2021: Jahresrückblick anhand meiner Amazon-Bestellungen
Im Jahr 2021 habe ich insgesamt 18 Bestellungen bei Amazon getätigt. Genug für einen Jahresrückblick, der auf meinem Kaufverhalten basiert. Das Jahr beginnt mit Pflanzendünger, den ich am 22. Januar bei Amazon bestellte. Zuvor erfuhr ich, dass man Grünpflanzen nicht nur düngen könnte, sondern auch sollte. Meine Monstera1 hatte damit begonnen, einige Blätter abzuwerfen, sie wurden erst gelb und dann braun. Jahrelang wuchs die Pflanze vor sich hin und bekam regelmäßig neue Blätter, eins nach dem anderen, immer saftig-grün. Zwischendurch habe ich sie umgetopft und sie wurde noch größer. Dann kamen plötzlich die gelben Blätter und ich war etwas verwirrt: Was will sie, was braucht sie? Vielleicht Pflanzendünger! (Ein paarmal habe ich die Pflanzen gedüngt, ehe der Dünger in der Kammer verschwand. Dort stand er bis vorhin, als mir beim Betrachten meiner Amazon-Historie wieder einfiel, dass man Pflanzen regelmäßig düngen sollte.)
- Monsteras (siehe Wikipedia) sind seit einigen Jahren Trendpflanzen, die jeder Hipster bei sich in der Altbaumwohnung stehen haben sollte. Bei mir ist es so, dass ich eher kein Hipster bin, aber zwei Dinge seit Ewigkeiten gerne betrachte: Monstera-Blätter und ältere Cavalier-King-Charles-Spaniel. Die (seltsame) Vorliebe für diese Pflanze und diese Hunde muss tief in meiner Kindheit verwurzelt sein, vielleicht ergibt sich irgendwann mal ein Gespräch mit einem Psychologen, der mir weiterhelfen kann.
Am 10. März habe ich mir eine neue Kamera bestellt: die X-T3 von Fujifilm. Es macht zwar viel Spaß, mit ihr zu fotografieren, aber sie fällt irgendwie mehr auf als andere Kameras – ständig schauen mich Menschen an, wenn ich irgendwas fotografiere! Die Leute schauen, als würde ich auf offener Straße einen Hund belästigen, dabei mache ich doch nur meine harmlosen Fotos. Da war zum Beispiel ein Kioskbesitzer, der aus seinem Kiosk stürmte und mich wüst beschimpfte. Wahrscheinlich dachte er, dass ich seinen dämlichen Kiosk fotografiert hatte – und es stimmt, ich fotografiere nur Kioske und tapeziere mit den Bildern meine heimlich gemietete Zweiwohnung. Dort habe ich im Wohnzimmer einen ganzen Kiosk eingerichtet, weil ich vernarrt bin in Kioske. (Usw., usf.) Nein, mir sind Kioske völlig egal. Der Mann regte sich jedenfalls tierisch auf und ich ging schnell weg, bevor er Fantadosen nach mir werfen würden. Jedenfalls würde ich die X-T3 vielleicht nicht noch mal kaufen, sondern eine kleinere Kamera, die nicht weiter auffällt, womöglich die X100V. Aber warum gähnen Sie denn?!
For The First Time
Am 12. März bestellte ich das Album «For The First Time» von Black Country, New Road auf CD. Ich mag das Album sehr. Leider hat mein CD-Player die Angewohnheit, Songs nicht immer vollständig abzuspielen. Der Laser scheint hängen zu bleiben, was weiß ich, das Gerät hat seinen Job noch nie ordentlich erledigt. Ich habe es sogar einmal umgetauscht, vor allem, weil der CD-Halter (aus Plastik) schräg war, leicht schräg, aber schon sichtbar schräg. Der Saturn-Mitarbeiter fand das zwar übertrieben, aber er hat mir trotzdem einen neuen Karton samt CD-Player gegeben, der nicht immer alles abspielt, was auf den CDs enthalten ist. (Als zwischendurch auch unser Sonos-System Songs übersprang, war das kein leichtes Leben mehr.)
