2023: Wrapped – Mein Jahresrückblick
Das Jahr 2023 beginnt auf Sylt. Dorthin reisen wir im Januar mit dem Zug – eine geniale Idee: Es sind wenige Touristen auf der Insel, aber doch genug, dass Restaurants, Läden und Cafés geöffnet sind. Außerdem ist Sylt einfach schön – die Landschaft, das Licht, die Dünen und das Meer. Die paar reichen Trottel, die mit ihren Bentleys durch die Gegend fahren – na ja, die lassen sich gut ignorieren. Ebenso die Steppwesten-Rentner, die immer so wirken, als seien sie den ersten Tag auf dieser Welt. Staunend stehen sie im Weg und erschrecken, wenn man sich ihnen nähert, sie überholt. Und immer schimpfen sie über irgendwas.
Wir verleben eine entspannte Zeit; wir spazieren durch den Sand, lassen uns von der Wintersonne blenden. Ich esse eine teure Currywurst in der «Sturmhaube», trinke Flat White in der «Kaffeerösterei Sylt» und mampfe Pizza in List. Unsere Pizzen müssen wir allerdings im Freien essen, weil in der kleinen Pizzeria seltsame Corona-Regeln gelten – versteht kein Mensch, also sitzen wir eben auf einer Mauer und mampfen Pizza im Sonnenlicht. Genießen den Meerblick. Trotz kalter Luft ist das Wetter erstaunlich gut. Es sind helle Tage im Januar und wir erleben einen gelassenen Jahresbeginn. Rückfahrt dann wieder mit Maske, damit ist bald Schluss.
Abschied
Im April stirbt meine Oma, sie ist 82 Jahre alt geworden. Ich besuche sie einige Male im Krankenhaus, bei meinem letzten Besuch geht es ihr plötzlich besser. Sie meint, dass wir uns das nächste Mal bei ihr Zuhause sehen werden. Sie freue sich, endlich rauszukommen. ··· Die Beerdigung im engsten Kreise findet im Wald statt. Der Baum, neben dem meine Oma ihre letzte Ruhe findet, leuchtet saftig grün. Wir stehen an ihrem Grab zwischen den Bäumen und nehmen Abschied. Sie war ein lieber Mensch. Sie war die liebste Oma.
Abwarten
Die nächsten Monate warten wir ab. Der ET rückt immer näher, der «errechnete Termin» zur Geburt unseres Sohnes. Beim Geburtsvorbereitungskurs erklären sie, was alles passieren wird und was passieren könnte. Die anderen angehenden Eltern sind Kopien von uns: Weiße Almans – und alle sind Produktmanager oder Prozessoptimierer. Hehe, ich übertreibe – das waren alles sehr freundliche Leute! Jedenfalls habe ich (endlich) kapiert, wie so eine Geburt abläuft, so ganz im Detail. Und dann kam doch alles anders.
Irgendwann ist der ET erreicht, doch der Termin verstreicht, wir müssen weiter warten. Also machen wir genau das. Regelmäßig fahren wir ins Krankenhaus, die machen ihre Messungen, alles sieht gut aus. Der Juni bricht an, die Hitze kommt. Und dann ist unser Sohn plötzlich da, von einer Sekunde auf die andere. Buchstäblich, denn er kam kaiserlich zur Welt, es war am Ende der beste Weg. Die Dinge laufen also nicht, wie wir uns das gewünscht haben – doch am Ende geht das alles gut und die Leute im Krankenhaus sind freundlich und hilfsbereit, aber auch anstrengend: Ständig möchte jemand etwas von uns! Morgens wache ich verballert auf, da steht schon irgendeine Ärztin neben dem Bett und erklärt meiner Frau … irgendwas.
Immerhin darf ich hier sein, die Familienzimmer sind rar und heiß begehrt. Doch für Langschläfer sind Krankenhäuser nichts. Sechs Tage verbringen wir auf Station 6, in dieser seltsamen Welt. Es sind die heißesten Tage des Jahres, die Welt draußen steht in Flammen. Zwischendurch trete ich zurück in die normale Welt, um bei Edeka süßen Quatsch zu kaufen. Stehe da an der Kasse. «Deutschlandkarte?» – «Ne.» Wir sind so froh, als wir nach Hause dürfen.
