Neue Foto-Website: Berger.photos
Eine Weile hatte ich die vielleicht etwas seltsame Domain berger.photos herumliegen, bis ich nun endlich dazu kam, dort auch Inhalte zu präsentieren – nämlich Fotos. Die Website enthält also Bilder, die ich machte: im Urlaub und um die Ecke. Die ersten Fotoalben sind online, weitere werden folgen.

Außerdem habe ich ein Blog eingerichtet, in das ich regelmäßig Fotos posten werde; einzelne Schnappschüsse und alte Schätze, die in meiner endlosen Lightroom-Bibliothek auf Entdeckung warten.
Die Seite läuft mit ProcessWire und ich nutze die JavaScript-Galerie PhotoSwipe von Dmytro Semenov. Das Template baute ich selbst, was großen Spaß gemacht hat, weil das CMS so genial flexibel ist.
2024: Das Jahr brennt ab
Es brennt! Das neue Jahr beginnt mit einem Feuer, der Balkon der Nachbarn steht in Flammen. Lichterloh. Der Himmel in allen Farben, eine Soundkulisse wie im Krieg. Meine Frau ruft die Feuerwehr und ich winke mit den Armen und rufe in die Nacht: «Es brennt!» Die Flammen werden immer größer, endlich begreifen die Leute ein Stockwerk höher, was unter ihnen passiert. Die Feuerwehr ist zügig da und das Feuer gelöscht. Der liebe Sohn schaut derweil gebannt das bunte Feuerwerk am Himmel an. Das Jahr 2024 wird vergehen wie im Rausch.
Sylt again
Februar: Im ICE erst nach Hamburg, dort weiter im IC mal wieder nach Westerland. (Bald muss ich mir so einen Sylt-Aufkleber ans Auto kleben; muss vorher nur ein Auto kaufen.) Im zweiten Zug haben wir ein Kinderabteil allein für uns. Der Sohn kann da herumkrabbeln, spielen und laufen lernen. Wir haben sechs Sitze und können die Schiebetür schließen. Besser als die erste Klasse ist das – und die Toilette ist auch gleich nebenan.
Jahresrückblicke
- 2020: Das seltsamste Jahr
- 2021: Das Jahr der Strandmuschel
- 2022: Positive Testergebnisse
- 2023: Eltern also
In Westerland angekommen, laufen wir durch die kalte Luft zur Ferienwohnung. Die ist etwas seltsam, denn das Schlafzimmer befindet sich im Keller. Man kann beim Schlafen nicht hinausschauen. (Haha.) Die Tage sind weiß, kalt und neblig. Hat was!
Im Kontorhaus in Keitum sind wir leichtsinnig: Gehen mit dem Sohn (acht Monate ist er alt) in den Ruheraum, wo sie Tee, Sandwiches, Scones, Shortbread und Kuchen servieren. Ein schöner Ort. Im Hintergrund läuft Jazz. Hier verweilen pensionierte Lehrerpaare und knarzige Vogelliebhaber, die mit dem Fernglas am Tisch sitzen und (hoffentlich) Vögel beobachten. Da sind auch ältere Herrschaften, die nicht gern sehen, dass unser Sohn auf dem Ledersofa herumklettert. Er lächelt und winkt den anderen Besuchern zu, Herzen schmelzen. Nur einige Männer starren regungslos ins Nichts, sie fühlen nur noch Kälte.
Ich mampfe Shortbread und trinke japanischen Tee (Benifuuki), während der Sohn den Teppich genau untersucht. Zwischendurch habe ich aber das Verlangen, zu brüllen, weil es hier so verdammt still und friedlich ist, weil sich die Menschen so gewählt ausdrücken. Lasse es aber sein und schlürfe summend den köstlichen Tee, der pro Kännchen ausgedachte 8,20 Euro kostet. Danach wieder raus, wir gehen zu Fuß nach Haus. Schlafen im Keller.
Kleiner Mensch
Das Jahr 2024 war besonders geprägt vom lieben Sohn, der sich in diesen 366 Tagen enorm entwickelt hat – er ist inzwischen ein kleiner Mensch, der mit uns kommuniziert; ein kleiner Mensch mit Charakter, Interessen und Vorlieben. Er will alles wissen: Was ist das? Und das? Und das? Er lernt gerade die Grundfarben und spricht selbst längere Wörter wunderschön aus.