Am 16. Mai 2021 bestellte ich das Buch «The Anthropocene Reviewed»2 von John Green, dessen Podcast wie das Buch heißt und den ich gerne höre. Als ich selbstständig war und meine Mittagspausen gerne auch mal zwei Stunden dauerte, habe ich zahlreiche Podcasts entdeckt und gehört: Zeit Verbrechen, klar, Gemischtes Hack, klar, und auch S-Town, 99 Percent Invisible, Twenty Thousand Hertz, Freakonomics Radio, Wind of Change und viele mehr. Das bestellte Buch ließ dann lange auf sich warten.
- Bücher kaufe ich meistens im Buchladen um die Ecke (oder bei «Kafka» in Detmold). Bei Amazon bestelle ich hin und wieder englische Bücher, weil die preislich unschlagbar sind, und manchmal bin ich halt ein Sparfuchs, der gerne 5 Euro spart. Selten kaufe ich E-Books für meinen Kindle, zum Beispiel Dan-Brown-Romane für den Urlaub, die will ich nicht auf Papier haben.
Niemand hat ihn getötet
Am 26. Mai bestellte ich den Krimi «Ich habe ihn getötet» von Keigo Higashino. Ich lese gerne Bücher von japanischen Autorinnen und Autoren, seit ich verspätet Haruki Murakami für mich entdeckte. (Das schrieb ich auch schon in meinem Jahresrückblick 2020.) Von Keigo H. habe ich alles gelesen und mindestens gemocht, aber das Buch hier habe ich eigentlich gehasst, denn der Autor verrät am Ende nicht den Mörder, die Mörderin! Das sollen die Leser selbst machen. Ich müsste das Buch also abermals lesen und die Hinweise erkennen und schließlich kombinieren, wer den Dings ermordet hat. Dafür habe keine Zeit, darauf habe ich keine Lust. (Ich lese nur selten Bücher ein weiteres Mal. Am meisten – nämlich viermal – habe ich «Plattform» von Michel Houellebecq gelesen.)
Am Strand
Am 29. Juni bestellte ich eine Strandmuschel. Wir fuhren dann nämlich nach Rügen und saßen dort an diversen Stränden. Die Muschel gab uns Schutz und Geborgenheit. Sie ist nicht unbedingt schön, aber auch nicht so abstrus hässlich wie die anderen Strandmuscheln, die dort an den Stränden zu betrachten waren. Praktisch ist das aufblasbare Kissen, das ich ebenfalls bestellte: Mit wenigen Atemzügen war es prall genug, um meinen schweren Kopf zu halten. Da lag ich also und starrte entweder in den blauen Himmel oder in die blaue Strandmuschel. Zwischendurch richtete ich mich auf und betrachtete nackte Menschen, die dort überall herumlümmelten. Urlaub in Deutschland ist schön und gut, dachte ich, aber es ist weiterhin nicht das Wahre. Geradezu erleichtert war ich, als wir im Spätsommer doch noch in ein Flugzeug stiegen und eine wunderbare Zeit in Barcelona3 verbrachten. Ohne Strandmuschel.
- In Barcelona habe ich den besten Jazz-Plattenladen der Welt entdeckt: «Jazz Messengers» in Eixample. Dort kaufte ich mir die Jubiläumsausgabe von «Giant Steps» (John Coltrane). Die Verkäuferin war äußerst sympathisch und freundlich und bewandert. Dass ich eigentlich erst wenig Ahnung von Jazz habe, konnte ich gut verbergen, indem ich den Laden mehrfach und überschwänglich lobte. Er hat es aber auch verdient! Allein seinetwegen muss ich schnell zurück nach BCN.