Eltern also
Meine Frau und ich sind nun Eltern, und ich habe zunächst drei Monate Elternzeit – die besten Sommermonate, Juni bis Anfang September. Wir gehen in diesen Wochen sehr viel spazieren, denn der Sohn schläft tagsüber eigentlich nur in der Trage und nie im Kinderwagen. Nur einmal versehentlich, da haben wir es fast bis um den kompletten Maschsee geschafft. Ansonsten aber klebt er an uns, das ist schön, aber auch anstrengend. Meine Frau geht zur «Rückbildung», während ich mit dem Sohn durch den Wald spaziere, marschiere, stapfe. Der Regen fällt auf die Blätter, der Boden ist glitschig und nass. Wasser läuft die Baumrinden herab, der Wind fegt durch die Blätter. Ein Rascheln, ein Rauschen, ein Schmatzen. Der Sohn liebt das, schläft tief und fest. Es kann keinen schöneren Moment geben, als um halb zehn Uhr durch den Wald zu latschen, ohne Ziel, ohne Aufgabe, ohne Termindruck. Nasse Füße, nasse Socken, nasse Hose: ganz egal.
Nach einigen Wochen gibt es diesen Moment am Maschsee, als meine Frau und ich samt Sohn aufs funkelnde Wasser schauen und nebenbei Flat White und Chai-Latte schlürfen. Um uns tobt das Leben: Skater, Radfahrer, Leute mit Kindern. Flaneure und Kaffeeverkäufer mit ihren Siebträgern. Lachende Leute, bellende Hunde. Und wir drei, übermüdet, einigermaßen fertig mit den Nerven, aber doch glücklich, hier zu sein.
Wir versuchen, alle Dinge richtigzumachen: Den Sohn ausreichend zu füttern, ihn zu beruhigen, ihn zu baden, ihm ein schönes Zuhause zu schaffen. Und eine Million andere Dinge. Täglich schaut unsere Hebamme vorbei, zeigt uns, wie das alles geht. Zwei Fehler pro Tag seien erlaubt, beruhigt sie uns.
Jahresrückblicke
In einer Nacht stehe ich am Fenster und schaue raus in die schlafende Welt. Alle machen weiter, als wäre nichts, und wir müssen das jetzt hinbekommen. Es gibt kein Zurück. Kein Rückgaberecht. (Nur die Babyklappe?) Nach ungefähr sechs Wochen läuft alles schon viel besser. Der Anfang war hart und schwer, anstrengend und überwältigend. Doch alles ist nur eine Phase. Und dann kommt auch schon die nächste.
Arbeit
Nach drei Monaten Elternzeit wieder zu arbeiten, das ist eine eigenartige Erfahrung, die ich Anfang September mache. Als ich vor neun Jahren nach einem Monat in Hamburg an meinen Schreibtisch in Hannover zurückkehrte, saß ich da und war schlicht schockiert: Es hatte sich nichts verändert. Die Kollegen tippten ihre Texte, tranken ihren Kaffee, machten ihre üblichen Scherze. Alles wie immer. Business as usual.
Nach den drei Monaten Elternzeit erging es mir ähnlich, aber doch anders: Erstens war mein erster Arbeitstag ein Freitag (seltsam); zweitens blieb ich im Homeoffice (angenehm), was den Wechsel deutlich abgemildert hat. Doch eine neu eingeführte Präsenzpflicht bedeutet, dass ich weniger flexibel sein kann – ein Umstand, der mir erstaunlich stark missfällt. Außerdem sollen nun wieder Dinge wichtig sein, die ich drei Monate lang verdrängt habe. Termine, Meetings, Kollegen. Deadlines, Hierarchien, Regeln. Und E-Mails, unendlich viele E-Mails. An diesem Freitag geht es abends noch auf eine Hochzeit. Es ist die erste Feier mit Sohn, und er macht die Sache gut: Er betrinkt sich hemmungslos (mit Muttermilch).