Im Sommer feierten wir seinen ersten Geburtstag, sein erstes Lebensjahr war so rasch vergangen. Es war anstrengend, intensiv und fantastisch. Und frustrierend und beizeiten nervig: Seitdem der Sohn läuft, habe ich bestimmte Autofahrer, nun ja, hassen gelernt. Wir leben in der Stadt und müssen ständig viel zu sehr aufpassen, dass kein dummes Arschloch mit seinem Audi unseren Sohn plättet. Selbst am Zebrastreifen schaffen es diese Hurensöhne nicht, vorausschauend zu agieren. Stattdessen: Vollbremsungen in letzter Sekunde – oder doch schnell drüber brettern. Sorrrrry, vrrrrroooomm!
Trotz der kleinen und großen Herausforderungen bin ich nicht dem Alkohol verfallen, auch nicht der Spielsucht, Drogensucht und was es sonst noch so gibt. In diesem Jahr habe ich lediglich zwei Bier getrunken: ein Störtebeker auf Rügen und ein Tiger in Hamburg (beim Thailänder). Sonst trank ich keinen Alkohol, wenn man das ein oder andere Tiramisu mal ignoriert. Da ich auch nicht rauche und nie geraucht habe – von dem ein oder anderen Joint mal abgesehen – werde ich wahrscheinlich eintausend Jahre alt. Oder nicht, weil der Audi doch nicht bremsen möchte. Na ja.
Rügen
April: Urlaub auf Rügen. Dort erkunden wir vor allem Binz und die Umgebung. Sind viel mit dem Bus unterwegs, es ist die zweitbeste Art, mit dem Sohn Strecke zu machen. (Die erstbeste Art ist der ICE.) In Binz gibt es einen Kerl, der ein Restaurant betreibt, das ab 17 Uhr keine Kinder mehr hereinlässt. Zudem bewirbt eine Tafel vor seinem Scheißladen das Z-Schnitzel und den N-Kuss, aber ausgeschrieben. Weißte auch, wen der wählt.
In einem Buchladen in Sassnitz ist der Sohn sehr interessiert: Er hat ein paar Kartons entdeckt, die er genauer untersuchen möchte. Fand die Frau, die da arbeitet, nicht so toll – da gab es einen kleinen Anschiss, obwohl wir doch aufgepasst haben. Schade, ich mochte den Laden eigentlich.
Dann fuhr in Binz ein alter Mann gegen einen Baum; ballerte mit seinem Benz dagegen und die Polizei kam und die Feuerwehr. Mächtig was los in diesem Ort, in dem wir zwei entspannte Wochen erlebten. Doch die Deutschen, nun ja, sie können das einfach nicht mit der Familien- und Gastfreundlichkeit. Ich habe gar keine Lust mehr auf diese Fressen, die die Leute machen, wenn unser Sohn ihr schönes Geschäft in Schutt und Asche legt. (Hahaha!)
Aber es gibt sie ja doch noch: diese angenehm lockeren Leute, mit denen das Essengehen mit Kind einfach Spaß macht. Wir kehren in Sellin im Skipper ein, und die Bedienung war so lieb und lustig und toll, dass ich regelrecht baff war. Wie schön könnte ein Urlaub in diesem Land sein, wenn mehr Menschen so wären wie diese Frau. Na ja.
Elternzeit
Nach Rügen begann für mich die Elternzeit Reloaded: sechs Monate inklusive Kita-Eingewöhnung. Den Mittagsschlaf machte der liebe Sohn zunächst ausschließlich in der Trage. Also lernte ich im Sommer meinen Stadtteil sehr genau kennen, auch die Menschen, die werktags um 10 Uhr durch die Gegend streunten. Da war etwa diese eine Frau mit Hund, die ich nicht mochte – was total unfair war: Die hat mir nie etwas getan! Ich sah sie mit dem Hund und dachte unweigerlich: Bitte nicht.
Ich ging in den Wald, der Sohn schlummerte, und ich trieb mich da herum. Schöne Zeit, auch bei Regen. Dann aber gab es immer wieder Begegnungen, die komisch waren: Alte Damen bauten sich vor mir auf und starrten, gafften, staunten – ein Mann mit Kleinkind in der Trage! Unglaublich! Unerhört! Wahrscheinlich waren die Zeitreisende, die von 1933 in unsere Gegenwart geflüchtet waren. Das erklärt auch die Hakenkreuze und dass sie mich mit (…) begrüßt haben. Scherz. «Können Sie Reichsmark wechseln?» – «Ne, ich habe kein Bargeld bei mir», log ich. (Usw.)