Am 6. Dezember machte ich mir quasi selbst ein Nikolausgeschenk und bestellte das neue Mastodon-Album, es heißt «Hushed and Grim». Diesmal nicht als CD, sondern als Vinyl. Mein Plattenspieler ist derzeit nicht am Verstärker angeschlossen, denn seit wir einen neuen Fernseher haben, ist auf dem Lowboard nicht mehr genügend Platz für den Plattenspieler. Jahrelang schauten wir Filme und das «Dschungelcamp» auf einem 32-Zoll-Fernseher (sic!), das glaubte uns niemand und viele Besucher standen in unserem Wohnzimmer und lachten uns geradezu aus. «Damit schaut ihr Filme?!», riefen sie und riefen sogleich Freunde und Verwandte an, um ihnen von dieser Ungeheuerlichkeit zu erzählen. «Hör mal zu, da sind zwei, die schauen Titanic auf einem 32-Zoll-Fernseher!» No more! Diese Zeiten sind vorbei, denn im Sommer fuhren wir in den hiesigen Saturn und ließen uns beraten4. Alsbald stand er da, ein TV der Marke SONY. 55 Zoll, OLED, wunderbar. Nur dass der Plattenspieler jetzt nicht mehr neben den Bildschirm passt.
- Es ist (natürlich) so, dass ich mich leicht obsessiv in das Thema TV-Kauf einlas und einarbeitete und gerade davor vor war, völlig durchzudrehen, als wir spontan bei Saturn die aktuellen Fernsehgeräte betrachteten. Ein Fachverkäufer löste sich aus den Kulissen und gestand unaufgefordert seine Liebe zu SONY-Geräten. Er selbst habe sogar seine Ehe aufgegeben, um nun allein mit einem 55-Zoll-TV der genannten Marke glücklich zu werden. Es sei die richtige Entscheidung gewesen, betonte er mehrfach. Wir beglückwünschten den Mann und taten so, als müssten wir uns das mit dem TV noch mal genau überlegen und verließen den Saturn fluchtartig. Am Folgetag erstanden wir den Fernseher bei Media Markt.
Am 21. Dezember lag «The Anthropocene Reviewed» plötzlich doch noch im Briefkasten. Am 16. Mai bestellt, im Dezember angekommen. Immerhin hat sich das Warten gelohnt, das Buch ist sehr gut: Ich vergebe 4,5 Sterne. Am 23. Dezember habe ich bei Amazon spontan ein Last-Minute-Geschenk bestellt, das tatsächlich am Vormittag des folgenden Tages im Briefkasten lag. Das war dann die kürzeste Wartezeit in diesem Jahr.
Textgenuss und Schnaps: Meine erste Lesung
In Hannover gibt es die Lesebühne, die «Schnaps und Textgenuss» verspricht. Autorinnen und Autoren dürfen dort ihre Geschichten vorlesen – Kurzgeschichten, Auszüge aus Romanen, Gedichte oder eine ganz andere Gattung (Anleitungen?). Spontan reichte ich am Tag der Deadline einige meiner Geschichten ein, die ich für den Young Storyteller Award geschrieben hatte. Und tatsächlich durfte ich am 10. Oktober auf der Bühne sitzen und meine Werke vorlesen. Es war das erste Mal, dass ich der Öffentlichkeit etwas vorgelesen habe!1
- Es war dann auch etwas seltsam, als ich zu Hause das Vorlesen geübt habe. Ich saß auf dem Sofa und erzählte den Wänden und Möbeln (und Nachbarn) ein paar Geschichten. Nach zwei, drei Storys habe ich mich fast dran gewöhnt und am Abend selbst hat es mir sogar Spaß gemacht. Das wiederhole ich im nächsten Absatz nochmal:
Es hat mir großen Spaß gemacht, auch das Zuhören. Gelesen haben außer mir noch Angela Regius, Ronja Lobner und Burkhard Wetekam, der mich auf das Autor:innenzentrum Hannover (hannoverschreibt.de) aufmerksam machte, dem ich dann auch beitrat. Jedenfalls sind die Lesungen allesamt in der Soundcloud zu hören; mein Teil befindet sich hier.