Es folgen weitere Premieren: Der Sohn fährt das erste Mal Zug (als Passagier), Regionalbahn, IC und ICE. Das Babyabteil im Schnellzug ist genial, da haben wir unsere Ruhe und müssen kein schlechtes Gewissen haben, wenn der Sohn mal laut weint. Kreischt. Jault. Im Oktober nehmen wir den Zug an die Küste, an den Timmendorfer Beach. Der Sohn liebt, dass wir so viel Zeit miteinander verbringen. Ich mag den Ort allerdings nicht, ich will zurück nach Westerland ♯.
Stattdessen geht es später nach Goslar. Als wir dort ein Restaurant betreten, murmelt eine ältere Frau: «Schön, auch mal mit Baby essen zu gehen.» Der Sohn möchte dann die Tischmatte verspeisen – aber lieber nicht. Nächstes Jahr folgen dann weitere sechs Monate Elternzeit. Dann werden wir auch wieder in den Wald gehen.
2022: Ein persönlicher Jahresrückblick
Am 31. Dezember 2021 noch schnell einen Espresso geschlürft, zack, schon begann das neue Jahr. Zwanzig-zweiundzwanzig: guter Sound, sieht auch ausgeschrieben schön aus. Jetzt ist wieder der 31. Dezember, jetzt ist erneut ein Jahr geschafft. Was vor einem Jahr war: keine Ahnung. Ich schaue in meine Smartphone-Fotos, Google weiß alles. Da ist etwa ein Screenshot von einer Umfrage, die ich am 11. Januar auf Twitter durchgeführt habe. Was für ein neues Hobby könnte ich beginnen? Die meisten meinten, ich solle mir ein Rennrad kaufen (33 Prozent); 22 Prozent waren für die E-Gitarre. Genau die habe ich mir später gekauft, Ende Januar kam sie an. Macht Spaß, ist aber schwer. Mein Hirn kribbelt immer, wenn ich mir merken will, welche Griffe aufeinanderfolgen. Aber das tut gut und das Geschrammel klingt … immer besser. Fünf, sechs Jahre dauert das wohl noch, dann spiel ich Nothing Else Matters rauf und runter. Oder zehn Jahre, elf. Mit ’nem Rennrad wär ich schneller am Ziel gewesen.
Pandemie-Blues
Im März sind wir in Hildesheim: hübsche Stadt! Abends gehen wir essen, sitzen beim Vietnamesen. Wohl fühlen wir uns aber nicht, denn wir sitzen mit sehr vielen Menschen in einem engen Raum. Das gab’s lange nicht mehr. Und natürlich trägt keiner Maske, weil wir alle mampfen und trinken und sabbeln. Schon komisch, obwohl es das nicht sein sollte. Aber es geht gut, wir werden nicht krank1. Das passiert erst im Sommer: Zuerst erwischt es meine Frau, dann mich. Das also ist Covid-19. Der Verlauf ist einigermaßen mild, wir danken den drei Impfungen. Seltsam wird’s aber, als wir beide unseren Geruchssinn verlieren und alles nach nichts riecht. Es regnet – und da ist kein Regengeruch. Ich stecke meine Nase tief in die frisch gemahlenen Kaffeebohnen: nichts, nichts, nichts. Glücklicherweise kehrt der Geruchssinn nach einer Weile wieder vollständig zurück. Der Geruch nach einem Regen, der Geruch von feuchter Erde – herrlich.
- Weg war die «Angst» vor Covid, als wir Ende April nach Paris flogen. Das erste Mal ging ich ohne Maske in einen Supermarkt. Es war ein gutes Gefühl, muss ich zugeben. War vielleicht fahrlässig, aber es tat gut nach all den komischen Monaten. (Anfang April noch haben wir bei Patrick Salmen gesessen, mit Maske, weil uns die Sache nicht ganz geheuer war.)
Sommer, brennende Hitze. Am 20. Juli 2022 sind’s 40 fucking Grad C. Ich kaufe den besten Ventilator der Welt, so ein Ding von Xiaomi. Ein akkubetriebener Lebensretter. Wir sitzen abends auf dem Balkon und trinken Wodka-Brombeere von meinem Vater aus Kristallgläsern von meiner Oma. Oder wir trinken nachmittags Weißwein auf der Lister Meile, im Weinladen. Oder wir essen Eis Eis Baby. Oder wir liegen am Mittellandkanal und schauen Kindern dabei zu, wie sie von der Brücke springen. Drei Freunde stehen da oben, der eine springt nach langer Überlegung, dann der zweite. Der dritte Junge bleibt stehen, es wird über eine Stunde dauern, bis auch er sich traut. Dann kommt ein Sommergewitter und es regnet kurz. Abends grillen wir spontan mit den Nachbarn im Gemeinschaftsgarten. Bommel (s.u.) ist da, er bellt und fiept und flitzt. Der Nachbar von oben gafft neidisch von seinem Balkon herab. Keiner denkt an die Dunkelheit und Kälte.