Eine andere ältere Frau brüllte mich geradezu an: «Sie müssen dem Kind etwas vorsingen!» – «Ja, aber der schläft doch schon», erklärte ich. – «Never explain yourself!», kläffte wiederum ein Chihuahua, der mir dann noch ein Finanzprodukt andrehen wollte. Von Tecis war der. Na ja.
Zwischendurch besuchte ich vormittags mit dem Sohn einen Sportkurs für Kleinkinder. Ich war der einzige Mann dort, konnte also mit niemandem über Bier, Verbrenner, Schweinekoteletts und Weber-Grills reden. (Hahaha.) Ich musste aber sowieso mit dem Sohn spielen, er hatte eine tolle Zeit und ich eigentlich auch, wenn J. nicht immer so viel genörgelt hätte! Meine Güte, da fresse ich meine Probleme lieber in mich hinein, als unbeteiligten Leuten die Laune zu vermiesen. (Haha.) Zum Abschied sangen wir: Alle Leut, alle Leut gehen jetzt nach Haus. Wir nahmen den Bus, der Sohn und ich; fand er mega. Dann schlief er ein und ich streunte durch die Gegend.
Nachmittags lag ich manchmal platt auf dem Boden und der Sohn machte nebenbei seine Projekte. Leckte Sachen ab oder zog Kabel aus Geräten, zupfte Bücher aus dem Regal. Manchmal nickte ich kurz weg und schreckte auf wie ein Lkw-Fahrer, den der Sekundenschlaf übermannt hatte, obwohl Mastodon aus den Boxen donnerte. Ich höre hingegen nur noch Liki, die Lichterkinder, und die Eule mit der Beule und andere Tonies. Sende Hilfe, ich kann alles mitsingen: Guck mal, diese Biene da, summ-summ!
Zwischendurch kurz Jazz, damit ich mich wieder erwachsen fühle. Gib’s mir, John Coltrane. Der hatte ja immer Zahnschmerzen, habe ich gelesen, weil er nur Mon Chérie gemampft hat. In diesem Jahr habe ich übrigens gerade einmal fünf Bücher konsumiert. Den neuen Murakami fand ich am besten. Kann mir nur den Titel nie merken.
Eingewöhnung
Im August stand die Eingewöhnung in der Kita an. Am ersten Tag ist der Sohn etwas zu übermütig und stürzt, knallt mit dem Kopf volle Kanne gegen eine Holzwand. Die Eule mit der Beule, au, au, au, au, au. Keine zehn Minuten in der Kita und dann das. Ich gehe mit gemischten Gefühlen nach Hause. Doch am zweiten Tag läuft die Sache richtig gut: Er spielt und erkundet seine neue Umgebung mit großem Interesse; ich kann mich zurückziehen und verstecke mich sogar. Am dritten Tag soll ich schon für eine Stunde verschwinden. Da bin ich also, stehe auf der Straße und habe Zeit.
Glücklicherweise ist schönes Wetter (= Sommer) und ich kann auf Parkbänken sitzen, herumlaufen und später sogar im Café verweilen und lesen. Spannend wird dann, als der Sohn seinen ersten Mittagsschlaf in der Kita machen soll. Nervös sitze ich im Park gegenüber der Kita und wartet ab. Dann die Nachricht: Es hat leider nicht geklappt. Ich hole den Sohn ab, er schläft in der Trage ein, ich latsche durch den Stadtteil. Die Frau mit Hund taucht auf, ich denke: Bitte nicht!
Am nächsten Tag das gleiche Spiel – dann bekomme ich ein Foto: Der Sohn liegt friedlich in seinem kleinen Bett und schlummert. Woah, er ist nun also ein Kita-Kind. Er ist angekommen. Eben noch lag er mit verklebten Augen auf meiner Brust und wusste überhaupt nicht, was um ihn herum geschah. Und bald erklärt er uns die Welt.