Die Lesebühne ist Mitglied im Netzwerk Unabhängige Lesereihen. Besonderen Wert legt der Verein auf eine große Vielfalt von Locations: Vorgelesen wird in Kneipen, Cafés, im Theater. An jenem Abend, als ich auf der Bühne saß und las, waren wir im Fiasko in Linden-Nord zu Gast. Und es gab tatsächlich Schnaps.
Stilkritik: Deutsche Fewos sind pottenhässlich
Natürlich würden wir dieses Jahr gern ins Ausland reisen, nach Tel Aviv vielleicht, oder nach Paris. Nach Madrid oder Cagliari. Als Plan B schwebt uns nun aber Sylt vor, der Deutschen liebste Insel, das Zuhause von Gosch und Sansibar. Als Kind habe ich dort (fast) Fahrradfahren gelernt1. Seitdem will ich zurück nach Westerland. Allerdings hat ein Urlaub in Deutschland so seine Eigenheiten.
- Außerdem habe ich mich auf Sylt heftig übergeben müssen. (TMI?) Schon seltsam, welche Ereignisse im Hirn ein ewiges Zuhause finden: Ich sehe mich als Kind vor einem flachen Fliesentisch sitzen, der vor einer braunen Couch steht. Ich hocke auf dem Teppich und betrachte den Vanillepudding, der vor mir steht und auf dessen Oberfläche sich eine eklige Haut gebildet hat. Außerdem steht da ein Wurstbrot und noch mehr. Ich esse alles durcheinander auf – später wird mir richtig übel und so weiter, und so fort.
Auf der Suche nach einer hübschen Unterkunft auf Sylt werden wir abermals mit einem grässlichen Umstand konfrontiert: Deutschland hat keinen Geschmack, Deutschland will von modernem Interior Design nichts wissen. In den meisten Ferienwohnungen spielt guter Stil schlicht keine Rolle – nicht einmal Statist ist er. Da werden Wände orange angemalt, als wäre das eine hervorragende Idee. Da werden unironisch Wandtattoos in die Raufasertapete gestochen und «lustige» Sprüche im ganzen Haus verteilt. Da werden Sperrmüllstühle aufgestellt, Ledersofas, blaue Sessel, Fliesentische usw. Die Bettwäsche ist blutrot, als wäre im Schlafzimmer ein brutaler Mord geschehen. Als hätte ein Triebtäter lustvoll ein Massaker veranstaltet. Der zuständige Ermittler: «Ich mache den Job seit 30 Jahren, aber so eine Ungeheuerlichkeit habe ich noch nie gesehen!»
Bei der Farbgestaltung vieler Fewos gilt offenbar der Grundsatz: Die eine Wand ist weiß – also muss der ganze Rest völlig farbenfroh sein. Teppiche in blau? Wie das Meer! Ledersofas in beige? Wie der Strand! Vorhänge in Gelb? Wie die gleißende Sonne! Deutsche Ferienwohnungen sind das krasse Gegenteil von AD. Trotzdem kostet die Nacht 150 Euro. Es ist zum Verzweifeln.
Ein positiver Gedanke am Morgen kann Deinen ganzen Tag verändern – behauptet das Wandtattoo
Eine Stilkritik
Leise wimmernd2 klicke ich mich durch die Portale und betrachte durch einen Tränenschleier die Fotos. In der einen Fewo sind die beiden Sessel mintgrün und mit einem pelzigen Samtstoff bezogen; als säße man auf Schimmel. In der Ecke steht ein Deckenfluter, der ist goldig und zwanzig Jahre alt. Für die Gemütlichkeit sollen Deko-Elemente sorgen, die in anderen Wohnungen irgendwie übrig waren. Da steht zum Beispiel ein verstaubter Mini-Leuchtturm, der nie leuchten wird. Und an den Wänden hängen Bilder, die laut brüllen: «Belanglos, beliebig – Augenkrebs!» Ich sehe Bilder mit Strandkörben, Muscheln und Sand. Als müssten die Fewos unbedingt die Außenwelt spiegeln. Ästhetische Faulheit allerorten. Ich kann nicht mehr.