Umgezogen
Aus irgendeinem Grund schauen wir nach einer neuen Wohnung. Eher zufällig, aus einem Gespräch heraus. Nötig ist ein Umzug eigentlich nicht, denke ich da noch. Aber es wäre schon schön, ein paar mehr Steckdosen und Zimmer zu haben. (Und ich möchte nicht den Nachbarn beim Kacken zuhören – TMI.) Jedenfalls schauen wir uns einige Wohnungen an, schöne Wohnungen, teure Wohnungen – schweineteure Wohnungen. Zwischendurch sind wir in Düsseldorf, dort feiern meine Frau und ich meinen Geburtstag. Bald bin ich 40, fällt mir auf. Aber erst bald. Ein paar Jahre sind es noch.
Ende August besichtigen wir dann eine wunderbare Wohnung in der Südstadt von Hannover. Und wir bekommen tatsächlich eine Zusage. Wir ziehen aus, um und ein. Wir verabschieden uns vom Gemeinschaftsgarten, von unseren tollen Nachbarn und den zwei putzigen Häschen. Wir sagen auch Ciao zur Winkelspinne, die jahrelang in unserer Holzbank auf dem Balkon lebte und uns wahrscheinlich ermorden wollte, weil Spinnen solche Ideen haben.
Jahresrückblicke
In diesem Jahr werden plötzlich alle schwanger, überall Babys und Kleinkinder! Freunde werden zu Familien, überall liegen Beißringe und quietschende Plüschtiere herum. Meine Frau und ich passen erst mal auf einen Chihuahua auf, der ist ja auch wie ein Kind. Ein haariges Kind, das unter dem Tisch sitzen muss. Ein Kind, das ständig gegen Bäume pullert und kläfft. Bommel heißt der Hund, den wir uns mehrmals leihen dürfen. Ich habe viele gute Hundenamen parat – und auch viele gute Namen für Mädchen. Dass es nun so ist, dass meine Frau und ich bald einen menschlichen Jungen bekommen werden – das konnte ja keiner ahnen. Muss er etwa Bommel heißen?
Es gibt leider nur drei, vier Jungennamen, die gut klingen. Den besten sagen wir oft laut, und er klingt immer noch ausgezeichnet. Mein Opa freut sich, dass sein Nachname nicht aussterben wird. Noch haben wir ein paar Monate ganz für uns allein und wir können machen, was wir wollen. Zum Beispiel drei Folgen Severance hintereinander schauen. Na und? Nächstes Jahr wird definitiv anders werden: 2023 wird besonders, 2023 wird einzigartig werden.
E-Books mit Apple Pages erzeugen
Mit dem Schreibprogramm Apple Pages kann man ganz leicht E-Books erzeugen und bei Apple Books veröffentlichen. Genau das habe ich getan und darüber einen Artikel geschrieben – den gibt's bei heise+ zu lesen.
Als Beispiel habe ich meinen Athen-Text1 genommen, den ich zuvor überarbeitet hatte. Ab sofort gibt es die Hässliche Schönheit also auch als kostenloses E-Book zu lesen. Geld kann ich keines dafür verlangen, weil ich dann Steuerformulare hätte ausfüllen und in die USA schicken müssen. Und wenn ich vor einem Angst habe, dann sind es Steuerformulare!
- Mehr dazu steht in diesem Beitrag. Ich habe übrigens auch die Webseite etwas verschönert, sie ist ein wenig farbenfroher geworden.
Normalerweise schreibe ich meine Texte mit Ulysses und Sublime, denn Word kann ich nicht ausstehen. Pages aber ist gar nicht übel, zumindest ging das Formatieren mit den Absatzstilen sehr einfach. Das Tool erzeugt auch EPUB-Dateien, die man sich neuerdings via Mail einfach auf den Kindle schicken kann. Praktisch!