Threads: Rage Bait ausprobiert
Mit dem ICE ging’s neulich von Bielefeld nach Hannover. Wir hatten drei Plätze im «Familienbereich» reserviert, an einem 4er-Tisch, denn da konnte der Sohn seine Bücher ausbreiten – und alles andere. Doch in dem 4er saßen drei Männer. Ohne Kinder. Widerwillig und murrend räumten sie die Plätze, es waren genügend andere Sitze frei.
Ich fragte mich unweigerlich: Ist es eigentlich in Ordnung, dass drei kinderlose Männer im Familienbereich einen 4er-Tisch belegen? Ist das angebracht oder unverschämt?
Ich wusste keine Antwort und fragte deshalb bei Threads nach – der beste Ort, um kontroverse Fragen zur Diskussion zu stellen. Die Nutzer lieben Rage Baiting, das habe ich inzwischen verstanden. Mein Post wurde dann auch 125.000-mal aufgerufen. In 550 Kommentaren diskutierten die Nutzer diese brennende Frage unserer Zeit. Der Ton war vereinzelt aggressiv, aber das gehört zu Social Media wohl dazu. Dass sich Leute im Ton vergreifen und ihre Manieren verlieren.
«Wo ist das Problem?»
Erstaunlich viele Leute haben offenbar noch nie vom Familienbereich gehört und auch nicht vom Kleinkindabteil. Bei meiner Ursprungsfrage war ich auch etwas ungenau und habe den Bereich «Familienabteil» genannt. Falsch! Denn ein Abteil hat Schiebetüren, wie eben auch das Kleinkindabteil.
Mildly interesting: Trotz der großen Aufmerksamkeit habe ich keinen einzigen Follower dazubekommen. Ich bin weiterhin ein kleines Licht mit nicht einmal 70 Abonnenten, was mich kaum traurig macht. Wahrscheinlich habe ich immerhin etwas über Deutschland gelernt, über die Gesellschaft und darüber, wie sehr manche Menschen Kinder … nicht mögen. (Ich mag aber auch nicht jedes Kind, mein eigenes aber schon, das ist nämlich super.)
«Junge, was laberst du?»
Komisch fand ich, dass sich viele Leute auf den Familienbegriff bezogen haben – sie haben nicht begriffen, dass der Bereich vor allem für Kinder (und deren Eltern) gedacht ist. Stattdessen vermuteten viele, dass die drei Männer bestimmt Brüder oder Cousins waren, also ja dann eben doch: eine Familie! (Haha.)
Die Bahn selbst erklärt jedoch: «Im Familienbereich der ICE- und Intercity-Züge sind Familien mit Kindern im Kindergarten- oder Grundschulalter perfekt aufgehoben.» Die sollen halt nicht im Ruhebereich herumbrüllen, denn da sitzen die Businesskasper mit ihren ThinkPads und tun so, als würden sie hart arbeiten, aber in Wahrheit schreiben sie bei Threads, wie doof Kinder sind (etc.).
Immerhin konnte ich wohl so manchem Threads-Nutzer etwas beibringen: Dass es in den Zügen tatsächlich Bereiche gibt, die Kindern das Reisen etwas erträglicher machen sollen. Drei Männer ohne Kinder haben dort eigentlich nichts verloren. Selbst, wenn sie Cousins sind. Eigentlich ganz einfach.
Meine Story im «Hahnepeter»
Meine Kurzgeschichte «Beruf: Hellseher» ist leicht verändert unter dem Titel «Sauron, der Seher» in Der Hahnepeter erschienen. Genauer: in Ausgabe 8, Frühjahr 2024, auf Seite 34.
Die «Zeitschrift für Prosa und Poesie in Hannover» ist eine Initiative des hannoverschen Autoren-Netzwerks und erscheint zweimal im Jahr. Herausgeber ist Hans-Peter Wiechers.
2023: Wrapped – Mein Jahresrückblick
Das Jahr 2023 beginnt auf Sylt. Dorthin reisen wir im Januar mit dem Zug – eine geniale Idee: Es sind wenige Touristen auf der Insel, aber doch genug, dass Restaurants, Läden und Cafés geöffnet sind. Außerdem ist Sylt einfach schön – die Landschaft, das Licht, die Dünen und das Meer. Die paar reichen Trottel, die mit ihren Bentleys durch die Gegend fahren – na ja, die lassen sich gut ignorieren. Ebenso die Steppwesten-Rentner, die immer so wirken, als seien sie den ersten Tag auf dieser Welt. Staunend stehen sie im Weg und erschrecken, wenn man sich ihnen nähert, sie überholt. Und immer schimpfen sie über irgendwas.