- Heute wird mir nicht mehr nur vom Essen übel, sondern von der grotesken Hässlichkeit, die viele Ferienwohnungen auszeichnet. Ich verstehe nicht, wieso die Vermieter nicht einfach alles bei IKEA erwerben. Warum dieser Zwang, seinen Sperrmüll nicht abholen zu lassen und stattdessen ins Ferienhaus zu stellen? Als wäre die Fewo ein Gnadenhof für bauchige Röhrenfernseher. Nachhaltigkeit hin oder her – nach zwei, drei Jahrzehnten hat das olle Sofa seinen Tod redlich verdient! Lasst es sterben, lasst es brennen. (Usw.)
PS: Wem es wie mir geht, sollte sich die Seite Urlaubsarchitektur angucken: Dort sind «architektonisch anspruchsvolle Ferien- und Gästehäuser» verzeichnet. Ein Lichtblick!
Challenge: Täglich 10.000 Schritte gehen
Die Geißel des schreibenden Stubenhockers ist das Sitzen. Der Rücken wird krumm und die Gelenke werden morsch. Was dagegen tun? Aufstehen und in Bewegung geraten! Eine Woche lang habe ich mir vorgenommen, täglich mindestens 10.000 Schritte zu gehen oder zu laufen. Ich hatte am Montag und Dienstag (versehentlich) diese Marke überschritten und dachte: Die restlichen fünf Tage schaffe ich auch noch. Es war jedoch erstaunlich anstrengend – besonders am Sonntag.
Murrend um die Häuser
Zehntausend Schritte sind ganz schön viel, das ist ganz schön weit, nämlich sieben bis neun Kilometer. Diese Distanzen bin ich nie ab Stück gelaufen, ich musste mich mindestens zweimal am Tag aufraffen und eine Runde gehen oder durchs Gestrüpp joggen. Vor einigen Jahren, als ich noch voller Freude durch die Gegend joggte, lief ich mindestens zehn Kilometer am Stück, in unter 55 Minuten. Doch das ist lang vorbei. Leider!
Abends saß ich schon fast auf dem Sofa, als mir einfiel, dass noch 2000 Schritte bis zum Ziel fehlen. Also ging ich (leise murrend) vor die Tür und umrundete die Häuserblöcke, als wäre ich mit meinem unsichtbaren Hund unterwegs. (Der würde Natascha oder Ciabatta heißen und manchmal schnappen. Als Belohnung bekäme er selbst gebackene Leckerlis.)
Am Sonntag bin ich losgerannt und durch den Stadtwald gejoggt. Ich wollte in kurzer Zeit möglichst viele Schritte sammeln. Nur kommt Google Fit mit dem Laufen nicht so gut klar – am Ende der Tour hatte ich erstaunlich wenig Schritte auf dem Tacho. Oder die App ist so klug und zählt beim Laufen größere Schritte1. Ich nehme an, dass beim normalen Gehen die Schrittlänge kürzer ist als beim Laufen, man also mehr Schritte pro Kilometer sammelt. Jedenfalls flanierte ich dann auch am Sonntagabend meine «sinnlose Runde» durch den Stadtteil, um die fehlenden Schritte abzulatschen. Es war kalt, weil der Wind von vorn wehte. Es war dunkel und vor allem langweilig. Hätte ich doch einen echten Hund, mit dem ich über Luhmanns Systemtheorie quatschen könnte.