Ein Fotobuch mit Affinity Publisher gestalten
Es ist schon wieder eine ganze Weile her, dass ich gemeinsam mit meiner Frau durch Athen streunte. Zwei Wochen lang lernten wir die Stadt kennen und tranken in dieser Zeit viel Kaffee, zum Beispiel im Underdog (bester Flat White der Welt). Außerdem schoss ich viele Fotos – zu viele Fotos, wie in jedem verdammten Urlaub. Jedenfalls nahm ich mir vor, ein Fotobuch zu gestalten und darin auch meinen Reisetext über Athen unterzubringen. Daraus wurde bisher aber nichts, weil ich viele andere Dinge tat und irgendwann das Athen-Fotobuch vergaß.
Nun habe ich aber für heise+ einen Ratgeber geschrieben, der erklärt, wie man schicke Fotobücher mit Affinity Publisher baut:
Wer ein Fotobuch mit Affinity Publisher layoutet, genießt maximale Gestaltungsfreiheit
Der Text ist jetzt online, leider dürfen ihn nur zahlende Abonnenten lesen. Durch den Artikel habe ich wieder große Lust bekommen, das Projekt doch noch abzuschließen. Drucken lasse ich das Werk dann bei Blurb, weil mir deren Mohawk-Papier so gut gefällt.
Wer sich für Affinity Publisher interessiert, findet hier zudem einen anderen Artikel von mir, in dem es um die Buchgestaltung geht. Denn das hatte ich auch mal vor: Ein Buch zu setzen und es bei BoD drucken zu lassen. (Nur für mich.) Fragen Sie mich jetzt aber nicht, ob ich das auch getan habe. Immerhin habe ich es geschafft, eine schmale Broschüre zu gestalten – wieder mit Publisher – und drucken zu lassen. Das Ergebnis gefällt mir gut, wie ich in diesem Beitrag zugab.
- Update, 2. Dezember 2025: Affinity Publisher ist inzwischen kostenlos und heißt nur noch Affinity. Die neue App vereint Publisher, Affinity Photo und Affinity Designer. Diesen Umstand habe ich zum Anlass genommen, um für heise online einen neuen Artikel (€) zu schreiben. Darin beschreibe ich, wie man ein schickes Fotobuch mit Affinity gestaltet.
2021: Jahresrückblick anhand meiner Amazon-Bestellungen
Im Jahr 2021 habe ich insgesamt 18 Bestellungen bei Amazon getätigt. Genug für einen Jahresrückblick, der auf meinem Kaufverhalten basiert. Das Jahr beginnt mit Pflanzendünger, den ich am 22. Januar bei Amazon bestellte. Zuvor erfuhr ich, dass man Grünpflanzen nicht nur düngen könnte, sondern auch sollte. Meine Monstera1 hatte damit begonnen, einige Blätter abzuwerfen, sie wurden erst gelb und dann braun. Jahrelang wuchs die Pflanze vor sich hin und bekam regelmäßig neue Blätter, eins nach dem anderen, immer saftig-grün. Zwischendurch habe ich sie umgetopft und sie wurde noch größer. Dann kamen plötzlich die gelben Blätter und ich war etwas verwirrt: Was will sie, was braucht sie? Vielleicht Pflanzendünger! (Ein paarmal habe ich die Pflanzen gedüngt, ehe der Dünger in der Kammer verschwand. Dort stand er bis vorhin, als mir beim Betrachten meiner Amazon-Historie wieder einfiel, dass man Pflanzen regelmäßig düngen sollte.)
- Monsteras (siehe Wikipedia) sind seit einigen Jahren Trendpflanzen, die jeder Hipster bei sich in der Altbaumwohnung stehen haben sollte. Bei mir ist es so, dass ich eher kein Hipster bin, aber zwei Dinge seit Ewigkeiten gerne betrachte: Monstera-Blätter und ältere Cavalier-King-Charles-Spaniel. Die (seltsame) Vorliebe für diese Pflanze und diese Hunde muss tief in meiner Kindheit verwurzelt sein, vielleicht ergibt sich irgendwann mal ein Gespräch mit einem Psychologen, der mir weiterhelfen kann.
