass meine Zeit immer schneller vergeht und dass immer weniger Zeit bleibt, um ein Haus abzubezahlen. Diese halbe Million Euro, die selbst ein schmales Reihenhaus inzwischen kostet. Denn natürlich möchte ich nicht allzu weit entfernt von jeder Zivilisation wohnen. Am liebsten wäre mir eine Stadtvilla in einem schönen Viertel. Im Westflügel befände sich meine Hausbibliothek, wo Sie mich lesend vorfinden würden. Folgen Sie mir hinunter, wir werden im prächtigen Garten dinieren und der Hundeparade beiwohnen. Nestor wird Cocktails servieren!


Viele Leute haben ihr Leben streng durchgeplant: Schule, Führerschein, Abitur, Studium und dann viel Geld verdienen, Karriere machen und sich hocharbeiten, um schließlich (als Belohnung) endlich ein Eigenheim zu erwerben. Es folgt: Vollzeitlohnarbeit, um den Kredit abzubezahlen, und zwei Kinder und womöglich noch ein Hund, der Kalle heißt und manchmal mies zuschnappt. Da stehe ich also in meinem Garten und fackele Würste aufm Weber-Grill ab. Die Nachbarn rauchen und kiffen, die Nachbarn brüllen und sägen, die Nachbarn bohren und labern. Die Nachbarn zünden Autoreifen an und verbrennen nebenbei Beweise. Es sind Schüsse zu hören, es folgt ein SEK-Einsatz, der bis in die tiefe Nacht andauert. Ein Polizeihubschrauber kreist über der Siedlung.


Manche Leute sind privilegiert. Da ist viel Geld in der Familie vorhanden; man muss nur warten, bis jemand stirbt. Uropa hat im großen Krieg eine Fabrik gegründet und Patronen hergestellt. Hat später keinen interessiert, das wurde nie aufgearbeitet; die Fabrik hat einfach weitergemacht.

Andere Leute fangen bei Null an, bei null Euro. Kein Geld mehr auf der Bank, hallo Leute, ich bin pleite, ich bin total blank.

Da wäre es klug, die Weichen früh zu stellen. Im Voraus zu planen. Kluge Entscheidungen zu treffen. Wer Arzt werden möchte (muss), kann das nicht spontan entscheiden – der braucht schon ein sehr gutes Abitur, um schnell studieren zu können. Junge, werd doch Anwalt! Leider nein, mein Abi war zu schlecht und ich hatte keine Ambitionen. Und eine Fabrik zu gründen, in diesen Zeiten, käme mir niemals in den Sinn.


Die Realität ist einigermaßen bitter: Häuser sind teuer, sehr teuer und zu teuer. Träume platzen, und so langsam dämmert es mir, dass ich womöglich ewig Mieter bleiben werde, weil ich kein CEO geworden bin, kein wohlhabender Fabrikant. Schlecht geplant, wie schade. Fällt diese Motivation aber weg – warum dann noch hart arbeiten? Wenn es ohnehin keine Belohnung gibt, wieso sich das Leben erschweren, wieso sich bücken, wieso 60 Stunden ackern, wieso sich beim Chef einschleimen – wieso das alles, wenn man am Ende nicht das versprochene Haus bekommt, dem wir doch entgegenfiebern? Das als Belohnung auf uns warten sollte?


Das Thema «Eigenheim» dominiert auch viele Privatgespräche (die ich gegen meinen Willen mithöre). Da ist etwa eine Frau im Sandkasten, deren Bekannte jüngst ein Haus erworben hat. Die hofft nun auf Besuch, um das neue Eigenheim vorzuzeigen.

«Wir versuchen seit Monaten, einen Termin zu finden», erklärt die Frau, deren Kalender prall gefüllt ist. Zudem ist die Lage des Hauses ein Problem: «Die Fahrt dauert eine halbe Stunde!», ruft die Frau und klingt empört.

Auf dem Spielplatz reden die jungen Eltern gern über Häuser: die sie kaufen möchten, die sie gerade sanieren, in die sie bald einziehen werden.

«Wollt ihr noch ein zweites?», fragt die zuhörende Mutter die Erzählerin. Sie meint kein zweites Haus, sondern ein zweites Kind. Die meisten möchten zwei Kinder. Und ein Haus.

«Ein Reihenhaus?»

«Mit Marko?!», ruft die Erzählerin erregt. «Dann hätten wir einmal nette Nachbarn gehabt … Nein, ein freistehendes Haus.»

Wer ist Marko? Der cholerische Ehemann? Ein mieser Hund, der laut bellt und Nachbarn in den Wahnsinn treibt? Oder ist Marko das Kind, das vielleicht bald ein Geschwisterchen bekommt? Laut Statistik bekommt eine Frau in Deutschland im Durchschnitt 1,35 Kinder. Abgerundet also: ein Kind. Das ist erstaunlich, denn die meisten jungen Eltern, die ich kenne, haben bereits zwei Kinder oder sie arbeiten mit bemerkenswerter Entschlossenheit am zweiten. Zumindest in meiner Bubble. Ich bin mit einem Kind sehr zufrieden. (Was übersehe ich?)


Das eigene Haus ist das ultimative Ziel für uns Spießer. Wir wollen es besitzen und im Garten den bereits erwähnten Weber-Grill anfeuern, um ein paar Würstchen zu grillen. Nur schade, dass niemand mehr zu Besuch kommt. Aber eine halbe Stunde Autofahrt?!

Dies ist ein Essay in der Entstehung: Ich werde ihn erweitern, sobald mir danach ist und mir weitere Dinge einfallen, die zu erwähnen sind. Dies ist Version 0.3 vom 29. Mai 2026. Ich freue mich über Anmerkungen.