- Genau genommen liest die App ja nur den Bewegungssensor im Handy aus und interpretiert die erfassten Daten. Wahrscheinlich ist das sogar ziemlich genau (und ich hätte einfach eine Extrarunde joggen müssen).
Alles nur ausgedacht
Die täglichen 10.000 Schritte sind übrigens Quatsch und basieren keineswegs auf wissenschaftlichen Studien. Die willkürliche Zahl stammt aus der Werbung, alles nur ausgedachtes Marketing. Es würden wohl auch 7500 Schritte am Tag ausreichen, sagen einige Studien. Andere gehen davon aus, dass 10.000 sogar zu wenig sind. Nichts Genaues weiß man nicht. Ich jedenfalls habe mein Tagesziel erst einmal reduziert, auf 7500, damit ich motiviert bleibe, mich täglich zu bewegen.
Update: Eine neue Studie zeigt, dass bereits 4000 Schritte pro Tag gesünder machen. Es gilt aber: je mehr Schritte, desto besser für die Gesundheit. «Bei Menschen unter 60 Jahren sank der Analyse zufolge das Sterberisiko bei 7000 bis 13.000 Schritten pro Tag um 49 Prozent», schreibt der Spiegel.
2020: Ein persönlicher Jahresrückblick
Im Januar war alles noch normal. Wir saßen weit hinten im Aegi-Theater, vorne scherzte Felix Lobrecht1 und wir lachten Tränen. Hype-Tour, ausverkauft, viele junge Leute wuselten umher; ich fühlte mich ein wenig alt. Zwei Wochen später steht das Publikum, weil es keine Bestuhlung gibt. Seltsam. Patrick Salmen darf sitzen, vorn auf der Bühne, während er vorliest und erzählt. Wie eine Party, nur dass niemand tanzt. Aber wir trinken und ich stoße versehentlich meinen Becher um. Deshalb stehe ich den Rest des Abends in einer Pfütze und hoffe, dass mir niemand Inkontinenz unterstellt. Bis dahin also ein normales Jahr.
- Hype und Kenn ick gibt es inzwischen bei Netflix. Ich empfehle außerdem Tropical von Hazel Brugger. (Darf man eigentlich Louis C.K. wieder lustig finden? Too soon?)
Hiergeblieben!
Dann die ersten News aus China. Sie zimmern in kurzer Zeit ein Krankenhaus zusammen, das steht dann da. Verrückt, kaum zu glauben. Eine mysteriöse Lungenkrankheit greift um sich. Pandemie, COVID-19, Thema des Jahres. Plötzlich ist es normal, mit Maske durch den Aldi zu stolpern. Zugfahren mit Maske ist normal, ebenso Flanieren mit Maske und Urlaub mit Maske. Wir wären dieses Jahr gern nach Italien gereist, doch das ging nicht. Stattdessen Dangast im Norden. Wir wären gern nach Peru gereist, doch das ging nicht. Stattdessen Tegernsee im Süden. Auch schön, aber eben anders. Es ist komisch, wenn man alles versteht und mit jedem normal reden kann. Kein wortsuchendes Stottern, kein «Donde está la, ääh, biblioteca?» Es ist auch komisch, dass Deutsche immer etwas, nun ja, anstrengend sind. Selbst im Urlaub. Sind wir – meine Frau und ich – eigentlich auch so?2
- Seit ich eine praktische Regenjacke von Jack Wolfskin besitze, frage ich mich täglich: Bin ich jetzt auch ein öder Spießer? Eine Kartoffel? Ich rede mir dann ein: nee. Denn ich habe keine Brille, die von selbst zur Sonnenbrille wird, und ich habe auch keine lange Hose, die via Reißverschluss zu einer kurzen wird. Aber Moment mal, ist das da etwa ein Deuter-Rucksack auf meinem Rücken?!