Am 10. März habe ich mir eine neue Kamera bestellt: die X-T3 von Fujifilm. Es macht zwar viel Spaß, mit ihr zu fotografieren, aber sie fällt irgendwie mehr auf als andere Kameras – ständig schauen mich Menschen an, wenn ich irgendwas fotografiere! Die Leute schauen, als würde ich auf offener Straße einen Hund belästigen, dabei mache ich doch nur meine harmlosen Fotos. Da war zum Beispiel ein Kioskbesitzer, der aus seinem Kiosk stürmte und mich wüst beschimpfte. Wahrscheinlich dachte er, dass ich seinen dämlichen Kiosk fotografiert hatte – und es stimmt, ich fotografiere nur Kioske und tapeziere mit den Bildern meine heimlich gemietete Zweiwohnung. Dort habe ich im Wohnzimmer einen ganzen Kiosk eingerichtet, weil ich vernarrt bin in Kioske. (Usw., usf.) Nein, mir sind Kioske völlig egal. Der Mann regte sich jedenfalls tierisch auf und ich ging schnell weg, bevor er Fantadosen nach mir werfen würden. Jedenfalls würde ich die X-T3 vielleicht nicht noch mal kaufen, sondern eine kleinere Kamera, die nicht weiter auffällt, womöglich die X100V. Aber warum gähnen Sie denn?!
For The First Time
Am 12. März bestellte ich das Album «For The First Time» von Black Country, New Road auf CD. Ich mag das Album sehr. Leider hat mein CD-Player die Angewohnheit, Songs nicht immer vollständig abzuspielen. Der Laser scheint hängen zu bleiben, was weiß ich, das Gerät hat seinen Job noch nie ordentlich erledigt. Ich habe es sogar einmal umgetauscht, vor allem, weil der CD-Halter (aus Plastik) schräg war, leicht schräg, aber schon sichtbar schräg. Der Saturn-Mitarbeiter fand das zwar übertrieben, aber er hat mir trotzdem einen neuen Karton samt CD-Player gegeben, der nicht immer alles abspielt, was auf den CDs enthalten ist. (Als zwischendurch auch unser Sonos-System Songs übersprang, war das kein leichtes Leben mehr.)
Am 16. Mai 2021 bestellte ich das Buch «The Anthropocene Reviewed»2 von John Green, dessen Podcast wie das Buch heißt und den ich gerne höre. Als ich selbstständig war und meine Mittagspausen gerne auch mal zwei Stunden dauerte, habe ich zahlreiche Podcasts entdeckt und gehört: Zeit Verbrechen, klar, Gemischtes Hack, klar, und auch S-Town, 99 Percent Invisible, Twenty Thousand Hertz, Freakonomics Radio, Wind of Change und viele mehr. Das bestellte Buch ließ dann lange auf sich warten.
- Bücher kaufe ich meistens im Buchladen um die Ecke (oder bei «Kafka» in Detmold). Bei Amazon bestelle ich hin und wieder englische Bücher, weil die preislich unschlagbar sind, und manchmal bin ich halt ein Sparfuchs, der gerne 5 Euro spart. Selten kaufe ich E-Books für meinen Kindle, zum Beispiel Dan-Brown-Romane für den Urlaub, die will ich nicht auf Papier haben.
Niemand hat ihn getötet
Am 26. Mai bestellte ich den Krimi «Ich habe ihn getötet» von Keigo Higashino. Ich lese gerne Bücher von japanischen Autorinnen und Autoren, seit ich verspätet Haruki Murakami für mich entdeckte. (Das schrieb ich auch schon in meinem Jahresrückblick 2020.) Von Keigo H. habe ich alles gelesen und mindestens gemocht, aber das Buch hier habe ich eigentlich gehasst, denn der Autor verrät am Ende nicht den Mörder, die Mörderin! Das sollen die Leser selbst machen. Ich müsste das Buch also abermals lesen und die Hinweise erkennen und schließlich kombinieren, wer den Dings ermordet hat. Dafür habe keine Zeit, darauf habe ich keine Lust. (Ich lese nur selten Bücher ein weiteres Mal. Am meisten – nämlich viermal – habe ich «Plattform» von Michel Houellebecq gelesen.)
