YouTube und die seltsamen Salaryman-Vlogs
YouTube empfiehlt mir neuerdings Vlogs aus Tokyo. Sogenannte «Salaryman» nehmen den interessierten Zuschauer mit durch ihren Arbeitstag, der sehr lang und langweilig ist. Die armen Männer leiden, sie sind hungrig, werden angeschrien und müssen mit dem verhassten Boss auch noch Bier trinken gehen. Nach Feierabend, der offenbar erst um 21 Uhr ist, oder später. Ein hartes Leben, wie es scheint, ein schlafloser Alltag. Und viel Geld gibt's für die Salaryman nicht. Es sind vor allem Männer, aber es gibt bei YouTube auch einige Salarywoman, die overworked und tired durchs Leben geistern. Mit ihrem Content generieren sie immerhin Millionen Views und mutmaßlich auch Geld.
Das Leben ist karg und hart
Seltsam nur, dass es mehrere YouTuber gibt, die fast identische Filme drehen. Die Thumbnails sind oft KI-generiert, echte Gesichter sind nie zu sehen. Die YouTuber agieren anonym, man sieht nur ihre Hände und Arme und manchmal einen Adamsapfel. Und die Hemden und Schuhe der Salaryman, wenn sie den Boden abfilmen. Die eigentliche Arbeit ist jedoch nie zu sehen, ebenso wenig das Büro, in dem sie 12 Stunden und länger sitzen.
Stattdessen sieht man den Weg zur Arbeit und die vorherige Morgenroutine. Alles ganz karg und hart. Die Salaryman kommentieren ihr Elend mit schwarzem Humor in den Untertiteln; ihre Stimmen hört man also nicht. Auffällig ist, dass sich mehrere YouTuber einen ähnlichen Humor teilen und sich Texte ziemlich gleichen – schreiben die etwa voneinander ab? So manche Zeile gerät ziemlich poetisch: «This life choose me while I wasn’t looking.»
Wie echt ist das alles?
Sind diese Vlogs also authentisch? Diese Frage diskutiert Reddit, wo sich einige Nutzer sicher sind, dass die Vlogs keinesfalls die Realität abbilden: «Real salarymen don’t have the luxury of filming themselves while they’re working», erklärt ein angeblich echter Salaryman. «We don't have the time to edit or upload videos.»
Geht es am Ende nur ums Geld? Die YouTuber bitten jedenfalls um eine finanzielle Unterstützung, «aber kein Druck», schreibt einer. «Bitte fühl dich nicht verpflichtet, mich hier zu unterstützen.» Wer möchte, kann ein paar Dollar via buymeacoffee.com oder Patron spenden, ist doch nett.
Salaryman-YouTuber
Die Clips arbeiten mit vielen Klischees über Japan: Alle arbeiten hart, keiner ist ein Individuum, die Masse muss zufrieden sein (aber nicht glücklich). Ein typischer Salaryman verdient offenbar nur wenig und ist arg einsam, müde und kurz vor dem Burn-out. Der Chef soll immer ein fieser Kerl sein, der herumbrüllt und zu lange im Büro verweilt. (Erst wenn er geht, dürfen auch seine Untertanen nach Hause.) Die Vlogs bedienen damit auch viele Vorurteile, die wir im Westen über das Land haben, wenngleich der Arbeitsalltag in Japan sicherlich ein anderer ist als etwa in Deutschland.
No Friends, Overworked, Tired
In den YouTube-Kommentaren haben die Nutzer durchaus Mitleid mit den Salaryman. Oder sie teilen ihre eigenen Erfahrungen als Uber-Fahrer, erzählen von ihren Shitty Jobs. Wenn die Videos aus Japan aber nur «Rage Bait» sind, damit man sich über den Spätkapitalismus aufregt, welchen Wert haben sie dann? Wenn die Inhalte gezielt den Algorithmus «austricksen» oder ausnutzen, um möglichst viele Views zu erzielen und Geld zu machen?
Sie wären wertlos, wie der AI Slop in den Thumbnails. Die YouTuber könnten nur vortäuschen, überarbeitete Salaryman zu sein, weil das die meisten Views erzeugt. Weil wir im Westen denken: Boah, ist das krank! «I got addicted to watching samurai daddy for a week», gesteht ein Reddit-Nutzer. Immerhin zeigen die Videos das Leben in Japan, man sieht köstliches Essen, den Trubel in Tokyo und die vollen U-Bahnen. Die Aufnahmen selbst sind echt. Doch allzu ernst nehmen sollte man die Salaryman-Vlogger aber lieber nicht. Am Ende ist YouTube doch nur Entertainment.
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Daniel Berger ist Tech-Journalist in Hannover, er schreibt Artikel über das Internet. Außerdem bloggt er Stadtgeschichten über Hannover. Mehr