Richtig arbeiten
Während Deutschland das Home-Office entdeckte, änderte sich für mich in dieser Hinsicht nichts. Als selbstständiger Schreiber schrieb ich weiterhin von zu Hause. Ich habe die Zeit vor allem genutzt, um an meinen literarischen Texten zu arbeiten. Geld zahlt mir noch niemand dafür, aber es ist unheimlich beglückend, Texte reifen zu sehen. Aus einer flüchtigen Idee wird ein brauchbarer Entwurf, wird eine runde Geschichte mit gutem Ende. Nur: Wer veröffentlicht eigentlich Kurzgeschichten? Und wer liest die? («Niemand, du Lappen!», mault der pessimistische Hausgeist, der über meinem Kopf schwebt. «Geh lieber richtig arbeiten!»)
Mein Hauptprojekt ist eine Langgeschichte, ein Roman, der in den vergangenen Monaten ordentlich zugelegt hat. Manchmal glaube ich, dass er gut genug für den harten Buchmarkt ist – regelmäßig überkommen mich jedoch auch Zweifel. Das muss wohl so sein. Für 2021 habe ich mir jedenfalls vorgenommen, mich endlich an Literaturagenturen zu wenden und meinen Roman zu pitchen. Aufregendes Gefühl, fast schon Euphorie. Doch da ist auch eine latente Furcht, dass niemand meine Sätze lesen will.
Ich habe 2019 meine Festanstellung gekündigt, weil ich mehr schreiben wollte, keine Fachartikel, keine Meldungen, sondern Belletristik. Das habe ich 2020 getan und das war wunderbar. Andererseits vermisse ich (natürlich) gewisse Dinge: Kollegen, Teamwork, Rückhalt und auch ein festes Einkommen. Hätte ich in diesem seltsamen Jahr vor der Entscheidung gestanden, meinen Job zu kündigen – ich hätte es wohl nicht getan. Oder doch. Wer weiß?
Lesen und Hören
Wer schreibt, muss viel lesen. In diesem Jahr waren das vor allem Bücher von japanischen Autorinnen und Autoren: Verdächtige Geliebte, Heilige Mörderin und Unter der Mitternachtssonne von Keigo Higashino. Außerdem Die Ladenhüterin von Sayaka Murata, 50 von Hideo Yokoyama sowie Kafka am Strand von Haruki Murakami, den ich erst 2017 für mich entdeckt habe. (Momentan lese ich die Neuübersetzung vom Aufziehvogel.) Beeindruckt hat mich Im Keller von Jan Philipp Reemtsma. Der Publizist und Mäzen verarbeitet darin seine Entführung im Jahr 1996.
Gehört habe ich viele Podcasts: Zeit Verbrechen (Folge 17 befasst sich mit der Reemtsma-Entführung), Wind of Change, S-Town (großartig!), Rabbit Hole und weitere. Außerdem hörte ich viel Jazz, die alten Klassiker, vor allem John Coltrane. Bester Mann, leider viel zu früh gestorben. Neulich las ich die tolle Biographie von Peter Kemper, die kann ich auch wärmstens empfehlen. Bin dann zurück in den Buchladen (sic) gegangen, um Giant Steps auf CD (sic) zu erwerben, aber die war mir dann zu teuer. End of story.
Wer kauft denn 2020 noch CDs? Ich. Meistens höre ich zwar Musik über eine einsame Sonos-Box im Wohnzimmer, manchmal aber eben auch über die kraftvolle Stereo-Anlage ebendort3. Der Sound ist um Welten besser! (Duh.) Die Anlage hat jedoch keine Verbindung zum WWW, also muss ich wie ein Hurensohn CDs einlegen. Also: Sie erst einmal suchen, dann den Player überreden, dass er sie bitte, bitte auch annimmt. Nölig lehnt er CDs gern ab, weigert sich, sie zu spielen. Als wäre der CD-Player ein totaler Schlager-Fan und würde nur Helene F. spielen wollen. Auch die Sonos-Lautsprecher sind gern mal zickig und verweigern sich ihrer Bestimmung. Wie auch der drahtlose Drucker, der seit unserem Umzug vergangenes Jahr nicht mehr auf Anhieb druckt. Und wenn der gnädige Kasten doch mal druckt, druckt er erst mal nur wirre Zeichen auf tausend Seiten, als wäre er vom Teufel besessen.