Am Strand
Am 29. Juni bestellte ich eine Strandmuschel. Wir fuhren dann nämlich nach Rügen und saßen dort an diversen Stränden. Die Muschel gab uns Schutz und Geborgenheit. Sie ist nicht unbedingt schön, aber auch nicht so abstrus hässlich wie die anderen Strandmuscheln, die dort an den Stränden zu betrachten waren. Praktisch ist das aufblasbare Kissen, das ich ebenfalls bestellte: Mit wenigen Atemzügen war es prall genug, um meinen schweren Kopf zu halten. Da lag ich also und starrte entweder in den blauen Himmel oder in die blaue Strandmuschel. Zwischendurch richtete ich mich auf und betrachtete nackte Menschen, die dort überall herumlümmelten. Urlaub in Deutschland ist schön und gut, dachte ich, aber es ist weiterhin nicht das Wahre. Geradezu erleichtert war ich, als wir im Spätsommer doch noch in ein Flugzeug stiegen und eine wunderbare Zeit in Barcelona3 verbrachten. Ohne Strandmuschel.
- In Barcelona habe ich den besten Jazz-Plattenladen der Welt entdeckt: «Jazz Messengers» in Eixample. Dort kaufte ich mir die Jubiläumsausgabe von «Giant Steps» (John Coltrane). Die Verkäuferin war äußerst sympathisch und freundlich und bewandert. Dass ich eigentlich erst wenig Ahnung von Jazz habe, konnte ich gut verbergen, indem ich den Laden mehrfach und überschwänglich lobte. Er hat es aber auch verdient! Allein seinetwegen muss ich schnell zurück nach BCN.
Am 6. Dezember machte ich mir quasi selbst ein Nikolausgeschenk und bestellte das neue Mastodon-Album, es heißt «Hushed and Grim». Diesmal nicht als CD, sondern als Vinyl. Mein Plattenspieler ist derzeit nicht am Verstärker angeschlossen, denn seit wir einen neuen Fernseher haben, ist auf dem Lowboard nicht mehr genügend Platz für den Plattenspieler. Jahrelang schauten wir Filme und das «Dschungelcamp» auf einem 32-Zoll-Fernseher (sic!), das glaubte uns niemand und viele Besucher standen in unserem Wohnzimmer und lachten uns geradezu aus. «Damit schaut ihr Filme?!», riefen sie und riefen sogleich Freunde und Verwandte an, um ihnen von dieser Ungeheuerlichkeit zu erzählen. «Hör mal zu, da sind zwei, die schauen Titanic auf einem 32-Zoll-Fernseher!» No more! Diese Zeiten sind vorbei, denn im Sommer fuhren wir in den hiesigen Saturn und ließen uns beraten4. Alsbald stand er da, ein TV der Marke SONY. 55 Zoll, OLED, wunderbar. Nur dass der Plattenspieler jetzt nicht mehr neben den Bildschirm passt.
- Es ist (natürlich) so, dass ich mich leicht obsessiv in das Thema TV-Kauf einlas und einarbeitete und gerade davor vor war, völlig durchzudrehen, als wir spontan bei Saturn die aktuellen Fernsehgeräte betrachteten. Ein Fachverkäufer löste sich aus den Kulissen und gestand unaufgefordert seine Liebe zu SONY-Geräten. Er selbst habe sogar seine Ehe aufgegeben, um nun allein mit einem 55-Zoll-TV der genannten Marke glücklich zu werden. Es sei die richtige Entscheidung gewesen, betonte er mehrfach. Wir beglückwünschten den Mann und taten so, als müssten wir uns das mit dem TV noch mal genau überlegen und verließen den Saturn fluchtartig. Am Folgetag erstanden wir den Fernseher bei Media Markt.
Am 21. Dezember lag «The Anthropocene Reviewed» plötzlich doch noch im Briefkasten. Am 16. Mai bestellt, im Dezember angekommen. Immerhin hat sich das Warten gelohnt, das Buch ist sehr gut: Ich vergebe 4,5 Sterne. Am 23. Dezember habe ich bei Amazon spontan ein Last-Minute-Geschenk bestellt, das tatsächlich am Vormittag des folgenden Tages im Briefkasten lag. Das war dann die kürzeste Wartezeit in diesem Jahr.