Wir verleben eine entspannte Zeit; wir spazieren durch den Sand, lassen uns von der Wintersonne blenden. Ich esse eine teure Currywurst in der «Sturmhaube», trinke Flat White in der «Kaffeerösterei Sylt» und mampfe Pizza in List. Unsere Pizzen müssen wir allerdings im Freien essen, weil in der kleinen Pizzeria seltsame Corona-Regeln gelten – versteht kein Mensch, also sitzen wir eben auf einer Mauer und mampfen Pizza im Sonnenlicht. Genießen den Meerblick. Trotz kalter Luft ist das Wetter erstaunlich gut. Es sind helle Tage im Januar und wir erleben einen gelassenen Jahresbeginn. Rückfahrt dann wieder mit Maske, damit ist bald Schluss.
Abschied
Im April stirbt meine Oma, sie ist 82 Jahre alt geworden. Ich besuche sie einige Male im Krankenhaus, bei meinem letzten Besuch geht es ihr plötzlich besser. Sie meint, dass wir uns das nächste Mal bei ihr Zuhause sehen werden. Sie freue sich, endlich rauszukommen. ··· Die Beerdigung im engsten Kreise findet im Wald statt. Der Baum, neben dem meine Oma ihre letzte Ruhe findet, leuchtet saftig grün. Wir stehen an ihrem Grab zwischen den Bäumen und nehmen Abschied. Sie war ein lieber Mensch. Sie war die liebste Oma.
Abwarten
Die nächsten Monate warten wir ab. Der ET rückt immer näher, der «errechnete Termin» zur Geburt unseres Sohnes. Beim Geburtsvorbereitungskurs erklären sie, was alles passieren wird und was passieren könnte. Die anderen angehenden Eltern sind Kopien von uns: Weiße Almans – und alle sind Produktmanager oder Prozessoptimierer. Hehe, ich übertreibe – das waren alles sehr freundliche Leute! Jedenfalls habe ich (endlich) kapiert, wie so eine Geburt abläuft, so ganz im Detail. Und dann kam doch alles anders.
Irgendwann ist der ET erreicht, doch der Termin verstreicht, wir müssen weiter warten. Also machen wir genau das. Regelmäßig fahren wir ins Krankenhaus, die machen ihre Messungen, alles sieht gut aus. Der Juni bricht an, die Hitze kommt. Und dann ist unser Sohn plötzlich da, von einer Sekunde auf die andere. Buchstäblich, denn er kam kaiserlich zur Welt, es war am Ende der beste Weg. Die Dinge laufen also nicht, wie wir uns das gewünscht haben – doch am Ende geht das alles gut und die Leute im Krankenhaus sind freundlich und hilfsbereit, aber auch anstrengend: Ständig möchte jemand etwas von uns! Morgens wache ich verballert auf, da steht schon irgendeine Ärztin neben dem Bett und erklärt meiner Frau … irgendwas.
Immerhin darf ich hier sein, die Familienzimmer sind rar und heiß begehrt. Doch für Langschläfer sind Krankenhäuser nichts. Sechs Tage verbringen wir auf Station 6, in dieser seltsamen Welt. Es sind die heißesten Tage des Jahres, die Welt draußen steht in Flammen. Zwischendurch trete ich zurück in die normale Welt, um bei Edeka süßen Quatsch zu kaufen. Stehe da an der Kasse. «Deutschlandkarte?» – «Ne.» Wir sind so froh, als wir nach Hause dürfen.
Eltern also
Meine Frau und ich sind nun Eltern, und ich habe zunächst drei Monate Elternzeit – die besten Sommermonate, Juni bis Anfang September. Wir gehen in diesen Wochen sehr viel spazieren, denn der Sohn schläft tagsüber eigentlich nur in der Trage und nie im Kinderwagen. Nur einmal versehentlich, da haben wir es fast bis um den kompletten Maschsee geschafft. Ansonsten aber klebt er an uns, das ist schön, aber auch anstrengend. Meine Frau geht zur «Rückbildung», während ich mit dem Sohn durch den Wald spaziere, marschiere, stapfe. Der Regen fällt auf die Blätter, der Boden ist glitschig und nass. Wasser läuft die Baumrinden herab, der Wind fegt durch die Blätter. Ein Rascheln, ein Rauschen, ein Schmatzen. Der Sohn liebt das, schläft tief und fest. Es kann keinen schöneren Moment geben, als um halb zehn Uhr durch den Wald zu latschen, ohne Ziel, ohne Aufgabe, ohne Termindruck. Nasse Füße, nasse Socken, nasse Hose: ganz egal.
