Fremde Mails lesen
Ich habe eine alte Gmail-Adresse mit einem Nutzernamen, der als Wortspiel gedacht war, aber auch einem echten Nachnamen entspricht. Das wusste ich damals bei der Einrichtung nicht und war verwundert, als ich E-Mails von einer Renate erhielt. Sie hatte sich selbst in CC gesetzt, aber meine Adresse (mit ihrem Nachnamen) eingetragen. Zehn Jahre lang erhielt ich regelmäßig Nachrichten von Renate. Und es trudelten immer mehr E-Mails ein, die an andere Leute gerichtet waren. Sie alle hatten meine Adresse genutzt, um sich etwa bei einem Onlineshop anzumelden.
Neulich war Lou in einem Geschäft, in der Etam-Filiale in Niort, Frankreich. Hier hat sie am 11. Dezember um 16:29 Uhr und 52 Sekunden eine Bestellung aufgegeben und dazu meine Mail-Adresse genutzt, weshalb ich die Bestätigung gelesen habe und nicht Lou. Im weiteren Verlauf erhielt ich weitere Mails, die mich auf dem neuesten Stand hielten: Die Bestellung sollte in «zwei bis fünf» Tagen bei Etam eintreffen, schrieb das Unternehmen am 12. Dezember. Bereits einen Tag später war die Bestellung auch schon eingetroffen: «Bitte holen Sie sie ab, Lou!»
Doch sie erhielt diese Mail nicht, sodass ich mir Sorgen machte: Würde Lou trotzdem an ihre neue Unterwäsche denken? Glücklicherweise ja: Heute war sie um 15:04 Uhr bei Etam und hat die Bestellung abgeholt. Ich erhielt sofort eine weitere E-Mail: «Wie war denn der Einkauf?» Würde Lou die Boutique weiterempfehlen? Leider weiß ich es nicht, und Lou wird ihr Feedback nicht abgeben können; sie hat den Link zur Umfrage nicht erhalten.
Ich war neugierig, was ich über Lou im Netz herausfinden würde: Ich fand sie bei Facebook und bei LinkedIn, und ich weiß deshalb, in welcher Stadt sie lebt und arbeitet. Außerdem fand ich auch ein Foto von ihr und weiß deshalb, wie alt Lou ungefähr ist. Ich werde ihr wohl schreiben: «Liebe Lou, Etam möchte unbedingt wissen, wie du deinen Einkauf fandest. Dein Feedback ist total wichtig, bitte melde dich!» Oder ich lösche die Mails einfach.
Die Mails der Anderen
Vor einer Weile habe ich aus den fremden Mails einen Text zusammengestellt, der die Menschen, die meine Adresse nutzen, vorstellt. Es ist erstaunlich, was ich über sie herausfinden konnte: Haley aus den USA zum Beispiel ist ein offenes Buch. Ich weiß, wie ihre beiden Kinder heißen, ihr Mann, ihre Freunde. Sie schreibt einfach alles in ihr Facebook-Profil, das jeder einsehen kann. Ich weiß, wo Haley arbeitet und ich kenne sogar ihr Nummernschild. Und das nur, weil ihr damn Autocorrect ihre Mail-Adresse verschlimmbessert hat. Ich werde mich jedenfalls bei Böhmermann bewerben – ich denke, dass ich bei Lass dich überwachen gute Arbeit leisten könnte.
Daniel Berger ist Tech-Journalist in Hannover, er schreibt Artikel über das Internet. Außerdem bloggt er Stadtgeschichten über Hannover. Mehr