Ein Urlaub in Deutschland mag auch Vorteile haben. Doch mindestens einen gravierenden Nachteil gibt es: Besitzer von Ferienwohnungen – Fewos – haben nur selten Geschmack. Das ist ein deutsches Problem. Deutschland will von gutem Interior Design nichts wissen. Deshalb spielt in den allermeisten Ferienwohnungen guter Stil schlicht keine Rolle – nicht einmal Statist ist er. Da werden Wände orange angemalt, als wäre das eine hervorragende Idee. Da werden unironisch Wandtattoos in die Raufasertapete gestochen und «lustige» Sprüche im ganzen Haus verteilt. Da hängen auch Blechschilder, die die Küche verorten. Kitchen, steht da, und man befindet sich tatsächlich ebenda.
In die Fewos werden Sperrmüllstühle aufgestellt, Ledersofas, blaue Sessel und tatsächlich: Fliesentische. Wie bei Oma früher, als alle geraucht haben und auf dem Tisch der schwere Aschenbecher kippelte.
Die Bettwäsche kostet immer extra und ist blutrot, als wäre im Schlafzimmer ein brutaler Mord geschehen. Als hätte ein Triebtäter lustvoll ein Massaker veranstaltet. Der zuständige Ermittler: «Ich mach den Job seit 30 Jahren – aber so eine Ungeheuerlichkeit habe ich noch nie gesehen.» Der Täter heißt Udo, und er raucht West und trinkt Oettinger.
Deutsche Fewos sind das krasse Gegenteil von AD
Bei der Farbgestaltung vieler Fewos gilt offenbar der Grundsatz: Die eine Wand ist weiß – also muss der ganze Rest völlig farbenfroh sein. Teppiche in blau? Wie das Meer! Ledersofas in beige? Wie der Strand! Vorhänge in Gelb? Wie die gleißende Sonne! Deutsche Ferienwohnungen sind das krasse Gegenteil von AD. Trotzdem kostet die Nacht 150 Euro. Und wenn Ostern ist, sogar 300 Euro. Es ist zum Verzweifeln.
Ein positiver Gedanke am Morgen kann Deinen ganzen Tag verändern
Leise wimmernd klicke ich mich durch die Portale und betrachte durch einen Tränenschleier die dargebotenen Fotos. In der einen Fewo sind die beiden Sessel mintgrün und mit einem pelzigen Samtstoff bezogen; als säße man auf Schimmel. In der Ecke steht ein Deckenfluter, der ist goldig und zwanzig Jahre alt. Für die Gemütlichkeit sollen Deko-Elemente sorgen, die in anderen Wohnungen irgendwie übrig waren. Da steht zum Beispiel ein verstaubter Mini-Leuchtturm, der nie leuchten wird. Und an den Wänden hängen Bilder, die laut brüllen: «Belanglos, beliebig – Augenkrebs.» (Ich sehe Bilder mit Strandkörben, Muscheln und Sand. Als müssten die Fewos unbedingt die Außenwelt spiegeln. Ästhetische Faulheit allerorten.)
Ich kann nicht mehr. Mir wird übel von der grotesken Hässlichkeit, die viele Ferienwohnungen auszeichnet. Ich verstehe nicht, wieso die Vermieter nicht einfach alles bei IKEA erwerben. Warum dieser Zwang, seinen Sperrmüll nicht abholen zu lassen und stattdessen ins Ferienhaus zu stellen? Als wäre die Fewo ein Gnadenhof für bauchige Röhrenfernseher von Grundig. Nachhaltigkeit hin oder her – nach zwei, drei Jahrzehnten hat das olle Sofa seinen Tod redlich verdient. Lasst es sterben, lasst es brennen! Ich will die Flammen sehen.
Doch die Fewo-Besitzer hören nicht auf mich. Sie finden ihre Wohnung wahrscheinlich sogar: gemütlich. Schön ist es und es gibt RTL (aber keinen Geschirrspüler). Udo hat auch die Hausordnung verfasst, sie besagt, dass man möglichst leise atmen soll. Und immer gut lüften, «wegen dem Schimmel». Und keine illegalen Pornos aus dem WLAN laden, da haften im Zweifel die Eltern für ihre Kinder. Den Schlüssel zur Wohnung «Seebrise» können Sie sich zwei Dörfer weiter abholen, zwischen 8 Uhr und 8:15 Uhr, einfach bei Müller klingeln. Check-out ist übrigens um 6 Uhr, bitte die Fewo besenrein hinterlassen und den Müll und in die korrekten Mülltonnen einsortieren – sonst droht eine Vertragsstrafe in Höhe von 500 Euro. Aber nun wünschen wir Ihnen einen wunderschönen Urlaub!
Dieser Text erschien am 12. Februar 2021 in meinem Blog. Ich habe ihn überarbeitet und ein wenig erweitert.