Nach einigen Wochen gibt es diesen Moment am Maschsee, als meine Frau und ich samt Sohn aufs funkelnde Wasser schauen und nebenbei Flat White und Chai-Latte schlürfen. Um uns tobt das Leben: Skater, Radfahrer, Leute mit Kindern. Flaneure und Kaffeeverkäufer mit ihren Siebträgern. Lachende Leute, bellende Hunde. Und wir drei, übermüdet, einigermaßen fertig mit den Nerven, aber doch glücklich, hier zu sein.
Wir versuchen, alle Dinge richtigzumachen: Den Sohn ausreichend zu füttern, ihn zu beruhigen, ihn zu baden, ihm ein schönes Zuhause zu schaffen. Und eine Million andere Dinge. Täglich schaut unsere Hebamme vorbei, zeigt uns, wie das alles geht. Zwei Fehler pro Tag seien erlaubt, beruhigt sie uns.
Jahresrückblicke
In einer Nacht stehe ich am Fenster und schaue raus in die schlafende Welt. Alle machen weiter, als wäre nichts, und wir müssen das jetzt hinbekommen. Es gibt kein Zurück. Kein Rückgaberecht. (Nur die Babyklappe?) Nach ungefähr sechs Wochen läuft alles schon viel besser. Der Anfang war hart und schwer, anstrengend und überwältigend. Doch alles ist nur eine Phase. Und dann kommt auch schon die nächste.
Arbeit
Nach drei Monaten Elternzeit wieder zu arbeiten, das ist eine eigenartige Erfahrung, die ich Anfang September mache. Als ich vor neun Jahren nach einem Monat in Hamburg an meinen Schreibtisch in Hannover zurückkehrte, saß ich da und war schlicht schockiert: Es hatte sich nichts verändert. Die Kollegen tippten ihre Texte, tranken ihren Kaffee, machten ihre üblichen Scherze. Alles wie immer. Business as usual.
Nach den drei Monaten Elternzeit erging es mir ähnlich, aber doch anders: Erstens war mein erster Arbeitstag ein Freitag (seltsam); zweitens blieb ich im Homeoffice (angenehm), was den Wechsel deutlich abgemildert hat. Doch eine neu eingeführte Präsenzpflicht bedeutet, dass ich weniger flexibel sein kann – ein Umstand, der mir erstaunlich stark missfällt. Außerdem sollen nun wieder Dinge wichtig sein, die ich drei Monate lang verdrängt habe. Termine, Meetings, Kollegen. Deadlines, Hierarchien, Regeln. Und E-Mails, unendlich viele E-Mails. An diesem Freitag geht es abends noch auf eine Hochzeit. Es ist die erste Feier mit Sohn, und er macht die Sache gut: Er betrinkt sich hemmungslos (mit Muttermilch).
Es folgen weitere Premieren: Der Sohn fährt das erste Mal Zug (als Passagier), Regionalbahn, IC und ICE. Das Babyabteil im Schnellzug ist genial, da haben wir unsere Ruhe und müssen kein schlechtes Gewissen haben, wenn der Sohn mal laut weint. Kreischt. Jault. Im Oktober nehmen wir den Zug an die Küste, an den Timmendorfer Beach. Der Sohn liebt, dass wir so viel Zeit miteinander verbringen. Ich mag den Ort allerdings nicht, ich will zurück nach Westerland ♯.
Stattdessen geht es später nach Goslar. Als wir dort ein Restaurant betreten, murmelt eine ältere Frau: «Schön, auch mal mit Baby essen zu gehen.» Der Sohn möchte dann die Tischmatte verspeisen – aber lieber nicht. Nächstes Jahr folgen dann weitere sechs Monate Elternzeit. Dann werden wir auch wieder in den Wald gehen.