Glosse

Wir sind wieder da

Die moderne Arbeitswelt ist nicht zu Hause, sondern in den Firmen. Zurück also an die Schreibtische – der schlechte Kaffee wartet schon.

Viele Firmen wollen (wieder) die volle Kontrolle. Deswegen heißt es: Back to Office! Dorthin, wo es schlechten (oder keinen) Kaffee gibt, dorthin, wo alles Schwarzweiß ist, dorthin, wo öder Small Talk durch Gehörgänge schallt.

«Wie war dein Wochenende?»

«Nett, wir waren weg.»

«Hm.»

Im Wald rascheln die Bäume; Regen prasselt auf das Moos.

Teamleiter wollen ihre Mitarbeiter stets im Blick haben, damit sie ihnen nicht vertrauen müssen. Steckt ja auch viel Wahrheit in dem alten Spruch: Kontrolle ist wirklich besser! Oder Firmen wollen ihre Mitarbeiter zermürben, damit sie hinschmeißen, kündigen, gehen. Verpiss dich. Damit es der strauchelnden Firma besser geht. Und denk doch bitte mal an die Gesellschaft, ans Wirtschaftswachstum, an unseren Wohlstand, an die vielen Verbrenner. Weg also mit den Faulenzern, die zu Hause ohnehin nur Wäsche aufhängen und das Sofa belegen wie Salamischeiben das Graubrot.

Der Boss stinkt nach Schweiß und Asche und Alkohol

In der Firma sind die Mitarbeiter wie in einem Panoptikum: immer unter Beobachtung – oder? Plötzlich steht der Boss im Büro, steht neben dir, und er stinkt nach Asche und Schweiß und ein wenig nach Alkohol. Den Druck von oben gibt er gern weiter; Spucke fliegt durch die Luft. Denk mal an dein Herz; könnte mal wieder lüften; was gibt's wohl in der Kantine? Licht an, Licht aus? Tür auf, Tür zu?

Und dann schnell den Flur entlang huschen und an die Arbeit denken. Glücklich muss hier niemand sein, nur fleißig und immer dreihundert Prozent geben, ihr verschmorten Rechenkünstler. Jetzt aber ab ins Meeting: Im Konferenzraum sitzen die unglücklichen Geister und glotzen auf einen großen Bildschirm an der Wand, weil niemals alle gleichzeitig der Präsenzpflicht nachkommen können. Herr Schnell liegt im Koma, zugeschaltet ist er trotzdem, viel sagen kann er nicht, aber zuhören, damit er im Loop bleibt und direkt anknüpfen kann, wenn er das Bewusstsein wiedererlangt.

Muss ich auch zur Arbeit, wenn die Wolkenkratzer brennen?

Also erscheinen sie wie Giganten auf dem Screen, während die physisch Anwesenden gegen die Langeweile kämpfen, gegen den Unmut und den Hass auf die Routine. Wann knallt denn der Asteroid endlich auf die Erde? Ka-booooom! Muss ich trotzdem zur Arbeit, wenn die Wolkenkratzer lichterloh brennen? Wollte doch einen Marmorkuchen hinstellen, weil schon wieder ein Jahr vergangen ist. Hoch soll ich leben, aber die Luft ist zu dünn.

Zurück ins Meeting, die vierte Stunde bricht an. Die Anwesenden denken: Ich würde jetzt echt lieber arbeiten, meine Aufgaben erledigen; aber wir sitzen seit einer Stunde in einem engen Raum und existieren. Vorn labert Dr. Dr. Schenk, der Boss verliert sich in Monologen und bittet seine Untertanen schließlich darum, sich mehr anzustrengen, damit die Zahlen nach oben gehen. Wachstum! Wachstum! Als ob es so einfach wäre. Ist es aber nicht. Wissen alle, aber egal. Denk mal an dein Herz, du Armleuchter. Licht aus. Raus, endlich raus.

Der Wind ist lebhaft und kühl. Graue Wolken ziehen vorbei, doch sie bringen keinen Regen.