- Die anderen Boxen stehen im Esszimmer und in der Küche. Insgesamt beschallen drei Sonos One unsere Mietwohnung, deren Wände aus verklebten Pappen bestehen. Deswegen ist Action-Kino auch nicht dri, denn der Bass bollert bis in die fünfte Etage. (Liebe Grüße an Martina!)
Stadtleben
Apropos Umzug: Seit genau einem Jahr leben wir in einem anderen Stadtteil (für Kenner: in der List in Hannover). Zuvor wohnten wir in der Südstadt (für Kenner: nicht weit vom Maschsee entfernt). Den Umzug hat ein Umzugsunternehmen4 erledigt, das war schon erstaunlich. Die drei Männer haben in vier Stunden alles in den Lkw geschoben und ein paar Kilometer entfernt wieder ausgeräumt. Ratzfatz ging das, genial. Nie wieder werde ich auch nur einen Umzugskarton (voller Kissen) selbst schleppen!
- Etwaige Nachteile: Die Gardinenstange haben die Männer hektisch und einigermaßen schlampig an die Wand gedübelt – sie kam uns einige Monate später krachend entgegen. Außerdem haben die Männer den Turm aus Umzugskartons zu hoch gestapelt – Gott wurde wütend und zerstörte den Turm. Der Plattenspieler fiel vom Gipfel hinab und brach sich ein Bein. Usw.
Der neue Stadtteil ist lebhafter als der alte: Mehr Leute, die sabbeln, und viel mehr Kinder, die kreischend auf Bäume klettern oder Bälle gegen Metallzäune bolzen. Dann sind da noch die Autos, die Baustellen, die Laubbläser und die komischen Nachbarn, die sich lautstark und stundenlang anbrüllen. Manchmal fantasiere ich mich in eine einsame Hütte im Wald; tief im Wald, abgeschieden vom Rest der Welt. Da hocke ich und – tja, was dann eigentlich? Gibt es da Internet? Und was will das Wildschwein von mir? Ach so, es will Bahn-Tickets ausdrucken. Sorry, aber der Drucker möchte heute nicht. […] Will sagen: Je älter ich werde, desto mehr mag ich Stille. Das ist aber ganz normal, glaube ich. Vielleicht gönne ich mir 2021 ja Kopfhörer mit ANC. Und einen neuen Drucker.
Laufen und latschen
Ein neuer Stadtteil bedeutet auch: neue Jogging-Strecken! Vorher hatte ich den Maschsee in der Nähe (6 Kilometer Umfang – perfekte Jogging-Runde), jetzt laufe ich meistens einen langen Kanal entlang. Der ist ziemlich langweilig. Ich überquere dann irgendeine Brücke und laufe auf der anderen Kanalseite wieder zurück. Na ja. Sportlich habe ich mir außerdem das Ziel gesetzt, jeden Tag 10.000 Schritte zurückzulegen. (Ich überwache das mit der Google-Fit-App, die natürlich nicht mitzählt, wenn ich in der Wohnung vor Wildschweinen weglaufe.) Es ist gar nicht so leicht, täglich auf 10.000 Schritte zu kommen, oft liege ich knapp darunter. Mein Rekord für 2020 liegt bei immerhin 28.544 Schritten an einem Tag – da war ich in Berlin jewesen, wah! Monatlich lande ich bei durchschnittlich 250.000 Schritten. Außerdem finde ich, dass das Laufen […]. Oh, die Zeit ist leider um, also Schluss jetzt, wer soll das denn alles lesen? Das Jahr geht jedenfalls vorbei und ein neues beginnt. Wird spannend!